Freitag, 3 of September of 2010

Procrastination

„When I don’t wanna do something, I start cleaning the house. And I find dirt in places, where there can’t be any dirt at all“, waren zwei meiner wichtigsten Lehrsätze, die ich aus dem Grafikdesignstudium mitgenommen habe. Mein Tutor sprach damals von den Schwierigkeiten mit unliebsamen Abschlussarbeiten zu beginnen.
Ich habe sie begonnen und zu Ende gebracht und mich beinahe gleich mit. Dank meiner Fähigkeit alles und jeden zu prokrastinieren war es bis zuletzt außerordentlich spannend.
Meine Wohnung hingegen blieb so unaufgeräumt wie zuvor, denn wenn ich etwas nicht tun will, gehe ich nicht putzen sondern essen. Ich stehe morgens auf, mache mir eine Liste wichtiger Erledigungen, auf der das wirklich wichtige fehlt und gehe zu meinem kleinen japanischen Imbiss oder auch mal zum Vietnamesen. Dort trinke ich exotische Säfte, lese billige Magazine, esse ein Süppchen und verstecke mich vor den unsichtbaren Tagesordnungspunkten auf meiner Liste.
In Wirklichkeit denke ich aber an nichts anderes. Read more »


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drei

gleich eines bogens der sich nicht krümmte,
um spannung
zu halten
fällt einer aus liebe
zwischen unseren köpfen hin –
dort wo er nicht
wasser, licht und früchte bedarf,
denn alles leben
ist ihm schon verloren.

wieder schloss sich der kreis
und anfang steht für ende.
unser heil,
welches wir nicht mehr erleben werden,
ohne liebe.

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Verbotene Photos

Das Regal. Der Verkäufer von hinten. Das Preisschild, eine andere Kamera, ein Finger auf der Linse. Die gegenüberliegende Wand mit den Bildern der Mitarbeiter, wieder das Preisschild, ein Gesicht eines etwa fünfzigjährigen Mannes. Er guckt nach links, dann ein kleiner Junge. Sein Sohn? Davon drei Aufnahmen.
Dann wieder die Regalzeile mit den MP3 Spielern, der Boden, eine weitere Kamera und schließlich das türkische Mädchen mit dem scheuen Blick und den hochgezogenen Schultern.
Offensichtlich wollte sie nicht photographiert werden, oder ahnte, dass ich eines Tages durch den Elektronikfachmarkt schlendern würde mit diffusem Interesse für Highend Digitalkameras; dass ich eine der ausliegenden, frei zugänglichen Modelle in die Hand nehmen und knipsen würde.
Als ich die mit der Kamera geschossenen Bilder durchsah, entdeckte ich einen 500teiligen Reigen an Impressionen von genau jener Stelle aus, an der ich stand. Read more »


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Emanzenhaus-Song

Sie heißen beide Klaus und Klaus
und suchen ein urbanes Haus.
Da gibt’s doch ein Emanzenhaus,
sagt Klaus zu Klaus
und gehen aus,
auf der Suche nach dem Haus.

Dort gucken dann gleich die Frauen raus
und schreien laut: welch ein Graus -
wir wollen alle Männer raus,
haut ab, wir sind ein Emanzenhaus!

Doch Klaus und Klaus
stehen ratlos vor dem Haus:
man schmeißt doch keine Männer raus,
auch nicht im Emanzenhaus. Read more »


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Sie ist ihm entglitten

Sie war ihm langsam entglitten. War ihm wie ein Stück Seife durch die Finger gerutscht.
Eigentlich hatte er sich nie etwas aus seiner Tochter gemacht. Er hatte sie einfach wenig wahrgenommen. Sie war so ein unscheinbares Mädchen gewesen, und innerlich hatte er Sorge, dass er sie eines Tages vergessen würde, wenn sie nicht jedes Wochenende am Frühstückstisch säße.
Er hatte sie natürlich nicht vergessen. Nie, auch nicht, wenn er ihren Geburtstag vergaß. Ihre Schulfreunde erkannte er jedoch auch nicht wieder, wenn sie bereits in seinem Haus übernachtet hatten.
Sein Job bei der Zuliefererbranche füllte ihn komplett aus. Wenn er zu Hause war wollte er nur noch schlafen, doch der Redeschwall seiner Frau blies ihm wie ein Fön ins Gesicht. Er küsste sie morgens und abends und wusste, sie hieß Rosemarie. Doch er dachte immer, sie müsste Petra heißen, da sie so praktisch veranlagt war, immer Rat wusste und gänzlich ohne ihn auskommen konnte. Über seine Mitarbeiter im Büro konnte er leider nicht dasselbe sagen.
Wenn Rosemarie den Mund aufmachte, guckte er in ihre blanken Augen. Sie war so geschäftig und lebte ein Leben entlang der Einkaufsstrasse. Sie kannte jeden Busch und jede Frau, allen Klatsch und noch mehr Gerüchte zwischen der Vollreinigung und dem Getränkeabholmarkt.
Sie kaufte ein und lebte in dem von ihr eingerichteten Haus. Er selbst machte sich nichts aus Dekoration, nur schlafen wollte er allein. Read more »


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Freitag auf Samstag

Ist ja gar nicht schlimm, auch mal einen Freitagabend allein zu verbringen. Kommt man mal endlich zu den Dingen, die man längst schon erledigen wollte. Was aussortieren, was von einer Kiste in die andere Räumen, Vorräte checken oder Wollwaschprogramme starten.
So ein ausklingender Freitag für sich allein geht ja rum wie nix.
Man könnte auch ausgehen. Ein Blick auf die abendlichen Strassen verrät einem: wer etwas auf sich hält macht einen drauf. In den Restaurants und Kneipen brennt die Luft vor Tanzwut und Abenteuerlust. Für einen Moment wird man schwach und denkt, man ist der einzige mit einem Takeaway-Glasnudelsalat auf dem Sofa.
Jetzt nur keine verzweifelten Anrufe an lang verschollene Freunde, die noch Single und kinderlos und damit mutmaßlich ausgehlustig sind.
Ich stelle geschwind die Waschmaschine auf Wollwaschprogramm. Read more »


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Sechzehn

Auf einem meiner letzten Besuche bei einem Poetryslam wurde mir klar: heutzutage haben Frauen und Männer schon mit 16 die Midlifecrisis. Und allein, dass ich das wahrnehme verheißt – ich bin bereits jenseits von Gut und Böse und bestimmt keine 16 mehr. Und ich bin keine Slammerin, aber durchaus zu Gast bei Lyrikevents. Dort stehe ich dann mit meinen Prosakurzgeschichten wie ein Relikt aus Zeiten, in denen man noch mit der Schreibmaschine schrieb und keine Fremdsprache fließend konnte.
Ich nenne es Anders-Slam, Schluss-mit-Lustig-Lyrik, Anti-Hiphop-Härte. Und ich tue es immer wieder. Lese an wider den Sprachbrei, der unter dem Radar meiner Auffassungsgabe fliegt.
Das letzte Mal auf einem Slam beschloss ich, auf der Lehne eines Holzstuhls Platz zu nehmen. Ich fand das einfach cooler, so halb und halb und auch irgendwie erhöht zu sitzen. Nach der ersten Slam-Runde hatte ich Rillen im Po, die bis heute noch zu sehen sind. Read more »


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Koffer in Berlin

Geht ein Mensch durch Berlin-Stadt,
hat er die Touristen satt.

Der Tourist hingegen sagt,
was er an Berlin nicht mag.

Nur Berlin, sie schweigt sich aus -
und verweigert Saus’ und Braus’.

Bleibt so räudig wunderbar,
so mancher lässt ’nen Koffer da.


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Die Waffen der Frauen

Dolch.jpg
Waffen: Euphemistisch gesehen, dienen sie der Verteidigung. Praktisch gesehen geraten sie, so vorhanden, oft schnell zum Einsatz. Die kriegerische Weltpolitik mal beiseite gelassen, kann im ganz kleinen, alltäglichen, bisweilen mit Dingen aus der Hüfte geschossen werden, die auf den ersten Blick nur harmlos wirken. Wölfchen im Schafspelzchen.

Ein sonniger Montagmorgen, ein früher Termin, gute Laune, ausgeschlafener Start in den Tag. Die sanfte Morgensonne macht aus der Stadt ein Paradiesgärtlein, sie lacht uns an und man lacht zurück. Es lächeln auch die Arzthelferinnen, die Verkäuferinnen, die Müllmänner. Wehendes Haar, wehendes Kleidchen, Urlaubsbräune, ein kleines Lied auf den Lippen und jedes Schaufenster ein Freund. Das ist ja nicht jeden Tag so: Oft wirft so ein Glasding im Vorbeigehen die eigene Gestalt als gebücktes, hinkendes, aufgequollenes Etwas zurück. Nicht so heute. Ich fühle mich gut und strahlend und finde, dass man mir das Baujahr in der Mitte der siebziger überhaupt nicht ansieht.

Die Freude wird noch gesteigert, als ich Read more »


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Havelkobra

An der Havel, einer der letzten warmen Tage. Das Schilf raschelt, die Flusswellen plätschern sanft, gerade wird allenthalben das Picknick ausgepackt.
Plötzlich komm ein dicklicher Mann in Badehosen mit einem hoch erhobenem Stock aus dem hinteren Teil der Badestelle gerannt und blickt sich hastig um.

Er (schnauft): Ja … sagt mal, habt ihr die Schlangen gesehen?!
Er wedelt mit dem Stock, dessen Ende y-förmig ist, d.h. prinzipiell zum Schlangenfang geeignet. Ein Paar guckt irritiert hoch.
Mann (guckt sich um): Wie … Schlange?
Steht auf und kneift die Augen, als er in die Büsche späht. Die Frau packt weiter ihr Picknick aus.
Frau: Hier gibt’s keine Schlangen.
Er (aufgeregt, gestikuliert mit Stock und Händen): Also da hinten, grad, … da is’ ne Schlange aus dem Busch gekrochen, die war soooo lang, ….dann kam eine zweite, nochmal so lang. Nur eine halben Meter von uns!
Mann (interessiert): Ach was! Nee. Echt? Und wo sind die hin? Read more »


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