Mittwoch, 17 of September of 2014

Archives from month » November, 2009

Zu lange was Absurdes tun

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Mein Bruder hat einen Wald. Andere haben ein Auto, einen Garten, oder eine Einbauküche. Er hat einen Wald. Und wer einen Wald hat, der hat Wild und der kann jagen. So wie ich die Blattläuse auf meinem Balkon mit den Fingern zerknipse, um meine Petunien zu retten, macht mein Bruder Jagd auf überzählige Rehe, die seine angepflanzten Douglasien wegfuttern. Jedes Jahr holt er sich kollegiale Hilfe zu diversen Schießveranstaltungen.
Die Herbstjagd ist die für neugierige Touristen und unsportliche Anverwandte aus der Stadt. Erstes Highlight am frühen Morgen der Jagd ist die Verkündung des zum Abschuss freigegebenen Wildes. Minutiös werden Listen in lupenreinem Jägervokabular verlesen, dessen komisches Potential sich nur dem Laien erschließt. So war es ausdrücklich verboten, fliegende Rehe zu schießen. Auch Wild mit Fahrradlenkern oder Bananen (bezogen auf die Form des Gehörns) waren tabu. Besonders schön ist auch der Begriff Brunftkugeln, der die Hoden des Schalenwildes beschreibt. Was eine Brunftrute ist dürfte sich dann von selbst erklären. Read more »


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A Haarbürschtn

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Ich bin Ironiecamper. Ich campe, aber versuche jeden Anflug von Spießigkeit, jeden Klappstuhl und jedes Alugeschirr augenzwinkernd in die sichere Ironiezone zu manövrieren. Wir haben zwar den modernsten Campingschnickschnack, aber wollen ums sterben nicht volkstümelnd im Caravan hocken, so wie die andern, die wir so gern von unserem Zeltvorplatz aus beobachten. Das schöne am Zelten und Gucken ist bisweilen das babylonische Sprachgewirr, welches man zu jeder Tages- und Nachtzeit mitverfolgen kann und muss. Da wir in Kroatien weilten, beschränkte sich die Vielfalt auf österreichisch, niederbayrisch und italienisch. Zu jedem Caravan gehörte eine kleine, fein aufgereihte Armada an Blumenkübeln und -kästen vor der mobilen Behausung, die das dazugehörige Kunstrasenviereck nach außen hin abschottete. Dieser „Rasen“ wurde zweimal täglich vor den Mahlzeiten abgefegt und selbst die Stufe hinein in den Camper war damit bezogen. Read more »


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Der Hähnchenschenkelmann

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In Berlin gibt es vieles, was die Welt nicht braucht, meinte Herr Müller.
Er stellte sich die Welt vor, als einen Ball von klar differenzierbaren Bedürfnissen, befand sich quasi am Plafond der Perspektiven auf die Welt. Die Völker der Welt schauen auf Berlin, und Herr Müller sah auf die Völker herab. Und er sah Dinge, die niemand brauchen konnte.
Nach dem urbanen Liebesrausch der Wendezeit hatte es ihn an den Askanischen Platz verschlagen. Die restaurierte Ruine des Anhalter Bahnhofs, auf die er aus seinem Küchenfenster sah, war ihm bald lästig geworden. Sie wurde im Laufe der Jahre immer jünger und gepflegter, während er zusehends verkam. Er wusste selbst nicht, wohin sein Leben gegangen war.
Der Übergang vom Abitur zum Studium war fließend gewesen. Lebensmittelchemie galt als vielversprechender Studiengang. Er hatte über die variierenden Anteile von Getreide im Gin promoviert. Die langen Nächte im Labor versüßte er sich mit Tonic Water, den er im Laborglas zu Gin Tonic mischte. Er war auf der Höhe seiner Zeit gewesen und es wurde ihm unheimlich. Aus Angst, es könne eines Tages bergab gehen, geriet er ins Rutschen.
Er fing an, Tabletten aus den Laboren zu entwenden und bunkerte sie. Doch bevor er sich selbst entsorgen würde, wollte er das aus der Welt verbannen, was für ihn ohne Daseinsberechtigung war. Read more »


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Leben auf der Kuhhaut

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Geht mein Leben eigentlich auf eine Kuhhaut? Ich war gestern in einer Bibliothek. Meine Angst vor Unwissenheit kompensiere ich durch unkontrolliertes Kopierverhalten. Ich kopiere einfach ganze Bücher, und das nicht etwa am Kopierer, sondern an einem „book eye“. Dieser overhead Buchscanner ist der dernier crie der Abteilung. Laut Anleitung (in laminiertem A3) neben dem Buchauge muss man nur blättern und „scan“ drücken, … und eine Kopierkarte haben. Die muss man erst kaufen und mit Geld beladen. Daraufhin legt man sein Buch auf die Unterlage und steht vor weiteren wichtigen Entscheidungen: flat, book scan, double, single, A5, A3, hell, dunkel, per Email oder Drucker? Read more »


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Ballast abwerfen

Adieu

Mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Manchen Leuten wird davon schlecht. Aber der Vorteil an dieser Art des Bahnreisens ist, dass man den vorbei fliegenden Häusern, Bäumen und Tieren noch eine Weile nachsehen kann, bevor sie am Horizont verschwinden.

So eine Bahnfahrt von einem Ende des Landes an das andere kann dauern. Und irgendwann, wenn es draußen dunkel geworden ist, das mitgebrachte Buch ausgelesen, der Akku vom Laptop leergelaufen ist, wenn die Sitznachbarn Gespräche nicht wert sind und auch das bahninterne Unterhaltungsmagazin durchgeblättert wieder im Netz des Vordersitzes steckt, dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem das Mobiltelefon inspiziert wird. Dann erscheint es plötzlich notwendig, die abgespeicherten Telefonnummern mit gespitztem Bleistift in das analoge Adressbuch zu übertragen, falls, ja falls, der datenspeichernde Multifunktionsapparat namens Handy eines Tages einmal auf unauffindbare Abwege geraten sollte. Durch Taschendiebe vielleicht, oder durch Schusseligkeit. Und weil ja gerade Zeit ist, an die Arbeit!

Doch schon beim Durchklicken des Buchstabens A fällt auf, dass hier vieles drinsteht, das man nie anwählt und schon gar nicht abschreiben möchte. Read more »


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Sich falten

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Sobald man sich vornimmt, nur die Hälfte an der Essensausgabe zu nehmen, ist man besessen von doppelten Portionen. Selbst auferlegte Völlereiverbote sind wie Katalysatoren der Gelüste. Jeder bewusst versagte Cheeseburger gebiert mindestens fünf heimliche Wünsche nach Schlimmerem. Eine Diätphase endet bei wiederholt gesundheitsbewussten Paaren daher immer genau dann, wenn sie ihren Höhepunkt erreicht: das erste, rundum gesunde Essen. Eines Abends am Ufer der Havel nach dem Bade, erwarteten uns also zwei Tupperboxen mit Möhren, Melone und Vollkornbroten. Read more »


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Friseurhund Boris

Boris

Ich glaube nicht, dass dieser Friseurhund wirklich Boris heißt, aber ich habe ihn nun so benannt, da er in einem kleinen kroatischen Küstenort zu Hause ist und dort mit diesem Namen gut zurecht käme. Friseurhund Boris lebt und arbeitet in einem hellblau getünchten Friseursalon mit einem einzigen Besucherstuhl. Die Wandfarbe und der betagte Besitzer von Hund und Laden teilen in diesem winzigen Raum sichtbar schon viele Jahrzehnte. Auch Boris, eine nicht mal kniehohe Promenadenmischung mit Dackeleinschlag, hat bereits eine sehr weiße Nase.

Ein Basteltipp am Rande: Um diesen Herrenfriseur zu betreten, teilt man einen Perlenvorhang, der aus leeren, aufgefädelten Actimel-Flaschen besteht. Hinter diesem Vorhang allerdings erinnert nichts mehr daran, dass wir uns im aktuellen Jahrtausend befinden. Mit allerlei freundlichen Winken und Gesten bugsierte der Friseur meinen Freund auf seinen Stuhl, zückte Kamm und Schere und machte sich ans Werk. Ich setzte mich auf eine Bank an der Rückwand, fand auf dieser tatsächlich ein einziges deutsches Klatschmagazin, das so abgegriffen war, dass man den Titel nicht mehr lesen konnte.

Mein Freund, ob der Sprachbarriere über sein künftiges Aussehen in Ungewissen belassen, warf mir durch den Spiegel angstvolle Blicke zu. Ich blinzelte tröstend zurück und versenkte mich interessiert in den Klatsch vom Vorjahr. Bis mich das Stupsen einer feuchten Nase an meine Wade ablenkte: Read more »


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Zeitglas

Fernglas

Ich habe auf dem Dachboden meiner Eltern herumgestöbert und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Dieses Nichts war schlichtweg dies und jenes, was in den Schubladen und Kisten und Koffern auf dem elterlichen Dachboden herumliegt und einstaubt. Ich blätterte mein Gymnasialzeugnis durch und kramte in meinem Schmuckkästchen aus der Teenie-Zeit. Ich fand meine Milchzähne in einem Pressglasdöschen und räumte diverse Jugendbücher von den einen Stapeln auf die anderen Stapel. Dann öffnete ich eine Schublade, in der mein Vater allerlei veraltete Technik aufbewahrte: Super-8-Filme, eine Kamera aus den 60er Jahren, und, zu meinem Erstaunen, das Fernglas.

Ich war mir nicht gleich sicher, ob es wirklich DAS Fernglas war, denn es ist ein einfaches, handliches, schwarzes Fernglas und sieht aus, wie ein klassisches Fernglas eben aussieht: Zwei Röhren, an jeder ein Rädchen zur Justierung und in der Mitte eines zum Scharfstellen. Seine Bedeutung erschließt sich nur Fernglas-Kennern aufgrund seines Markennamens, der exzellente Linsen und Lichtstärke verspricht. Es war ein sehr gutes Fernglas und es hatte in unserem Haushalt ein extrem kurzes Leben. Read more »


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Die Biblophoben

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Ich leide unter Biblophobie. Egal wie viel Kaffee ich trinke, sobald ich mein Buch in der Bibliothek aufgeschlagen habe, überkommt mich komatöse Müdigkeit. Ich beginne schielend eine Stelle auf ungefährer Seitenmitte anzupeilen und verharre für stille 20 Minuten genau so. Bis der Kommilitone gegenüber Verdacht schöpft und ich hastig umblättere. So kommt es, dass ich immer nur die linken oder rechten Seiten angucke, und insgesamt nur vier Worte pro Seite mitkriege. Bei Hegel war das heute „an und für sich“. Nach 40 Minuten schlafen mit offnen Augen versuche ich mich aus dem Tal der Müdigkeit zu schleichen. Langsam bewegen sich meine Augen die Zeilen entlang. Read more »


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Neukölln Chic

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Mein Kleidungsstil ist zer-rütli-t. Ich möchte seit geraumer Zeit unbedingt einen zusammengehörigen Jogginganzug. Am besten bunt und cool. Damit schlendere ich dann zum Hermannplatz und gucke möglichst abgefuckt. Berlin verlangt Assimilation, nicht sofort, aber unweigerlich nach den Jahren. Wenn man sich einmal auf diese Stadt eingelassen hat, gibt es keine Umkehr. Niemand nimmt einen mehr nach München zurück, wenn man in abgewetztem Schuhwerk und zerlöcherter Arbeiterjacke daherkommt. Read more »


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