Dienstag, 2 of September of 2014

Archives from month » April, 2010

Der Nächste bitte

Wartezimmer.jpg
Ein anderer Ort in der gleichen Stadt. Auch hier trägt man Spandex, aber nicht, um Magerkeit zu stilisieren: Auf der anderen Seite des Lebens lassen sich Jeans oder Bundfaltenhosen eben einfach nicht mehr zuknöpfen. Oder sie kneifen den Rentnerhintern beim Herumsitzen. Zum Beispiel im Wartezimmer.

Himmelblauer Teppich, immergrüne Pflanzen, es riecht nach aufgehängten Lederblousons. Das Angebot des Lesezirkels bleibt ungenutzt, denn das Ehepaar späteren Alters erscheint gemeinsam und sitzt stumm. Die gemeinsamen Jahrzehnte haben die Mundwinkel auf gleiche Höhe sinken lassen und die Hüften auf identisches Volumen anschwellen. Ähnlich gemusterte Strickpullover überschatten geschlechtliche Unterschiede. Ab und an wackelt er mit dem Fuß. Sie bremst ihn.

Ab und zu neigt sie sich und wispert unhörbar in sein Ohr. Er nickt.

Der Lautsprecher knattert. Sie muss allein ins Sprechzimmer. Ein flehentlicher Abschiedsblick. Dann ist er allein. Die Unruhe des Häkelmusters auf seiner Brust wandert in sein Gesicht. Und der Fuß klopft nun völlig ungehemmt auf den hellblauen Teppich. Er kommt erst zur Ruhe, als Sie zurückkehrt. Und dann schieben sie ihre runden Hintern, umspannt von gleichermaßen erdfarbenen Strechhosen, aus der Tür und kehren zurück in ihre Gewohnheiten.


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Ist das alles cool hier!

glasses

Hat man jemanden zu Gast, sieht man mal was so los ist, in der großen Stadt.
An anderen Tagen mäandert man so dahin, schlurft immer um dieselben Ecken, kauft wieder und wieder dasselbe Zeug und hängt stets an Altbewährtem fest.
Anlässlich eines Besuches war ich nun gezwungen vorzutäuschen, ich wäre energiegeladen und scharf darauf, den Tag durchstrukturiert dem Entertainment zu widmen. Jeden Morgen lag ich grübelnd in den Kissen und stieg durch die Wolken der Erinnerung: wo war ich das letzte Mal aus, was war das für ein Club, mag sie koreanisches Essen und ab wann ist genug auch wirklich genug?
Nachdem wir den sozialen Wohnungsbaugürtel Kreuzbergs durchschritten hatten stand ich ratlos an der Oranienstraße und schwadronierte über Drogenszenen, Brennpunkte, türkisches Leben und Szenekneipen. Es war zu kalt um die Zeit im Freien totzuschlagen, also geriet ich spontan in eine eben jener Szenekneipen.
Wir fanden einen Eckplatz mit guter Sicht auf die Szene, saßen auf einer unbequemen Chaise Longue und guckten müde in die Runde. Eine Kellnerin in Leopardenhose mit mandarinenfarbenem Haar in Stufenoptik ignorierte uns beharrlich. Read more »


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Stadtguerilla, blühend

Guerilla.jpg
„Ich habe einen Guerilla Garden“, sagte die fröhlich-amerikanische Künstlerin und sprach von wildem Blumenumtopfen direkt an der Spree in Berlin-Mitte. Wenige Onlinestunden später war ich über die Möglichkeiten und Gepflogenheiten des Guerilla Gardenings als Lebens- Polit- und Modeform informiert und wusste, was ich zu tun hatte.

Vor dieser Begegnung hatte ich schlicht und einfach darüber nachgedacht, wo mein zu Weihnachten als Geschenk erhaltener Tannenbaum im Topf ein neues Zuhause finden könnte – außerhalb meines Arbeitszimmers, außerhalb meiner Wohnung. Neben meinem Schreibtisch nadelte es entschieden zuviel, kleine Spinnen hatten sich im Nadelgeäst angesiedelt und spannen den Baum nach Staubsaugerattacken binnen Tagen erneut ein und kleine, rührende hellgrüne Triebe an den Astspitzen zeigten den Wachtumswillen des kleinen Baumes.

Nun aber hatte das gärtnerische Problem die politische Dimension des persönlichen Eingriffs in das Stadtgeschehen gewonnen. Ich machte daraus eine lokalpolitische und trug Topf und Baum zu einer kahlen Ecke in der Begrünung am Fuße unseres Wohnblocks. Read more »


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Im Dunkel der Niederlagen

ballerina

Im Dunkel der eigenen Niederlagen wachsen oft die schönsten Blumen der Erinnerung, insofern die Niederlage nicht allzu ernst gewesen ist.
Das Leben ist glücklicherweise (abgesehen von ganz erfreulichen Intermezzi) voll von misslichen Verläufen, die nicht der Komik entbehren. Einer bahnte sich (anno 1986) bei meinem ersten Besuch beim Kinderballett an.
Als junger Mensch ist man idealerweise gesegnet mit allen möglichen Chancen und Potentialen – unendliche Weiten gestaltbarer Zukunft tun sich auf. Insofern war der Optimismus meiner Mutter durchaus verständlich, als sie mich hoffnungsfroh zur dörflichen Mehrzweckhalle fuhr, um mich dem Provinzballetverein vorzustellen. In jener Halle warteten schon zehn andere Eleven zwischen fünf und acht Jahren, in hellblauen und rosa Turnanzügen, Strumpfhosen und dazu passenden Schläppchen. Ein von mir besonders verhasstes Mädchen trug sogar einen Tutu.
Meine Strumpfhose passte natürlich nicht zu meinem Turnanzug, so wie ich auch nicht zur Heizung passte, an der wir uns alle aufstellen mussten. Read more »


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Satt

eimer

Szene 1:

Eine Bar (Tresen, Regal mit Flaschen dahinter auf der ansonsten leeren Bühne). Am Tresen sitzen zwei Männer, die Barfrau wischt den Tresen, summt vor sich hin.

Mann eins (M1): Dankbarkeit.
Mann zwei (M2): Was?
M1: … öffnet alle Türen.
M2: nä.
Barfrau: Nu haut endlich ab, ihr beide.
M1: Ich bin ihr dankbar, der Doro.
M2: Die hat dich rausgeschmissen.
M1: Aber erst, als ich arbeitslos wurde.
M2: Eben. Read more »


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Gästeklorefugium

gästeklo

Wie viel Alltag verträgt ein Besuch? Darf man einfach Dinge tun, im Beisein der Gäste, denen man sonst in stiller Abgeschiedenheit hinter verschlossenen Türen nachgeht?
Mit Besuchen im eigenen Heim und Kiez ist es wie mit der Polygamie: in der Theorie wunderbar, in der Praxis äußerst störanfällig und schwierig. Schon ein durchschnittlicher Besuch durch eine an sich befreunde Person für drei bis vier Tage bringt mich an den Rande meiner nervlichen Kapazität, was durchaus mir selbst geschuldet ist. Schon morgens früh (wenn man aus Angst unfrisiert und mit modrigem Atem auf dem Weg zum Bad erwischt zu werden, durch die okkupierte Wohnung huscht) martert man sein Hirn: wie könnte man den Gast bespaßen, welches Programm bei welchem Wetter, isst er Brötchen oder Croissant? Atemlos schlüpft man in seine Kleider, nichts ist, wie es immer ist.
Der Gast wacht auf und ist bester Dinge – es gefällt ihm gut bei einem. Man selbst versteckt den grau gewaschenen SportBH aus Schulzeiten und faltet mit einem Mal die Wäsche in den Schrank. Das eigene Leben steht unter konstanter Beobachtung: „Wie – du hast einen Eierpiekser?“, „Dein Schrank ist ja echt vollgestopft“, „Krass, so viele Möbel“.
Einfache Tätigkeiten wie Herumhängen und Schweigen werden einem gründlich verleidet. Unabdingbar wichtige Vorabendserien muss man gar im Morgengrauen online gucken – das ganze Zeitgefüge der Woche ist perdu. Die Grundpfeiler der eigenen Existenz sind plötzlich die letzen Trittsteine die aus dem Wasser der Veränderung ragen. Read more »


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Klein-Ode

Hase.jpg

Im Görlitzer Park ein Häschen
am Sonntag Früh hebt das Näschen

es ist noch ganz still
doch es riecht schon nach Grill

denn der Park ist ein Picknick-Oäschen.


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Ungestresst und wetterfest

beton

Zwei ältere Damen stehen vor einem Drogerieregal mit Haarspray und Stylingprodukten. Beide sind alterstypisch gekleidet mit Stützstrumpf, Wollkostüm und Betonföhnwelle. Die eine hält sich an ihrem vollgepackten Rollator fest und guckt kritisch ins Regal, die andere (etwas rüstiger) reicht ihr eine Dose Haarspray.

Die Eine: Nimm doch den hier, der is von deiner Marke.
Die Andere (nimmt den ihr angebotenen Haarspray und dreht ihn prüfend in ihrem Händen): Nee, der is für jestresstes Haar. Ick bin Rentnerin, ick hab keen Stress.
Die Eine (insistierend): Ja aber dit is doch jut. Dann nimmste den halt ohne Stress, Hauptsache er hält. … Dit willste doch.
Die Andere (unzufrieden, gestresst, schiebt den Rollator in Richtung Regal um die Dose irgendwo dazwischen zu quetschen): Und ick hab auch keen müdes Haar. Read more »


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Carport

carport

Hand hoch: wer geht zu Klassentreffen?
Meine Hände bleiben in der Hosentasche. Kürzlich debattierte ich mit Freunden, warum man überhaupt in die Tiefen und Niederungen seiner schulischen Vergangenheit einsteigen sollte.
Allen am Tisch war klar: man geht nie ohne Grund und ohne Bangen. Und ein in Facebook aufgefundener Altfreund meinte kürzlich zu mir, auf so einer Veranstaltung träfe man ja doch nur Leute, die man nicht sehen wolle.
Warum also hingehen? Die Hälfte der Mädchen haben andere Nachnahmen oder gar Kinder, wohnen in Reihenhäusern und es wäre das erste Mal, dass man überhaupt miteinander geredet hätte. Die Jungs sind einem, es sei denn es handelt sich um die Jugendliebe, sowieso egal (und vice versa). Das Tischgespräch verläuft nach dem Prinzip „mein Haus, meine Yacht, mein Auto“.
Die Schnittmenge derer, die auf einer solchen Zusammenkunft glücklich wären, ließe sich fast hundertstelgenau bestimmen: Max oder Monika Mustermann aus Musterhausen, verheiratet, 2 Kinder (Junge und Mädchen), leitende(r) Angestellte(r), hübsche Ehefrau bzw. gutaussehender Ehemann, kleiner Garten hinter dem Reihenendhaus und ein Carport davor.
Ein Carport! Das Grauen schlechthin. Was soll das überhaupt sein? Read more »


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Mein liebstes Osterei

Ein Artikel, einst in der Welt erschienen, über ein geliebtes Bild:
Recycling aus aktuellem Anlass

Piero della Francesca malte in einem seiner letzten Bilder ein sensationelles Ei. “Madonna mit dem Kind und Heiligen sowie dem Stifter Federico da Montefeltro” heißt das Gemälde, das heute in der Brera in Mailand hängt. Seltsam cool die Szene, eine stumme Zwiesprache zwischen der Madonna und den Heiligen, geschmückt jedoch durch vier aufgebrezelte Erzengel. Darüber hängt rätselhafterweise ein einzelnes Ei an einer Kette. Es erinnert an eine einsame Glühbirne, deren Lichtkegel Kontemplation betonen könnte – doch von elektrischer Beleuchtung war man 1472 noch weit entfernt.

Das Ei hängt weit im Hintergrund in der muschelförmigen Apsis. Der Größe nach ein Gänseei, gilt es in der Literatur als Straußenei und symbolisiert Geburt und Auferstehung Christi, der sich auf diesem Gemälde geradezu lasziv auf dem Schoß seiner Mama räkelt. So weist das Ei auf den Inhalt dieser “Sacra Conversatione” hin. Seine Form steht für Vollkommenheit, sie wiederholt sich im Oval des Madonnengesichts.

Und hier liegt der Zugang zu Pieros Eier-Strategie. Die perfekt durchkonstruierte Architektur fluchtet auf Marias Gesicht. Das Ei hebt die Starre der Vollendung auf und springt durch seinen einzelnen Lichtreflex optisch von hinten nach vorne. Würde es fallen, so meint man, die Muttergottes finge es mit ihren gefalteten Händen auf. Obwohl es als stilles Pendel im windlosen Raum die Ruhe der Szenerie betont, lässt es gleichzeitig das Auge des Betrachters durch dieses außergewöhnliche Bild wandern.


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