Sonntag, 12 of Februar of 2012

Aldi perdu

Der Aldi ist weg. Ich bemerke es erst, als mich mein Freund darauf hinweist.
Ein Aldi ist keine kleine Sache. Circa dreißig Meter lang, fünfzehn Meter breit, ein Dach drauf und viele, viele Waren darunter.
Nun blicke ich auf eine Betonfläche, in deren Mitte etwas Schutt lagert. Ein paar Ziegel, Drähte, Dreck. Gerade soviel, wie in eine Schubkarre passt.
Der ganze Supermarkt ist verschwunden. Und als ich am morgen an ihm vorbeifuhr, war mir das gar nicht aufgefallen. Ich bin einfach so um die Ecke gebogen – um Aldi herum sozusagen – also um ein Haus, das da wohl nicht mehr gestanden hatte.
Waren meine Augen überhaupt schon offen? Read more »


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Verschaltet

Er gab mir diesen Blick, den man Frauen gibt die angeblich technische Probleme haben. „Angeblich“, weil sie es sind, die davon sprechen. „Angeblich“, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. „Angeblich“, weil ich es bin, die ja keine Ahnung haben kann.
Er drehte am Griff der Nabengangschaltung und es knackte. Immer wieder, hin und her. Dabei guckte er nicht auf die Schaltung, sondern aufreizend in mein Gesicht. Da – geht doch, schaltet doch. Knack Knack Knack.
Dass das Rad seit seinem Kauf vor nicht mal zwei Monaten jede Woche einmal liegen geblieben ist, weil die Schaltung streikte, hatte ich ihm zuvor erzählt. Erst ganz ruhig, dass etwas strenger, dann mit pochendem Herzen und Hitze unter meiner Wintermütze.
Das könne schon mal passieren, wenn man unter Belastung schaltet, sagte er, und guckte an mir herunter, als wäre ich eine Elefantendame, die ihr Zirkusrad zur Reparatur bringt. Bei den Temperaturen fröre schon mal was ein, das kann dann klemmen, das sei völlig normal.
Draußen auf der Straße liefen Menschen in mittelschweren Winterjacken vorbei. Es waren, für den Berliner Januar, angenehme 0 Grad.
In meiner Jacke fühlte ich mich jedoch wie in einer mobilen finnischen Sauna. Ich kochte, wollte meine Rüstung aber nicht ablegen. Read more »


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Rollin’

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Zum Alltag einer durch die Provinz pendelnden Kinderwagen-Chauffeurin gehört der allwöchentliche, mehrstündige Aufenthalt in den gutgemeinten Stauraum-Abteilen des Regionalexpresses. Jedes für sich – und es gibt zwei pro Wagen – ein Meisterwerk der Funktionalität. Der Raum ist frei, gesäumt von einer Reihe von Klappsitzen unter den Fenstern. Sicherheitsgurte auf Rollen mit großen Haken an den Enden laden zum Verzurren ein. Falls das Abteil nicht mit Kinderwägen oder Fahrrädern oder – zu Sommerferien-Stoßzeiten – Bierkästen oder – zwei Tage vor Weihnachten – riesigen Geschenkpaketen für die liebe Familie im Brandenburgischen/Mecklenburgischen/Vorpommerschen vollgestellt ist, können all jene, die einen Kinderwageninsassen bewachen, einen Rollstuhlfahrer begleiten, einen sabbernden Hund mitführen, mit ihren Bierflaschen im Abteil unangenehm auffallen würden, den Weg bis zum von einer Glastür abgeschirmten Abteil zu weit finden, eh gleich wieder aussteigen, auf einem der Klappsitze Platz nehmen. Charmant: In Richtung Ausstieg steigt der Boden leicht an, die Klappsitze aber nicht. Es ist also auch an die Kleinwüchsigen unter uns gedacht, die direkt neben der Waggontür mit bis zu 10 cm kurzen Beinen bequem die Füße auf dem Boden abstellen können.

Da selten Kleinwüchsige mitfahren, sitzen dort meist die Höflichen und Stillen mit bis zu den Ohren hochgezogenen Knien.

Der unheimliche Mann saß nicht ganz außen, aber auf dem zweiten Sitz noch mit deutlicher Schräglage. Read more »


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Gespitzte Ohren

Es war einmal ein Mädchen, das lebte in einer großen Stadt und wollte schreiben. Nicht Schreiben lernen, denn das konnte sie schon; sondern eine ganze Seite voll mit Worten schreiben, die sich am Ende zu einer Geschichte zusammenfügen sollten.
Denn sie ging stets mit offenen Augen durch die Straßen und sah die Menschen neugierig an oder fragte auch schon mal etwas. Und so ging sie fast jeden Abend mit gedankenschwerem Kopf ins Bett. In ihrem Inneren sammelten sich die Ideen wie reife Trauben und als eines Tages ein weißes Blatt Papier vor ihr zu liegen kam, befiel sie der dringende Wunsch, das Gehörte und Gesehene sofort aufzuschreiben, so wie sie es erlebt hatte.
Doch gerade als sie sich an ihren Tisch setzte merkte sie, dass ihr Bleistift ganz stumpf geworden war und nicht mehr schreiben konnte. Read more »


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Sie haben Post

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Ich habe eingekauft. Eigentlich unspektakulär: Ich habe einen allseits bekannten Film aus den frühen neunziger Jahren, den ich nirgendwo leihen kann, bei einem Anbieter bei ebay erworben. Zwei, drei Klicks, dann war die Dvd per paypal bezahlt und zwei Augenblicke später vergessen: Wird schon demnächst in der Post sein.

Entgegen meiner Erwartungen hat dieses beiläufige Ereignis eine Flut an Reaktionen ausgelöst: Mein Postfach quillt. Kaum hat sich mein Finger vom Mousepad gelöst, erhalte ich die erste Mail: Ebay meldet sich und verkündet: „Sie haben diesen Artikel auf eBay gekauft: …“. Noch in der gleichen Minute trifft eine Mail des Verkäufers ein: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben das Richtige getan und bei mir folgende Artikel gekauft:….“. Und, einen Wimpernschlag später, informiert erneut ebay: „Hier finden Sie die Angaben des Verkäufers zum Widerrufs- oder Rückgaberecht“.

Fünf MInuten immerhin schweigt das Postfach. Dann piept es wieder: Read more »


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Lost in conversation

Sie trug eine weiße, daunengefütterte Häschenweste mit Gürtel und Kunstpelzbesatz. Auf ihren Hasenaugen lag fingerdicker, schneeweißer Lidschatten, der in kleinen Pulverlawinen auf ihre Wangen fiel, sobald sie die Lider senkte. Sie senkte sie nicht oft.
Denn die Augenbälle rollten munter in ihren Höhlen, ihr Mund plauderte unaufhörlich in schlechtem Englisch und ihre lichtblasse Haut war an den Wangen schneewittchenhaft gerötet. Sie war zum in die Pfanne hauen, so märchenhaft saß sie da.
Ich hatte nicht viel Zeit sie unbemerkt zu beobachten. Sie saß mir schräg gegenüber und schon nach wenigen Sekunden schweifte ihr Blick durch das japanische Nudelrestaurant auf der Suche nach weiteren Häschen. Doch sie war das einzige Albinopelztier, welches sich in diese suppenverdampfte Kantine verirrt hatte. Sie musste hierher verführt worden sein. Eigentlich findet man ihre Spezies im Zwielicht der Einkaufspassagen und Designerläden. Einpomadiert und auf spitzen Stiefeletten tippeln die kleinen Häsinnen üblicherweise über das Trottoir der Fußgängerzonen und Outletcenter. Sich zu verschönern ist ihr Ziel.
Essen tun die anderen. Read more »


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Fitnessgedicht

Yogafrau, Yogafrau -
du hast einen Körperbau
wie eine dürre Ziege im Morgentau.

Muskeln wie Stahl,
ein Blick wie aus Eis.
Du hast keine Wahl
dich treibt der Fleiß. Read more »


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Wir atmen ein, wir atmen aus.

Mein Yoga-Understatement-Mantra geht so: Ich kann kein Yoga. Ich will kein Yoga können. Ich will das nicht wollen.
Ich will: zufällig hingehen und unaufgeregt turnen. In einer vorsichtigen Annäherung an das Yogathema. Nur nicht eifrig werden, sonst klemmt man sich noch einen Nerv ein oder hat am Ende gar eine eigene Yogamatte in frischen Erdfarben. Oder in Lavendel, passend zu seinen steingrauen Stulpen und zur frischweißen Yogahose.
Und für seine eigene Yogamatte – das sehe ich gleich in der ersten Stunde – muss man Verantwortung übernehmen. Sonst übernehmen sie das Regiment. Sie wellen sich wie ein nervöser Teppich, rollen sich zusammen anstatt sich ordentlich flach zu legen und verweigern jegliche Kooperation, wenn man ihrer Unterstützung bedarf.
Außerdem sind sie dünn und unbequem. Trotzdem sitzen die hageren Yogaschüler unbeirrt auf ihren Matten, als wäre es ein Himmelbett. Die Selbstkasteiung fängt hier schon mit der Unterlage an. Read more »


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Pudermann

Es war ein ehrliches Rockkonzert. Vier Jungs mit Bass, Gitarre und Schlagzeug.
Wenig Worte, noch weniger Licht und fast fließende Überleitungen zum nächsten Lied. Gefühlt lag Rauch in der trüben Kellerluft, obwohl überall Schilder ein strenges Tabakverbot aussprachen. Nach wenigen Songs waren die Sänger der Band Urge Overkill durchnässt und das Publikum in Fahrt.
Die Gitarrenriffs holten mich in die 90er zurück, eine Zeit in der ich meinen Höhepunkt pubertärer Unsicherheit erlebte. Ich muss etwa fünfzehn gewesen sein, und das Aufregendste was mich damals umtrieb, war der Kauf einer 501 Levis Jeans für die ich meinen halben linken Arm gegeben hätte. Mit der geerbten Karottenhose meiner Schwester, die hier und jetzt punktgenau in den Modetrend gepasst hätte, traute ich mich damals nicht mehr vor die Tür.
Heute blickte ich mich im Publikum um und erspähte sieben Karottenhosen, vier Paar Stulpen, zwanzig Nappalederjacken und acht unmögliche Frisuren von Männern, deren Pubertät in den 90ern bereits lange vorüber gewesen sein musste. Read more »


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Excel Exzess

Die Nummern rasen an mir vorbei. Ein kleiner Klick auf den Pfeil am Rand des Bedienfelds und schon wieder versetze ich ganze Kolonnen in rauschhafte Geschwindigkeit. Einzelne Spalten verwischen zu grauen Schlieren und immer, wenn ich den kleinen Balken auf der Seite loslasse, lande ich im Excel-Nirvana – irgendwo zwischen Zeile 12 476 und Z. Sonst ist nichts zu sehen. Leere Spalten, leere Zeilen.
Das Ende der Tabelle ist ein ferner Silberstreif am Horizont. Eine mit Lichtgeschwindigkeit vorbeiflitzende Fata Morgana am Ende eines langen Tages und Kampfes mit diversen Office-Programmen.
Ich wusste, dass ich tausende Adressen eingepflegt, dass ich sie durch vielfaches Sortieren nach diversen Parametern in ein heilloses Durcheinander gebracht hatte. Aber wenigstens alphabetisch sollte sie nun sein, die Aufzählung.
Ich hatte 2120 Zeilen gefüllt und wollte nur mal kurz nachsehen, ob es auch 2120 sind. Nur kurz. Read more »


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