Dienstag, 2 of September of 2014

Archives from month » Februar, 2010

Es hat nur an dir gelegen

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Kreuzberg, am Küchentisch. Eine Frau um die 30 erzählt von ihrem unbewegten Liebesleben.
Eine andere hört zu, die dritte spricht die Fußnoten.

Die Frau (angetrunken): Also ich kann nicht einschlafen, seit einem Jahr kann ich bei Männern nicht einschlafen. Ich rufe dann immer meine Freundinnen an … . Ich gehe dann um zwei spätestens. Ich kann bei den Männern nicht einschlafen.
Die Andere (leise): Krass.
Die Dritte (irritiert): Wie, … nicht einschlafen?
Die Frau (lauter): Ja, ich hab da den Philipp getroffen und alles war super. In Kreuzberg. Wenn wir ausgingen war es super, in Kreuzberg. Aber dann hab ich ihn besucht, er wohnte da wegen der Arbeit woanders, und es war gemütlich und so. Haben Sushi bestellt. Schlafanzug angehabt und kuschelig und so. Aber dann im Bett, … nix. Der wollte nur schlafen. Read more »


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Das Fugen-s

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Ein Manuskript wird Korrektur gelesen. Zwei Damen mittleren Alters, eine junge Studentin, ein Mann um die 50, offensichtlich leitender Position, sitzen jeweils vor ihrer Kopie. Man versucht die gemachten Korrekturen miteinander abzugleichen.

Er: Also, wo sind wir?
Studentin (energiegeladen, laut): Also Peter, wir fangen auf Seite 22 an, bei den Tabellen.
Die Damen: Ja, … Seite 22. (blättern geschäftig).
Er (abwesend): Ich bin aber noch auf Seite 12, und …
Studentin: … ja Peter, aber du guckst ja auch nicht richtig, was guckst du denn da? Wir sind doch bei den Tabellen und du musst doch vergleichen …
Er: Ja das versuche ich ja, aber …
Studentin: … auf Seite 22.
Er: Ja. (guckt weiter auf Seite 12). Read more »


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Die Blüte meines Lebens

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Die Blüte meines Lebens traf mich völlig unvorbereitet in meinem 30. Lebensjahr.
Ich hatte gerade den Sonntagsteil der Zeitung in der Hand, in der eine gewisse 18jährige Helene Hegemann ihrer Besorgnis Ausdruck verlieh, dass sie später mit 30 „in der Blüte ihres Lebens“ von diesen und jenen belanglosen Leuten umgeben sein wird, (und so weiter und so fort, der Rest des Interviews verschwamm vor meinen Augen).
Mit 30, in der Blüte ihres Lebens. Ich bin 30. Wo ist meine Blüte? Read more »


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Kakerlakenmenschen

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Meine Mutter meinte immer, wenn eine Atombombe detonierte, dann überleben nur die Kakerlaken. Mit großer Ehrfurcht und Unbehagen beobachte ich seither die überlegenen Insekten. Was würden diese machen, so allein auf der kahlen Erde nach dem Supergau? Nach 30 Jahren Lebenserfahrung weiß ich nun: sie wären nicht alleine; hinter jeder zähen Kakerlake steht nämlich ein Kakerlakenmensch.
Diese Sorte Mensch wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, geradezu schwach. Leicht gebeugt mit schmalen Schultern und dünnem Stimmchen weht ein Kakerlakenmensch heran, setzt sich flugs neben einen und erzählt einem sehnsuchtsvolle Geschichten von Stärke und Erfolg. In jedem Nebensatz hört man, wie schwer er es hat, wie schwach er ist und wie viel Mühe das Leben ihm macht. Nichts kriegt er auf die Reihe. Read more »


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Richtig und falsch

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Nach 20 Semestern an der Uni kenne ich mich aus. Es gibt nicht viele Varianten sich falsch hinzusetzen in der europäischen Mensa.
Der kleine Mann mit den Ohrsteckern wählte die einzige, die nicht akzeptabel war. Er setze sich mit der Blickrichtung zu mir.
Das ist der Tod. Ich hasse es, wenn ich esse und jemand Fremdes guckt mir dabei zu.
Er saß nicht direkt gegenüber, das wäre eine offene Kriegserklärung gewesen, aber schräg vor mir. Ich konnte ihn klar aus dem Augenwinkel sehen. Und ich hatte nichts zum Lesen dabei. Ätzend.
War ich die einzige, die das nicht mochte? Was war schon dran, wenn mir jemand beim Kauen und Schlucken zuguckte?
Ich mochte es nicht. Schon sah ich ihn zu mir herüber schielen. Read more »


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Kinderangst

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Jeder musste allein baden gehen, wegen der Wertsachen. Das braune Wasser schlappte, hatte meine Hose erreicht. Wie ein Kind fürchte ich mich im dunklen See, gucke nach hinten, er winkt mir zu. Der Boden verschwindet und ich sehe nur noch grüne Schleier. Gesichter, Monster, riesige Wale schnappen nach mir. Im hüfthohen Wasser brodelte es, meine Haarspange ist weg, als ich vor ihm stehe. Wieder einmal bin ich allem entkommen. Die Stulle danach ist nur die vor dem nächsten Mal.


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Der Zählermann

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Ich hatte eine Aufgabe.
Seit Wochen bereitete ich mich darauf vor. An unserer Eingangstür im Parterre hängt ein Zettel, der eindringlich mahnt, an einem gewissen Tag zu einer gewissen Zeit in seiner Wohnung persönlich anwesend zu sein, wenn der Mann mit dem neuen Wasserzähler klingelt. Handwerker kommen bedauerlicherweise immer genau zu der Zeit, in der ich am besten schlafe. Ich könnte hundert Klempner, Schlosser oder Elektriker bestellen, wir bekämen uns nie zu Gesicht. Morgens um sieben ist für mich mitten in der Nacht. Um mich sanft in die Erfüllung der Aufgabe des Wachseins vor elf Uhr hinüber gleiten zu lassen, erbot sich mein Freund (an jenem gewissen Tag) zwischen sieben und neun die Stellung zu wahren, bis er ins Büro musste. Ihm fällt das nicht schwer, er beliebt früh aufzustehen und ist bereits vor acht wach und geschwätzig wie eine Kinderparty. Er ist nicht nur in der Lage, sich morgens koordiniert ein Müsli oder einen Kaffee zu machen, er kann es auch noch entspannt essen bzw. trinken. Er zieht sich sogar eine bequeme Jogginghose zum Frühstück an, weil er anschließend noch Lichtjahre Zeit hat, sich tagestauglich umzuziehen. Bei mir sieht das alles anders aus. Read more »


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Music is my only drug

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Mein iPod hat als Jogging Accessoire das größte Potential unseres Teams. Er fasst unendliche Mengen and Liedern und sein Akku ist nicht totzukriegen. Ich wünschte er würde für mich laufen, und ich könnte trällern. Joggen ist und bleibt für mich ein zutiefst unidealer Zeitvertreib. Anstatt zu rennen, könnte man schlendern, anstatt zu schwitzen, bevorzuge ich es herumzusitzen. Unter strenger Beobachtung der dickbäuchigen Raucher im Shishacafe auf der anderen Straßenseite laufe ich regelmäßig zu schnell los. Doch auf die rote Ampel an der nächsten Ecke ist verlass, fast immer halte ich mich bereits dort keuchend am Mast fest. Read more »


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Notausnahme

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Seit einer Woche bin ich fest überzeugt, dass ich mir einen Glassplitter in den rechten vorderen Fußballen getreten habe. Im Geiste sah ich ihn schon durch die Blutbahn ins Gehirn einströmen, durch das Herz wieder in den Zeh sausen, um dort munter weiter zu wandern. Bestimmt hatte der kleine, nervige Splitter schon den ganzen Körper behelligt. Zumindest aus meinen Kopf kriegte ich ihn so nicht mehr heraus. Ich wartete bis ich einen günstigen Brückentag erwischte an dem garantiert keine normale Praxis auf hatte und sah mich so gezwungen, in ein Krankenhaus (Notaufnahme!) zu humpeln. Schon als ich mich anmeldete witterte ich Spritzen und Skalpelle. Nur zwei Stunden Wartezeit später war ich bedient. Read more »


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Erlebnisziegen

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Auf dem Regionaleinkaufzentrum im nördlichen Mecklenburg-Vorpommern gab es zur Belustigung des Publikums Erlebnisziegen. Sie lagen faul auf ihren Bäuchen im Streichelgehege und dösten. Trotzdem wagte sich niemand an sie heran. Ein Schild, in Kinderaugenhöhe am Zaun befestigt, kündigte an: „Beobachten Sie, wie flink sich die Ziegen auf den Turm bewegen, wenn die Glocke ertönt – das Zeichen der Fütterung. Werfen sie zum Auslösen des Glockenspiels und des Futters 50 Cent in den Automaten.“ Der Turm war direkt neben den Ställen, über eine Trittleiter verbunden. Während wir über das Spiel-und-Streichel Areal von Karli’s Erlebnishof wanderten, um einen Euro zu wechseln, malte ich mir das Spektakel aus: emsige Ziegen die aufgeweckt und sich überschlagend im Stall verschwinden, um sich dann gegenseitig auf dem Weg zum Fress-Turm zu überholen. Mit feuchten Händen warf ich das Geld ein – es bimmelte. Read more »


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