Dienstag, 16 of September of 2014

Archives from author » johanna

Hi Paranoia

Aus der Hosentasche des Kinderarztes machte es zwei Mal Doing. Ein melodisches Doing. Wir unterhielten uns dennoch weiter über die Fünf- und Sechsfachimpfung bis uns eine freundliche, aber bestimmte Frauenstimme unterbrach: „Entschuldigung. Ich kann Sie leider nicht verstehen. Bitte wiederholen Sie.“
Die Arzthelferin Siri, powered by Apple und einem hyperaktiven Touchscreen, hatte gesprochen.
Siri ist eine Wucht. Das Potential dieser Spracherkennungs-APP ist schier grenzenlos. Siri kann ab und an sogar meine Gedanken lesen, denn in diesem Moment konnte ich den Kinderarzt leider auch nicht verstehen. Ich verstehe Ärzte sowieso nie richtig. Für mich sind Ärzte fast gefährlicher als die Krankheit. Sie bereiten mir Sorgen und ich höre immer das Falsche heraus.
Siri war auf meiner Seite. Wenn auch nur dieses eine Mal. Read more »


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Russische Lotterie

„Wenn die Familie meines Freundes gemütlich beisammen sitzt spielen sie häufig Russisches Roulette“, sagte ich. Mein Gegenüber guckte bass erstaunt.
„Ja-das ist wirklich ganz kurzweilig, und man kann dabei echt nur gewinnen.“
Die Umstehen blickten nun sehr fragend. Bestärkend fahre ich fort: „Nein wirklich, sogar die Kinder haben Spaß daran. Minimaler Einsatz, maximaler Spaß. Also quasi kein richtiges Glücksspiel.“
„Die Kinder …?“ fragte jemand.
„Klar, gerade die. Am Ende locken nicht unbeträchtliche Gewinne. Nur einmal hat sich eine Schwiegertochter in spe geweigert mitzumachen, weil sie angeblich nix verlieren wollte. Total lächerlich. Die ist natürlich jetzt unbeliebt.“
„Ach,… ich kann die wirklich gut verstehen, die Schwiegertochter.“ Read more »


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Ferner liefen

Berlin kennt keine Perfektion. Es lebt seine Schwächen hemmungslos aus. Flughafen. S-Bahn. Hauptbahnhof. Winterdienst. Hundescheiße. Am besten man schlägt zurück und lässt sich gehen. Wenn man kann.
Als ich den schweren Kinderwagen in der nunmehr geübten Technik die Hochparterretreppe vom Lift zum Hausausgang hochwuchte stoße ich hinterwärts an einen hohen Einbauküchenschrank.
Dass da ein Schrank steht verwundert mich weniger als es mich ärgert, dass er mitten im Flur abgestellt wurde. Normalerweise schmeißen die Leute ihren Sperrmüll gleich hinten in den Hof, wo er dann sachgerecht verrottet.
Stur versuche ich mich am Hindernis vorbei zu nesteln. Es knistert. Da ist eine Folie. Ich merke es ist ein neuer Schrank und er ist nicht allein gekommen. Dahinter, daneben, darunter und darüber entdecke ich den Rest: Hängeschränke, Ofen, Kühlschrank, Dunstabzugshaube, Spüle, … Möbel soweit das Auge reicht.
Mist, denke ich. Nun ist jemand in unseren Flur gezogen und man kommt nicht mehr aus dem Haus. Read more »


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Weil sie es kann

Es war das Geräusch der Schritte, das mich neugierig machte. Ein kratziges, blechernes Trapsen. Ich guckte nach oben. Die Metallabdeckung des Fassadensimses ging einmal um die ganze Hausecke herum. Nach wenigen Sekunden kam die Krähe schließlich um den Eckerker herumgestakst. Ich konnte jetzt jeden Schritt beobachten.
Sie ging ohne Eile, ein Fuß schräg vor dem anderen, mit etwas weniger Gewackel als andere Krähen. Sie konnte das, sie war eine Geherin.
Nun blieb sie stehen, und guckte auf uns alle herunter. Read more »


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Blicke durch ein drittes Auge

Sie stellte sich als Dev Devindrasha vor. Vom Aussehen her war sie eher eine Birte Müller oder eine Anke Scheuerlein. Oder eine Julia Moser, oder oder …
Dev – das war ihr Yoganame. Neben ihrer Matte stand ein dramatischer Blumenstrauß, ein Teelicht im verspiegelten Untersetzer und ein eingerahmtes Bild ihres langbärtigen Yoga-Gurus.
Sie fummelte bei der Vorstellungsrunde an einem Gerät herum, das wie eine digitale Teeuhr aussah. Eine Yoga-Uhr, wie ich später herausfand, für die Durchhalteübungen (… wie ich viel zu spät herausfand).
Wir saßen auf Matten und trotz stolzen Mutterbäuchen konnten fast alle in einer Art Schneidersitz verharren. Dev hatte als Einzige einen Turban auf. Um sie herum war zusätzlich ein pinkes Tuch drapiert, welches sie während der Stunde auf und absetzen würde. Das heißt: immer wieder um den Kopf wickeln, abwickeln, hinlegen, hochnehmen würde. Dazu gab es keine Erklärungen, wohl aber zu allen anderen Übungen.
Wortreich schmückte sie zunächst die Begrüßungsrunde aus. Als Dev Devindrasha mit sich selbst fertig war, wandte sie sich an eine schon arg beschwerte Schwangere zu Ihrer Rechten. Read more »


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Kennzeichen Twingo

Wir fahren einen kleinen, gemeinen Twingo. Der frische Franzose ist rot und perfekt für die Stadt. Auf Reisen ist er gleichsam ein Raumwunder, dass alle Tüten, Koffer und Säcke problemlos schluckt und dabei sogar noch Platz für Fahrer und Beifahrer lässt.
Bergauf auf der Autobahn verliert er vollgepackt jedoch gern an Geschwindigkeit, daher habe ich hie und da alle Zeit der Welt um die blühenden Wiesen, die Verkehrsschilder und das parkende Polizeiauto an einer Parkbucht-Zufahrt zu beobachten.
Da sitzt er, der Polizist, denke ich mir – und wartet auf den bösen Buben der hier vorbeifährt. Was er wohl sucht? Einen Verbrecher auf der Flucht? Einen entführten LKW mit wertvoller Fracht, einen Container voller Menschen oder einen Drogenkurier im Bus? Als ich in die nächste Talsenke hinabsause, um an deren Ende mit günstigem Schwung wieder hinaufzurasen, gucke ich nicht in den Rückspiegel. Read more »


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Und dann noch …

Und dann noch Aufstehen morgens. Das Schlafen war schon ein hin und her. Es gibt so Tage, so Nächte. Man wälzt sich rum und rechnet im Kopf alles durch. Grübelt sich wach, zum Klo und zurück. Und dann kommt der nächste Tag, nach dem man nicht gefragt hat. Einfach liegen bleiben, als wäre es Sonntag, als wäre es nicht Montag.
Als ich noch in der Schule, war konnte ich alles Weitere träumen. Ich hatte einen Traum, in dem ich aufstand, mich anzog, aß, zum Zug ging, zur ersten Stunde pünktlich erschien. In Wirklichkeit verschlief ich das alles und kam zu spät.
Heute werde ich fürs Aufstehen bezahlt. Es gibt einen Tisch in einem Büro hinter dem man mich erwartet.
Die Prozedur hat sich auf emotionaler Ebene her jedoch nicht geändert: ich stehe auf und schlafe innerlich noch, während ich mich anziehe, die Zähne putze und zur Arbeit radele. Ich träume das alles, und tue es. Read more »


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Das Gute im Schlechten

Wartehallenästhetik kommt nicht allein. Das Ausharren in diesen Hallen des Absitzens kennt auch eine Wartehallenemotion. Am Ende weiß man nicht mehr, was zuerst da war: die Optik, oder das Gefühl.
Der Lift ist die kleinste bekannte Zelle, in der wir kollektives wie einsames Unwohlsein erfahren dürfen. Manche wagen erst gar nicht einen Fuß hinein – und wer es tut denkt im Nachhinein oft: ist auch besser so. Gerade in Mietshäusern bleibt einem zu zweit im Aufzug nicht einmal genug Raum für die Füße. So steht man im Nasensturm des Gegenübers und kann kaum die Augen schließen. Im Gegenteil, die Stille schreit nach einem belanglosen Gespräch. Doch alles was man sagen möchte ist Direktes, meinetwegen Anzügliches, Abwehrendes. Das ist das Fahrstuhl-Tourette. Vergleichbar mit dem Reiz, auf Beerdigungen einfach mal herzhaft zu Lachen. Nicht ratsam, aber ein finsteres Gelüst, ein letztes, ultimatives Tabu, welches wir nicht brechen wollten, wären wir nicht so bedrängt – räumlich oder emotional.
Ich kann mich rückblickend wirklich nur an zwei regelrecht entspannte Fahrstuhlpartien erinnern. Read more »


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Wellness-express

Sie gehen nicht zum Sport, sie rennen. Sie rennen nicht auf dem Laufband sie rasen. Sie stemmen nicht Gewichte, sie reißen sie – und wenn sie Schwimmen, dann um die Wette.
Im Ruhebereich der Wellnessecke geht es hektisch zu, wenn sie entspannen. Selbst wenn sie ruhen, rasten sie nicht. Vom Zeh bis zum Scheitel ist gegen jedes Zipperlein ein Kraut gewachsen, welches gecremt, einmassiert oder gepeelt werden kann. Read more »


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Wenn es 13 schlägt

Ironischerweise war es das „Spiel des Lebens“, welches ich immer wieder verlor. Während in meinem Plastikauto-Spielstein ein Kind nach dem anderen landete und ich bei der Bank immer tiefer in der Kreide stand, zählte meine ältere Schwester ihre Spielgeld-Penuzen und brummte mir saftige Überziehungszinsen auf. Natürlich war sie Mitspieler und Spielbank zugleich. Natürlich erlebte sie das Börsen-Hoch und ich das Tief. Sie wurde Millionärin, ich nur Tellerwäscherin. Das Rad des Schicksals drehte sich und wo ich auch hinfuhr mit meinem Lebenswagen – meine Mitspieler fuhren voran. Schon früh hatte ich mir eine Taktik zurechtgelegt, die meine Schwester als gaunerhaft bezeichnete: Read more »


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