Freitag, 19 of September of 2014

Archives from month » März, 2010

Mäuse Melken

schere
Brötchenzangen sind zum Mäuse melken.
Vor einiger Zeit hing mein Freund (auf der Suche nach besonders dunkel gebackenen Brötchen) bis zur Achsel in der Plexiglasbox mit Supermarktschrippen. Seiner Meinung nach waren diese stets ganz hinten unter den blassen versteckt.
Direkt neben ihm zwängte eine andere Kundin ihre Hand beherzt durch die Öffnung der Nachbarbox, um sich geschwind mit sicherem Griff zwei Roggenbrötchen zu organisieren. Eine ältliche Dame die des Schrippengrabbelns ansichtig wurde, hielt empört inne und musterte die Szene mit funkelnden Augen. „Was guckst du?“ – fragte die Kundin mit den Roggenbrötchen in glasklarem Neuköllnisch, während sie weiter wühlte.
Der älteren Dame schwoll sofort der Kamm. Read more »


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Muttern

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Freitags auf der Hochschulmesse im Roten Rathaus, überall studierwütige SchülerInnen, die mit Lehrern oder Eltern Infobroschüren abgreifen. An einem Stand gibt es Entschuldigungszettel für Schüler, die sich für die Messe schulfrei genommen haben. Die Zettel dienen zur Vorlage bei der Schule.

Eine Mutter ohne anwesendes Kind: „Darf ich einen Entschuldigungszettel für meine Tochter mitnehmen? Die ist nämlich krank und kann deswegen nicht zur Messe.“
Das Messepersonal: (???) …

Eine andere Mutter schiebt ihre ca. 17 Jährige Tochter mit einer gelockerten Variante des Polizeigriffs (eine Hand im Rücken der Tochter, die andere an der eigenen Handtasche – man weiß nie) über die Messe. Angekommen am zentralen Infostand, baut sich die Mutter hinter ihrer blassen, pubertierenden Tochter auf.

Mutter (zu laut): Also, …hier. Frag doch mal die Frau, was es hier so gibt! Informier’ dich mal!
Vor der Tochter liegen Broschüren, die über Bachelor- und Masterstudiengänge informieren. Auf Anhieb, sind die verschiedenen Broschüren schlecht voneinander zu unterscheiden.
Die Tochter guckt nach unten und streckt langsam die Hand aus nach der Bachelorbroschüre. Die Mitarbeiterin hinter dem Messestand nickt ihr aufmunternd zu.
Mutter (noch lauter, einen Tick genervt): Ja, was sind denn das jetzt für Broschüren …? (Streckt die Hand aus und greift eine weiter hinten liegende Masterbroschüre.) Was steht denn da drin? Schau doch mal. (Blättert, ohne zu gucken). Nimm doch die hier. Read more »


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Vorstellungsbilder

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Er ist weg. Eigentlich müsste er hier neben mir liegen und auf seinen nächsten Einsatz warten: Mein Ipod. Dank seines Mikrophons auch: Mein Diktiergerät. Mein Interview-Werkzeug. Ferner: Mein Geschichtentransporteur. Mein Stimmtrainer. Mein Sportbegleiter. Mein Fotoalbum. Mein Beifahrer. Ein kleines Gerät mit erstaunlich vielen Bedeutungen, merke ich jetzt. Sein Platz links auf meinem Schreibtisch: Leer. Er ist weg.

Die ganze Woche schon bedrückt mich das Gefühl von Verlust streng monoton steigend. Zunächst als leise Ahnung mit einem Beigeschmack von: Na, der liegt bestimmt im Auto. Später als immer deutlicheres Grimmen im Hinterkopf. Schließlich als Auslöser einer mittelschweren Aufräumaktion. Ergebnislos. Ein Anruf bei der kürzlich besuchten Mutter, doch die verneint, einen Ipod gefunden zu haben.

Eine weitere Aufräumaktion, diesmal systematisch angelegt. An ihrem Ende steht ein durchsortierter Arbeitsraum, ein gestaubsaugtes Auto, eine geputzte Küche, ein komplett umgeräumter Schreibtisch mit lauter ordentlichen Schubladen. Die Wohnung blitzt und blinkt, aber es macht mich nicht froh. Alle Unterlagen liegen auf logischen Stapeln, aber es macht mich nicht froh. Alle Bücher stehen in sinnvollen Reihen an sinnvollen Orten, aber es macht mich nicht froh. Denn: Der Ipod ist weg. Read more »


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Die schweigende Mehrheit steht hinter mir

SCHWEIG
Wie muss es wohl sein, eine schweigende Mehrheit hinter sich zu haben?
Man stelle sich das vor, so morgens ungeduscht und struppig vor dem Spiegel, und hinter sich eine Mehrheit. Schweigend zwar aber immerhin. Passt eine Mehrheit überhaupt in mein Bad?
Und dann auf der Strasse … oder im Bus. Muss ich ihr ein Ticket kaufen? Gibt es ein Mehrheitstagesticket? Müsste ich dem Berliner Busfahrer sagen: „Zwei mal Kurzstrecke, einmal normal und eine für meine schweigende Mehrheit hinter mir?“
Man müsste Guido fragen, der lebt ganz offensichtlich schon länger mit seiner eigenen Mehrheit. Die muss sogar so groß geworden sein, dass er vor lauter Mehrheit gar nicht mehr durchblickt. Wohin er auch guckt steht seine Mehrheit. Read more »


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Wer will fleißige Handwerker sehen?

Zylinder.jpg
Nach getaner Arbeit bin ich heute fröhlich aus der Hängematte gesprungen (ja, Künstlerin müsste man sein) und habe meine Siebensachen zusammengesucht und bin leichten Herzens und leichten Schrittes aus der Ateliertür getänzelt. Mit Schwung habe ich den Schlüssel ins Schloss gesteckt und mit Schwung herumgedreht und soviel Schwung hat der Schlüssel nicht verkraftet und ist mit einem sanften Knicksgeräusch einfach abgebrochen.

Nun muss man dazu noch sagen, dass ich die Lage nicht einfach sich selbst überlassen konnte: Die Tür zum Atelierhof hat auch von außen eine Klinke. Zwar bunkern wir drinnen nur einen Wasserkocher und zwei altersschwache Radiorekorder (der eine kann MP3s abspielen, beim anderen ist die Antenne noch dran). Andererseits gibt es eben viele Dinge im Atelier, mit denen man die anderen Dinge darin kaputt machen kann. Farbe nämlich, und Bilder. Unser sensibles Lebenswerk. Ich war bereit, es zu verteidigen. Mit dem vollen Einsatz all meiner bisher unentdeckten handwerklichen Talente. Ich fasste den heroischen Entschluss, den schwergängigen Schließzylinder auszuwechseln. Read more »


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Die Farm auf meiner Pinnwand

huhn

Als ich mich bei Facebook anmeldete hatte ich mit allem gerechnet, nur nicht mit einer Farm auf meiner Pinnwand. Anstatt die Freunde im Internet zusammen zu sammeln wurde ich bereits nach wenigen Minuten angehauen, ob ich nicht ein paar Hölzer oder „Klicks“ für einen Hühnerstall hätte. Alternativ wurde auf meinem Profil auch nach Cybertrüffeln gegraben oder um die Erweiterung eines Weizenfeldes gefeilscht.
Auf vorsichtiges Nachfragen, ob ich meine Holzproduktion oder Fischteiche auch später aktivieren könne, wurde mir knapp erklärt, dass die Hühner im anderen Facebookprofil schon die ganze Zeit frieren würden. Das bedauerte wiederum eine weitere Person (die sich quasi ohne mein Zutun in meine Freundesliste gemogelt hatte) so sehr, dass sie einen weiteren Farmdialog auf meiner Pinnwand eröffnete. Drei andere, von denen ich es nie gedacht hätte, spendeten Dachteile und Wein, was sofort wieder irgendwem gefiel. Read more »


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Axolotl Wordkill

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Wo ist ein Würfel, wenn man einen braucht?
Wie viel Prozent der Berliner könnten in diesem Moment innerhalb von zehn Sekunden einen Würfel organisieren? Ich brauchte allein 10 Sekunden um zu überlegen, wann ich das letzte Mal einen in der Hand hatte. Als Kind; vorzugsweise warf ich ihn auf meine Schwester, wenn sie zu gewinnen drohte.
Auf Zehenspitzen angele ich mir das Backgammonspiel vom Regal. Es klackert.
Nun wiege ich einen kleinen weißen Würfel in meiner Hand.
Mein Spiel heißt Axolotl Wordkill. Die Grundlage ist eine Zitty-Leseprobe eines ganz ähnlich betitelten Buches. Dessen Autorin sagte im Interview, sie hätte sich beim Verfassen ihres Werkes überall bedient, wo sie dachte, das entspräche jetzt der alternativen Lebensweise, über die sie schreiben wolle.
Und ich dachte mir, nachdem ich die Leseprobe mühevoll verdaut hatte, dass es justament meiner alternativen Denkweise entspricht, mein eigenes Axolotl Wordkill zu verfassen, bzw. zusammenzuwürfeln. So soll jeder sein eigenes Werk kreieren, indem er aus dem eklektizistischen Brei des anderen das herauslöffelt, was ihn eben so anlacht. Und mich lachte in der Leseprobe so einiges an, daher bediene ich mich nur dort. Read more »


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Die Podusche

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So eine thailändische Podusche will wohlüberlegt angewandt sein. Der Wasserstrahl entfährt ihr mit unbeherrschtem Druck. Von vorne gegengehalten droht man den ganzen Rücken nass zu spritzen. Von hinten gezielt hat man eigentlich nichts unter Kontrolle und verfehlt am Ende noch die angepeilten Stellen.
Das schöne an den Reisen in ferne Länder, sind die fremden Gebräuche und Sitten, die einen um viele Erfahrungen reicher machen. Und das schwierige an den Reisen in ferne Länder, sind die fremden Gebräuche und Sitten, die einen um eine Hosengarnitur nasser machen, wie z.B. eine Dusche, die an einem Schlauch neben dem Klo hängt – für den Hintern. Eine Art portables Bidet.
In thailändischen Bädern gibt es also streng genommen zwei Duschen – eine tröpfelnde für oben und eine stramme für unten. Zusätzlich verfügen die Bäder über Öffnungen in der Mauer, durch die die feuchtheiße Luft und allerhand Getier zirkulieren kann.
Die Spinne, die mein Freund beim Ganzkörper-Duschen entdeckte, entsprach dann auch unseren europäischen Erwartungen an die Tropen: sie war langbeinig, haarig und gefühlt so groß wie ein Dackel. Read more »


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Reihe 33

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7A und C. Nein. Lieber 45 F und H. Nee, lieber weiter vorn: 23 A und C! Oder doch 36 F und H?
Mein Blick huscht zwischen den Sitzreihen hin und her. Nur nicht über dem Flügel sitzen, oder hinten bei Klo und Küche, oder gar vorn hinter der Business Class – um dann den ganzen Flug über grün vor Neid durch den Vorhang zu schielen.
Die Internetgrafik des Flugzeuginnenraums bietet unendliche Entscheidungsmöglichkeiten. Drei Viertel der Plätze waren leer, bis auf die Reihe am Notausgang. Klar, … Beinfreiheit.
Also den Freund anrufen und Beistand anfordern. Er meint, Reihe 33 klingt doch gut, Schnapszahl. Und wo man doch endlich mal wieder den Sitz selbst aussuchen kann, nimmt man nur das Beste. Außerdem ist in der Reihe 34 nur ein Sitz, vermutlich für die Stewardess. Mehr Beinfreiheit, wenn auch hinter uns, aber immerhin.
Reihe 33 – gebucht, gebongt, die Vorfreude steigt. Read more »


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Ich suche keinen Job

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Ich suche einen Job.
Nein.
Eigentlich will ich nur meine Ruhe.
Nein.
Ja! Ich will Cheese Nachos essen, den ganzen Tag.
Nein. Ich brauche einen Job. Und ich suche daher einen.
Nach einem Blick in die Suchbörsenergebnisse im Netz weiß ich, warum die Arbeitssuchmaschine „Monster“ heißt. Die ganze Welt sucht IT-Dingsbums Manager und Regional-Salesmarketing Assistants für die pulsierenden, vorpommerschen Metropolen. Für mich hört aber die Welt hinter Lübars auf. Dort stürzt der Berliner von der Erdscheibe ins brandenburgische Nichts. Read more »


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