Mittwoch, 20 of September of 2017

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Morpheus’ Ansage

pillen

Endlich Zeit, eine Ladung Altpapier zur BSR zu fahren. Im Hinterkopf Jonglieren mit den Häkchen auf der To-Do-Liste. Der Einkauf! Ich brauche noch x, y und z und wo soll ich das bitte dazwischen schieben?

Ach! Ein REWE-Schild auf der anderen Straßenseite. Auf dem Rückweg könnte ich doch schnell … zehn Minuten später, von der Pappe erlöst, leuchtet mir auf der selben Straße, nun auf der anderen Spur, noch etwas Hilfreiches entgegen: Ein blaues P. Das wird noch wichtig werden für die Geschichte, aber zunächst heißt es nur: Der REWE hat ein Parkhaus. Nun ist die Sache gebongt, kein lästiges Parkplatzsuchen im Prenzlauer Berg, kein weites Tütenschleppen, und da ist ja auch schon die Auffahrt, also nichts wie rein.

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Kunst und Leben. Reisen.



Das Leben hat mein Bild eingeholt. Und überholt.

Vor nicht ganz zehn Jahren entstand in meinem Neuköllner Atelier ein kleines Gemälde, das einen Taucher zeigt, genauer gezeigt, einen Schnorchler. Der “Sternentaucher” ist ein Mann mittleren Alters, der bis zur Brust aus dem türkisblauen Wasser ragt, die Taucherbrille hat er in die Stirn geschoben, der Schnorchel umrahmt sein Gesicht, und in der Hand hält er seinen Fund: Einen roten Seestern. Zugrunde lag dem Bild ein Foto, das ich in einem Reisekatalog, der mich ansonsten nichts anging, gefunden hatte.

Warum ich es ausgewählt habe? Es lag an der Diskrepanz zwischen dem ernsten Gesicht des Mannes und der an sich unersnten Aufmachung eines Schnorchlers, zwischen seinem Alter und der kindlichen Geste, mit der er seine Trophäe und sich selbst präsentierte und ablichten ließ. Es lag natürlich auch an den reizvollen Farben im Bild, dem Kontrast zwischen dem blauen Meer und dem roten Stern und der rosa Haut, den ich im Bild noch überhöht habe. Das Motiv gefiel mir so gut, dass ich es noch einmal variiert, mein eigenes Gesicht eingesetzt habe.

Zwei Bilder also, vor einer Weile gemalt, aus Gründen, die in ihnen selbst zu finden waren. Eniges später, nun auch schon wieder eine Weile her, sitze ich auf einem Felsen. Ein Mann taucht aus dem türkisblauen Wasser, schiebt die Taucherbrille in die Stirn, und hält einen roten Seestern hoch. Read more »


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Das große Krabbeln

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„Die Großmutter hat eine Stuhlprobe abgegeben und jetzt weiß keiner, was damit passiert ist?“
fragt die Kinderärztin, die mein Kind impfen soll, ins Telefon. Ich weiss ja, dass man bei Telefonaten anderer Leute nicht lauschen soll, aber jetzt kann ich nicht mehr anders. Wo ist die Stuhlprobe hin? Liegt sie hier noch irgendwo rum? Wie sieht so was aus? Was macht die Stuhlprobe einer Oma beim Kinderarzt? Vollkommen ungebetene Bilder steigen vor meinem inneren Auge auf, zum Trost möchte ich jetzt wenigstens Information. Auch, wenn die Kinderärztin kurz versucht, mich noch einmal aus dem Zimmer zu winken. Stur drehe ich mich um, entkleide mein Kind impfgerecht und spitze die Ohren.
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Schlüsselszene



Damals. Damals wohnte ich in einer anderen Stadt, aber auch einer mit Flughafen. Damals hatte ich schon dieselbe liebe Freundin, und die war schon seit Jahren verliebt in einen jungen Mann. Der aber gedachte nichtsdestotrotz, zwei Semester einen Ozean und mehrere Staaten entfernt in Texas zu studieren. Mit Austauschprogramm, Studienfreund und gepacktem, dickem Rucksack.

Die liebe Freundin war verliebt genug, den Liebsten trotz dieser immensen geografischen Abstandsnahme in ihrem Auto samt Freund und Rucksack in meine Stadt zum Flughafen zu chauffieren.

Ankunft am Vorabend, parkplatzunfreundliche Wohngegend, deshalb der Entschluss, mir erst einmal ohne dicke Rucksäcke guten Abend zu sagen. Vielleicht auch die leise Hoffnung, dass sich unter meinen 4 oder 5 Mitbewohnern noch freiwillige Gepäckträger finden würden. Die beiden Reisenden und die Chauffeurin stiegen also aus dem Auto, drückten alle Knöpfchen hinunter (für die Generation Handy: Ja, damals gab es nicht nur Telefone mit Scheibe und Schnur, sondern auch eine Autoverriegelung, die man durch das Herunterdrücken innenliegender Knöpfchen aktivieren konnte.) Durch die Straße hallte das dreifache Zuschlagen von Autotüren. Dann ein Klirren. Dann ein Fluch, dann ein dreifacher Fluch. Read more »


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Fachgespräch

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Mutter: „Guck mal, das ist ein Gack-gack!“

Kleinkind: „…“

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Rollin’ II

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Ich bin durch den Osten gefahren, mal wieder, es war zu einer Zeit, in der gerade keinerlei Jahreszeit herrschte und die Landschaft dieselbe Farbe hatte wie das Gefieder der Kraniche, die überall herumstanden und sichtbar kalte Füße hatten. Die Besatzung des Großraumwaggons des Regionalexpresses am späten Nachmittag bestand aus der üblichen Mischung aus routinierten, müden Pendlern und nervösen Fernreisenden mit dicken Koffern, es wurden um mich herum die Laptöpper aufgeklappt oder der Reiseproviant angebrochen und einer beschaulichen Fahrt über die vorpommerschen, mecklenburgischen und brandenburgischen Dörfern in die Abenddämmerung hinein stand nichts mehr im Wege. Eigentlich.

Einer jedoch war neu. Nicht, dass das von vorne herein aufgefallen wäre, doch er selbst setzte diese Tatsache ausgiebig in Szene – unüberhörbar. Der Typ im vorderen Wagendrittel, den von hinten gesehen vor allem ein Büschel zu Berge stehender Haare auszeichnete, packte sein Mobiltelefon aus und rief alle seine Bekannten an, um sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass er sich ausnahmsweise heute mittels des öffentlichen Fernverkehrs fortbewege. Zwischendurch riefen seine Bekannten ihn an, fortwährend klingelte das Handy, und jedes Gespräch nahm den selben, gespreizten, lautstarken Verlauf, so dass schon auf Höhe von Greifswald Süd die ersten Mitreisenden zu schnauben und stöhnen begannen und bei Groß Kiesow verhaltene Buh-Rufe hörbar wurden. Bei Züssow Read more »


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Rollin’

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Zum Alltag einer durch die Provinz pendelnden Kinderwagen-Chauffeurin gehört der allwöchentliche, mehrstündige Aufenthalt in den gutgemeinten Stauraum-Abteilen des Regionalexpresses. Jedes für sich – und es gibt zwei pro Wagen – ein Meisterwerk der Funktionalität. Der Raum ist frei, gesäumt von einer Reihe von Klappsitzen unter den Fenstern. Sicherheitsgurte auf Rollen mit großen Haken an den Enden laden zum Verzurren ein. Falls das Abteil nicht mit Kinderwägen oder Fahrrädern oder – zu Sommerferien-Stoßzeiten – Bierkästen oder – zwei Tage vor Weihnachten – riesigen Geschenkpaketen für die liebe Familie im Brandenburgischen/Mecklenburgischen/Vorpommerschen vollgestellt ist, können all jene, die einen Kinderwageninsassen bewachen, einen Rollstuhlfahrer begleiten, einen sabbernden Hund mitführen, mit ihren Bierflaschen im Abteil unangenehm auffallen würden, den Weg bis zum von einer Glastür abgeschirmten Abteil zu weit finden, eh gleich wieder aussteigen, auf einem der Klappsitze Platz nehmen. Charmant: In Richtung Ausstieg steigt der Boden leicht an, die Klappsitze aber nicht. Es ist also auch an die Kleinwüchsigen unter uns gedacht, die direkt neben der Waggontür mit bis zu 10 cm kurzen Beinen bequem die Füße auf dem Boden abstellen können.

Da selten Kleinwüchsige mitfahren, sitzen dort meist die Höflichen und Stillen mit bis zu den Ohren hochgezogenen Knien.

Der unheimliche Mann saß nicht ganz außen, aber auf dem zweiten Sitz noch mit deutlicher Schräglage. Read more »


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Sie haben Post

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Ich habe eingekauft. Eigentlich unspektakulär: Ich habe einen allseits bekannten Film aus den frühen neunziger Jahren, den ich nirgendwo leihen kann, bei einem Anbieter bei ebay erworben. Zwei, drei Klicks, dann war die Dvd per paypal bezahlt und zwei Augenblicke später vergessen: Wird schon demnächst in der Post sein.

Entgegen meiner Erwartungen hat dieses beiläufige Ereignis eine Flut an Reaktionen ausgelöst: Mein Postfach quillt. Kaum hat sich mein Finger vom Mousepad gelöst, erhalte ich die erste Mail: Ebay meldet sich und verkündet: „Sie haben diesen Artikel auf eBay gekauft: …“. Noch in der gleichen Minute trifft eine Mail des Verkäufers ein: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben das Richtige getan und bei mir folgende Artikel gekauft:….“. Und, einen Wimpernschlag später, informiert erneut ebay: „Hier finden Sie die Angaben des Verkäufers zum Widerrufs- oder Rückgaberecht“.

Fünf MInuten immerhin schweigt das Postfach. Dann piept es wieder: Read more »


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Unsichtbare Kompetenz

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Eine Fußgängerampel im Prenzlauer Berg. Drei Frauen.

Junge Frau 1 schaut sich suchend um. Junge Frau 2 sitzt auf dem Boden (bei gefühlten 5 Grad). Eine etwas weniger junge Frau schiebt einen Buggy samt Kleinkind.

Junge Frau 1 beugt sich zu junger Frau 2 hinab: „Sorry, kennst Du Dich hier aus?“

Junge Frau 2: „Sorry, I don’t speak German“.

Etwas weniger junge Frau lächelt ortskundig und multilingual

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Biometrie, EU und Sorgerecht

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Die Dekorationen der Arbeitsplätze der Berliner Ämter, die persönlichen Noten der Amtsfrauen und -männer sind auch nicht sympathischer als ihre Besitzer. Der zuständige Sachbearbeiter im Finanzamt sitzt vor massiven Hardrock-Postern. Die Frau im Bürgeramt vor verblichenen Kinderzeichnungen. Ihre Nachbarin hat ein gerahmtes Puzzle einer Berglandschaft in einem hässlichen Glasrahmen. Die Ansprechpartnerin in der Kinderausweisstelle hat auch Poster aufgehängt – Tierbilder. Mit dem Aufdruck „Medi & Zini“. Ein Pferd, ein Hund, ein Affe sehen ihr über die Schulter, wenn sie Kinder reisefein macht.

Meines soll auch bald reisen. Deshalb parke ich es zu seiner strampelnden Freude unter einer Grünpflanze, nehme Auge in Auge mit dem Pferd Platz und reiche meine mitgebrachten Unterlagen über den Tisch. Darunter ein Foto vom zukünftigen Ausweisinhaber, auf dem er ernst vor weißem Grund von meinem Arm aus in die Kamera blickt. Die Amtsdame hebt abwehrend die Arme: „Das ist aber kein Passfoto!“. Gut erkannt. Read more »


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