Mittwoch, 19 of Juni of 2013

Archives from author » johanna

Das Gute im Schlechten

Wartehallenästhetik kommt nicht allein. Das Ausharren in diesen Hallen des Absitzens kennt auch eine Wartehallenemotion. Am Ende weiß man nicht mehr, was zuerst da war: die Optik, oder das Gefühl.
Der Lift ist die kleinste bekannte Zelle, in der wir kollektives wie einsames Unwohlsein erfahren dürfen. Manche wagen erst gar nicht einen Fuß hinein – und wer es tut denkt im Nachhinein oft: ist auch besser so. Gerade in Mietshäusern bleibt einem zu zweit im Aufzug nicht einmal genug Raum für die Füße. So steht man im Nasensturm des Gegenübers und kann kaum die Augen schließen. Im Gegenteil, die Stille schreit nach einem belanglosen Gespräch. Doch alles was man sagen möchte ist Direktes, meinetwegen Anzügliches, Abwehrendes. Das ist das Fahrstuhl-Tourette. Vergleichbar mit dem Reiz, auf Beerdigungen einfach mal herzhaft zu Lachen. Nicht ratsam, aber ein finsteres Gelüst, ein letztes, ultimatives Tabu, welches wir nicht brechen wollten, wären wir nicht so bedrängt – räumlich oder emotional.
Ich kann mich rückblickend wirklich nur an zwei regelrecht entspannte Fahrstuhlpartien erinnern. Read more »


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Wellness-express

Sie gehen nicht zum Sport, sie rennen. Sie rennen nicht auf dem Laufband sie rasen. Sie stemmen nicht Gewichte, sie reißen sie – und wenn sie Schwimmen, dann um die Wette.
Im Ruhebereich der Wellnessecke geht es hektisch zu, wenn sie entspannen. Selbst wenn sie ruhen, rasten sie nicht. Vom Zeh bis zum Scheitel ist gegen jedes Zipperlein ein Kraut gewachsen, welches gecremt, einmassiert oder gepeelt werden kann. Read more »


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Wenn es 13 schlägt

Ironischerweise war es das „Spiel des Lebens“, welches ich immer wieder verlor. Während in meinem Plastikauto-Spielstein ein Kind nach dem anderen landete und ich bei der Bank immer tiefer in der Kreide stand, zählte meine ältere Schwester ihre Spielgeld-Penuzen und brummte mir saftige Überziehungszinsen auf. Natürlich war sie Mitspieler und Spielbank zugleich. Natürlich erlebte sie das Börsen-Hoch und ich das Tief. Sie wurde Millionärin, ich nur Tellerwäscherin. Das Rad des Schicksals drehte sich und wo ich auch hinfuhr mit meinem Lebenswagen – meine Mitspieler fuhren voran. Schon früh hatte ich mir eine Taktik zurechtgelegt, die meine Schwester als gaunerhaft bezeichnete: Read more »


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Grüezi am Flughafen

Die Schweiz ist eine Wundertüte. Dass zeigt sich nicht nur in den vielen kuschelig versteckten Tälern und Dialekten, Sprachen und Regionen, sondern auch am Temperament der Leute. Schnell verliert der Schweizer seine Geduld, wenn es um Sauberkeit und Ordnung geht, aber auf der Autobahn darf es ruhig gemächlich zugehen. Dort zuckelt er mit narkotisierenden 100 Sachen durch die Berglandschaft, und es stört auch nicht, wenn er mal nur 80 fährt. Wo soll man auch hin, überall woanders ist Europa, überall woanders ist es anders, als in der Schweiz.
Alles Klischees? Vor ein paar Jahren untersuchte Willibald Ruch, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Zürich den Nationalcharakter der Schweizer im Rahmen einer Studie. Wie zu erwarten befand er, der Schweizer entspräche nicht seinem Stereotyp.
Die befragten Schweizerinnen und Schweizer sagten zwar selbst aus, ihre Landsleute seien gewissenhaft, introvertiert und zurückgezogen. 300 ausgewählte Probanden hingegen durften einen Persönlichkeitstest durchlaufen, und es kamen erstaunliche Ergebnisse zustande: die Personen zeichneten sich durch innovatives Verhalten aus und waren sehr offen Neuem gegenüber, während die angenommene Gewissenhaftigkeit nur eine untergeordnete Eigenschaft zu sein schien.
Am Ende, so das Fazit, gäbe es keinen „Nationalcharakter“. Wir hielten nur an den Schablonen fest, um „unsere komplizierte Welt“ zu ordnen.
Bei der Hinfahrt zum Flughafen Zürich war die Welt an sich auch noch ganz geordnet, die Wege waren klar, wir hatten viel Zeit mitgebracht und pflegten die Schweizer noch ganz stereotyp der Kategorie „alles läuft nach Plan“ zuzurechnen. Read more »


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Verkehr

Der Inder guckt,
so ist seine Art,
dem Gegenüber ins Antlitz
bei voller Fahrt.

Durch blasse Besatzer von der Insel
Auf links gedreht,
fährt der in der Mitte
der sich aufs Überleben versteht.

Dort geht auch die Kuh
zum nächsten Tempel
in aller Ruh –
was schert sie das Gerempel. Read more »


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Don’t get into the sea

Besser nicht nach vorne gucken. Zur Seite – dort ziehen Palmenhaine vorüber, von zahlreichen Wasserstraßen durchzogen. Dorthin guckt es sich besser.
Vor einem türmen sich die Gefahren auf: hohe und schwergewichtige Tata-Lkws in rasendem Tempo, dazwischen freche dreirädrige Tuktuks die schneller Wenden können als eine Taube vom Dach scheißt. Handkarren und Fußgänger in bunten Tüchern. Scheinbar unbeeindruckt tragen sie würdevoll ihr Wasser, ihr Heu oder ihr Kind im Staubstreifen am Straßenrand entlang. Fisch wird dort direkt vom Fahrrad verkauft, mittendrin im größten Trubel. Niemand scheucht die Katzen weg, die beharrlich auf die Auslage starren.
Ich gucke zur Seite, die Kühe gelassen geradeaus. Sie bummeln zum nächsten Tempel, zum nächsten Tümpel, durchstreifen den Müll nach Essbarem.
Auf der Straße, die von Cochin aus in den Norden führt gibt es zwei offizielle Spuren, und vier bis fünf Befahrene. Der der überholt, wird vom Überholenden überholt der gerade überholt wird. Es ist wie bei den Lemmingen. Das ganze Land hat es eilig. Das ganze Land will nach vorn, Erster sein. Read more »


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Machen wir uns nichts vor

Dirk von Lotzow, Frontmann von Tocotronic und Phantom Ghost, kommt auf die Bühne als sei es das erste Mal, dass er vor Publikum tritt. Tatsächlich ist er bereits hunderte Male auf eine Bühne gekommen. Vielleicht sogar tausend Mal.
Einer, der auf den Brettern zu Hause ist und auf dieselben kommt, als wäre er eine jungfräuliche Rampensau, versucht das Unmögliche: einen guten Start in ein Konzert durch eine verquere Geste.
In sich verschraubt, das Haupt herabhängend vor dem Mikrophon, die Arme an der Seite baumelnd lauscht er wohl den ersten Klaviertakten seines Bandpartners, der kurz zuvor mit einer katzenbestickten Stofftragetasche auf die Bühne kam.
Mehr Ironie geht nicht. Read more »


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Klassischer Schlüpfer

Prokofjew, Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 19. Alles ist so, wie Götz Teutsch, altgedienter Solocellist a. D. der Berliner Philharmoniker, es gesagt hatte. Die Kantilene der Engleman-Stradivari aus dem Jahr 1709 schwebt vom Himmel auf uns herab, das Orchester stimmt ein und alles wallt auf. Das Thema, die Violine, das Orchester kämpft – es ist wie ein Rauschen im Tannenwald – immer wieder unterbrochen vom Gesang der Geige. Und alles endet so leis wie es begonnen hat.
Der Mann neben mir hat die Hände erhoben wie ein Torwart kurz vor dem Elfmeter. Die Finger kräftig, nicht die Werkzeuge eines Musikers, wohl aber gesegnet mit Empfindsamkeit. Er lehnt sich leicht nach vorne, als müsse er sich ausbalancieren, als hielte er einen Ball voller Energie. Wenn Fliegen durch die Füße riechen, dann hörte mein Sitznachbar mit den Fingern. Irgendwann muss ich dabei gestört haben. Nach der Pause sitzt seine Begleitung neben mir, als lebender Schutzwall gegen neugierige Blicke.
Die Solistin sehe ich nur von schräg oben rechts hinten. Ich sitze just so, dass ich die Dreiviertelansicht des Rückens zu sehen bekomme. Während sie wild, von Dramatik gebeutelt, zwischen Stand- und Spielbein hin und her pendelt, entschlüpft der Stradivari ein Klang, dem man die 303 Jahre nicht anhört. Gleichermaßen erbost und verblüfft realisiere ich, dass ich niemals so lange so schöne Töne von mir geben könnte, wie dieses hölzerne Instrument. Read more »


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Wer zuhört wird verstehen

Auf dem Teebeutel-Papieretikett des „Entspannungs-Yogitee“ steht „Wer zuhört wird verstehen“.
Das regt mich auf. Es soll mich entspannen, solche Sätze zu lesen, doch jedes Mal wenn ich so etwas lese, ist es bei mir vorbei mit der Entspannung.
Die Sinnhaftigkeit und vor allem Gültigkeit der Teebeutelsprüche ist zu nahezu 100 % nicht vorhanden. Was dort steht sind Worte ohne Inhalt, und dazu brauche ich keinen zweiten Blick.
„Wer zuhört wird verstehen“ – Blödsinn. Ich kann den Völkern der Welt stundenlang zuhören, und nix verstehen. In der Pubertät versteht man weder Mutter noch Vater (und hört zugegebenermaßen auch nicht zu). Hören und verstehen, Äpfel und Birnen.
Klar: man soll sich das beim Tee durch den Kopf gehen lassen und so, Hören heißt hier mehr „Zuhören“, nur 20% der Sprache wird verbal kommuniziert, man soll mal den Mund halten und auch mal etwas auf sich wirken lassen.
Auf mich wirkt es allerdings nicht. Ich will nicht hören, ich will nicht verstehen.
Alles ist Mist!
Verstehen? Read more »


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Forum Furor

Unlängst übernahm ich ein Forum auf dem sich 25.500 Menschen tummeln. Nicht alle zugleich, aber Einige wenige immer wieder. Die Stelle im dazugehörigen Verlag wurde vakant, die Hobby-Rezensenten der Online Plattform brauchten eine starke Hand. Ich war die schnelle Eingreiftruppe und meine erste Vollzeitstelle war geboren. Nach einer kurzen Schonfrist im Sommerloch wurde meine Mailbox im Büro von so genannten Useranfragen geflutet.
User – ein Nutzer. Gekennzeichnet durch den Drang zu Tat, gerne auf fremdem Terrain und ohne Fachwissen. Am liebsten im Forum und möglichst wortreich.
Die kurze Schrecksekunde nach dem Relaunch nutzt er um Atem zu holen: das „Team“ der Plattform schuldet Erklärung und Anleitung, die Antworten fließen nicht so schnell wie die Fragen, und überhaupt – wo bleiben die Gewinne und Trostpreise? Kaum hat er sich per Mail ausgelassen über das Onlineangebot, schwenkt er ins Forum um und beharkt sich mit anderen Usern.
Der Sturm im Thread, die Wogen der Posts schlagen gegen die Kaimauern meiner Geduld.
Tief blicke ich seither in die deutsche Volkseele. Read more »


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