Dienstag, 22 of Mai of 2012

Quo vadis?

(lat. Misstrauen: diffidentia)

Es war einmal eine kleine Diffidentin, die bekam ein Paket. Nein so war es nicht. Sie sollte ein Paket erhalten, aber als der Postbote klingelte, war sie nicht zu Hause. Tatsächlich war die kleine Diffidentin nie zu Hause, sondern setzte sich oft stundenlang der Außenwelt aus, um das ein oder andere Misstrauen zu nähren. Denn Misstrauen will wohlgenährt sein. Sonst geht es ein.
Als die kleine Diffidentin nun den gelben Zettel im Briefkasten fand, der ihr bedeutete, sie müsse ihr Paket in der Nachbarschaft abholen, brach all das wohlgenährte und gut gehütete Misstrauen in vollen Eimern aus ihr heraus: Das Paket war in der neuköllner Nachbarschaft abgegeben worden! In der räudigen Nachbarschaft von asozialen Pennern und wer weiß was für Leuten, die noch nie das Tageslicht gesehen hatten. Jaja, sie liebte Multikulti und Sozialschwach, Berlin ist arm, aber sexy. Und das Paket war weg. Read more »


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Days like this

Zwei Klofrauen im Vorraum der Toiletten.
Im Vorbeigehen sagt die eine zur anderen: „Scheißtag.“


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Meine Matte is my castle

Wenn man dem Alter eines Tanzschülers entwachsen ist, bleibt einem – was das Motorische angeht – vornehmlich das Fitnessstudio, um sich der kollektiven Hochnotpeinlichkeit auszusetzen.
Schon der Gang an den Kraftmaschinen entlang, an denen sich die verschiedenen Menschenmodelle schwitzend und schnaufend schinden, ist ein Vorgeschmack auf den kühlen Ernst welcher in den heiligen Hallen der „Studio“ genannten Turnräume herrscht. Jeder, der dort durch die Glastür kommt, wird von der schon weit vorher aufgelaufenen Rentnerschar streng gemustert. Das sind nicht irgendwelche Pensionäre, das sind stahlharte Nachkriegsturner, mit verdeckt arbeitenden Muskelpaketen. Das sind Fitnessrentner, die jeden Tag ins Studio kommen, Liegestütz und Hanteltraining zum Aufwärmen machen, um dann noch kurz vor dem Duschen eine halbe Stunde Bauchmuskelexpress dazwischen zu schieben. Zum Runterkommen.
Jeder dieser Rentner steht hinter seiner Matte, auf der bereits säuberlich ein farblich passendes Handtuch liegt. Daneben hat er oder sie alles, was der Kurs an Beiwerk benötig: Expander, Gummiseile, Hanteln, Wasserflasche, Extra-Handtuch, Gewichtsscheiben, Extra-Matte, Extra-Socken. Manchmal auch ein Haarreif oder ein spezieller Verband. Vitamintabletten.
Die Neue, die so wie ich nur mit einem Handtuch unter dem Arm eintritt, wird nicht einmal mehr belächelt. Da stehen die alle schon drüber. Nur ein Handtuch ist wie Auto ohne Servo oder Dachgeschosswohnung ohne Lift. Nett … Read more »


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Das Lied vom Eisfach


Nach Schillers „Das Lied von der Glocke“

Fest gesteckt in Einbauküchen
Steht die Form, in Plastik gerahmt.
Heute muss das Eisfach kommen.
Geschwind Lieferanten, seid zur Hand.
Von der Achsel Schweiß
Muss Rinnen zum Gesäß,
Soll das Werk den Monteur loben,
wenn er wuchtet es nach oben.

Zum Kühlschrank, den wir zuvor hatten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn viel Strom wir stets bezahlen,
dann kühlt er gerne munter fort.
So sehr wir nun die Lage betrachten,
was uns der lahme Schrank noch bringt,
Energieklasse D muss man verachten,
denn nie bezahlt sich, was er vollbringt.
Das ist’s ja, was den Haushalt zieret,
Ein Schrank mit Eisfach an der Wand,
Das einen zum Cocktail mit Eis verführet,
Und das jeden Abend mit eigener Hand. Read more »


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Schleckertrümmerfrauen

Die Schleckerfrauen hängen in der Luft. Normalerweise stehen sie hinter der Kasse. Oder sie räumen Regale ein, sagen einem den Preis für Babynahrung und Katzenfutter oder muffeln im Lager herum.
Laut Nachrichtensprecher hängen sie nun in der Luft. Schlecker geht pleite, und ohne Schlecker gibt es auch keine Schleckerfrauen mehr.
Herr Rösler von der FDP weiß zu berichten, nun gälte es für die einzelnen Mütter und älteren Frauen „schnellstmöglich eine Anschlussverwendung selber zu finden“. Spontan überlege ich mir, ob man nicht gegen diese viel zu hohe Frauenquote bei Schlecker vorgehen sollte. Oder wie man einzeln Mutter wird. Es scheint, als hingen da wirklich nur Frauen in der Luft. Einzelweibchen ohne Heinzelmännchen. Ältere Frauen, für die es nun keine Schleckerverwendung mehr gibt, die sich nun anschlussverwenden lassen müssen. Und sich das auch noch selber suchen sollen. Die Verwendung ihrer selbst, scheinbar in ihren Händen. Read more »


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Schlüsselszene

Damals. Damals wohnte ich in einer anderen Stadt, aber auch einer mit Flughafen. Damals hatte ich schon dieselbe liebe Freundin, und die war schon seit Jahren verliebt in einen jungen Mann. Der aber gedachte nichtsdestotrotz, zwei Semester einen Ozean und mehrere Staaten entfernt in Texas zu studieren. Mit Austauschprogramm, Studienfreund und gepacktem, dickem Rucksack.

Die liebe Freundin war verliebt genug, den Liebsten trotz dieser immensen geografischen Abstandsnahme in ihrem Auto samt Freund und Rucksack in meine Stadt zum Flughafen zu chauffieren.

Ankunft am Vorabend, parkplatzunfreundliche Wohngegend, deshalb der Entschluss, mir erst einmal ohne dicke Rucksäcke guten Abend zu sagen. Vielleicht auch die leise Hoffnung, dass sich unter meinen 4 oder 5 Mitbewohnern noch freiwillige Gepäckträger finden würden. Die beiden Reisenden und die Chauffeurin stiegen also aus dem Auto, drückten alle Knöpfchen hinunter (für die Generation Handy: Ja, damals gab es nicht nur Telefone mit Scheibe und Schnur, sondern auch eine Autoverriegelung, die man durch das Herunterdrücken innenliegender Knöpfchen aktivieren konnte.) Durch die Straße hallte das dreifache Zuschlagen von Autotüren. Dann ein Klirren. Dann ein Fluch, dann ein dreifacher Fluch. Read more »


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Irgendwas irgendwo

Zurzeit bin ich davon überzeugt, dass ich einen Glasssplitter im Hals stecken habe. Just unter der rechten Mandel oder in der Biege davor, oder daneben. Seitdem ich von dem kaputten Glas getrunken habe, ohne es zunächst zu bemerken, steckt mir jeder Bissen im Halse fest, weil ich denke, der Glassplitter blockiert alles. Im Geiste fasse ich an die kratzige Stelle und ziehe ihn heraus.
In der Realität fummele ich tatsächlich ständig zwischen Zäpfchen und Backenzahnreihe herum, in der verzweifelten Hoffnung ich könne einen winzigen Glassplitter mal eben so am Schlafittchen packen. Wenn da die Sache mit dem Brechreiz nicht wäre, hätte ich meinen Arm bereits bis zum Ellenbogen in der Speiseröhre. Es gab Situationen – gerade auch am Arbeitsplatz – da stieß mein Verhalten durchaus auf Befremden. Dass einen die Kollegen manchmal ankotzen, will ja keiner wirklich wörtlich meinen.
Die Sache ist – es ist nicht das erste Mal, dass ich glaube, mir stecke ein Glassplitter irgendwo. Read more »


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Fipsi und die Torte

„Röhösler kommt!“, hauchte die dicke Pressefrau und drückte mir ihren gesamten Tascheninhalt, den sie zuvor am Körper trug, in die Hand. „Das trägt so auf!“, ruft sie noch, rotfleckig vor Aufregung, bevor sie in der Menschentraube verschwindet, die den schmächtigen Bundesminister für Wirtschaft umringt. Ich blicke auf das ultraschmale Smartphone in meiner linken Hand, dass den Kohl, respektive die Frau, nun auch nicht wesentlich fetter gemacht haben konnte.
Bevor „Röhösler“ kam waren die Mitarbeiter am Messestand fast vor Langeweile gestorben. Die CeBit – ein Symbol der Gestrigkeit, der nur die Beutesammler am letzten Tag noch die Treue halten. Ab und an kreuzten am Stand eine Horde Schüler auf, die nach Kugelschreibern fragten. Wir hatte keine.
Und ich hatte schon gar nichts. Keine Lust, keine Ahnung von IT und keine bequemen Schuhe. Was ich hatte war ein Mikrofon, mit dem ich die jeweiligen Redner unserer pufeligen, teppichbelegten Lounge vorstellen sollte. Als ich mich den Satz „Open-Source Framework für skalierbare inhaltliche Erschließung von heterogenen. Datenquellen“ sagen hörte, war ich kurz davor einfach wortlos den Ort des Geschehens hinter mir zu lassen. Was machte ich da eigentlich? Und warum? Read more »


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Fachgespräch

gack.jpg

Mutter: „Guck mal, das ist ein Gack-gack!“

Kleinkind: „…“

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Klage eines Unterlings

Die Hierarchie – sie ist ein Schwein,
sie nutzt den Unterling als Bein.
Geht was schief, so kriegt er Prügel,
drängt er nach vorn, ergeht’s ihm übel.
Selbstständigkeit und klares Denken –
am unter ‘n Ende kann man’s sich schenken.
„Froh zu sein Bedarf es wenig“ –
ist der Wahlspruch eines Königs.

Ein Aufstieg in der Hierarchie,
geht auf den Rücken, nicht aufs Knie.
Nach oben buckeln – nach unten treten,
ist die Frucht aus ihren Beeten. Read more »


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