Freitag, 25 of April of 2014

Archives from month » Juni, 2010

Bühne

leerkopf

Die Bühne macht was mit dir.
Nur was?
Und was, wenn sie mal nichts mit dir macht? Dann stehst du da, und hältst dich am Mikro fest und bevor du überhaupt dreimal geschluckt hast weiß das Publikum bis zur letzten Reihe, dass du eingebungslos blank bist.
Eine Freundin von mir verpackte es mal charmant in die Worte: „Ich klatsche immer, wenn jemand aufgetreten ist, denn allein DAS er aufgetreten ist, rechtfertigt Applaus.“
Wie wahr, wie wahr. Wenn einen die Müdigkeit wie ein Tiger von den Bühnen-Beinen holt und sich jede Pointe vom Acker macht, die man so sicher wie einen Elfmeter im Netz gesehen hat, dann will die geschundene Entertainerseele trotz allem nur eines: einen verdammten Applaus oder wenigstens einen Lacher. Dafür hat man doch ein Publikum, oder nicht? Read more »


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Safety förscht

Helm.jpg

“Thomas, hasch Du au dei Helm dabeii?”

Ein schwäbischer Satz schallt durch eine Berliner Seitenstraße. Klar, schwäbische Mütter zu Gast in der Großstadt sorgen sich um ihre dort Rad fahrenden Söhne. Egal, wie alt das Kind ist. Diesem Kind hier sträubt sich der spärliche Haarkranz vor Aufregung, als brav es vom Rad springt und hektisch nach seinem Fahrradhelm zu suchen beginnt. Als sich dieser weder auf dem Gepäckträger noch in der Satteltasche findet, gleicht sich seine Gesichtsfarbe der seines frisch gebügelten, knallroten Polohemdes an.

Seine Begleiterin, sehr hübsch und sehr belustigt, hat ihr Fahrrad ebenfalls angehalten und äußert Erstaunen. Ihre Zöpfe locken sich unbehelmt. Wie es dazu gekommen ist, dass dieses ungleiche Duo sich gemeinsam zu einer Freitagabendveranstaltung begeben möchten, bleibt Außenstehenden ein Rätsel und stimmt Frau Mutter, die mit steinernem Gesicht und ohne Abschiedsgruß ihrer Wege geht, offenbar unfroh. Sollte ihr Sprößling bis eben Chancen auf eine zweite Verabredung gehabt haben – die Mutter hat sie mit einem präzise gesetzten Satz zerstört. Routiniert.

Thomas nämlich ist von der Helmfrage überfordert und schwitzt, helmlos, richtungslos, haargesträubt und ratlos. Neben der am Horizont entschwindenden Mutter schiebt ein zweiter Sohn – auch er jenseits der dreißig – sein Fahrrad. Seinen Fahrradhelm trägt er sogar im Gehen.


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Herr Willumeit

willumeit

Herr Willumeit arbeitete in einem, bis zu Erdgeschoss abgerissenen, Bürogebäude. So sehr ihn seine Frau darum bat, sich einen anderen Ort zu suchen, umso beharrlicher kehrte er immer wieder in die Scharnierstraße 3 zurück. Das Bürogebäude war das letzte eines ehemals langen Komplexes, der die große Wirtschaftkrise nicht überstanden hatte. Nach und nach hatte man alle Bauten abgerissen, um zügig neue Loftwohnungen aus dem Boden zu stampfen.
Herr Willumeit hatte sich seine Autonomie zwischen Bauschutt und Kabelresten bewahrt. Man mochte ihm das Büro abreißen, stoppen konnte man ihn nicht. Dank seiner besonderen mentalen Fähigkeiten konnte er sich seinen Arbeitsplatz virtuell vorstellen. Schließlich hatte er sein gefühlt ganzes Leben lang in der Firma Kloppke&.Brüder gearbeitet. Der Versand von Plastikpackwaren und die dazugehörige Buchhaltung war die Linie des Horizonts, die er nie durchbrechen wollte. Read more »


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… den zweiten irgendwo dazwischen

berlin

Irgendwo dazwischen, im Schatten des Gesprächs fing sich mein Blick in den Falten der Stadt. Sie war hochgeschossig und ihre Gesichtszüge brach. Selten lachte sie. Auf ihrem Buckel würde man sich gut ausruhen können.
Wie für mich gemacht, dachte ich bei mir.
Da öffnete sich der Himmel ein bisschen und Licht fiel in meine Nische, die ich so bequem mit meinem Schweigen gefüllt hatte. Plötzlich stand ich alleine da, die Musik verschwand im Club. Ich roch noch nach Nacht. Gemach, dachte ich bei mir.
Ihr Kleid hat viele Ecken und Laternen, eine lange Strasse für jeden.
Kopfsteine und Pflaster, Laster rollen auf und ab. Sie hupt und kennt keine Geduld.
Ich nehme mir meine Zeit und lehne mich an ihre Wände. Wäre doch gelacht, dachte ich bei mir. Read more »


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Der frühe Vogel …

wurm

Der Ausspruch „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ sagt für meine Begriffe alles über das Frühaufstehen. Selbstverständlich schlafe ich, angesichts der Aussicht einen Wurm zu frühstücken, lieber aus. Mein Buffet soll reichlicher gedeckt sein. Ich schätze ein weiches Frühstücksei, manchmal Seekrabben mit Cocktailsauce, oder eine einfaches Schwarzbrot mit Hüttenkäse und Kresse.
Das Landesmotto Sachsen-Anhalts „Willkommen im Land der Frühaufsteher“ erfüllt mich jedes Mal mit Mitleid, wenn ich auf der Autobahn daran vorbeifahre. Willkommen im Land der Wurmfresser – Bon Appetit! Read more »


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Uns Uwe

vuvuzela

Ich sage nur zwei Worte: Uwe Seeler. 90 Minuten lang.
Jede Fußball – WM hat ihr Maskottchen, ihre Helden und Skandale. Diese hat Uwe Seeler, und davon nicht zu knapp. Als ich kürzlich die so überaus erfreuliche Partie zwischen Deutschland und Australien verfolgte und mich an meinem dritten Bier festhielt (pro Tor eine Flasche), hörte ich den Kommentator zum xten Male über „Uns Uwe“ reden.
Ich kenne mich nicht aus im Fußball, weiß nicht, wann Gelb-rot fällig wird oder was ein passives Abseits ist, finde gelegentliches Handspiel durchaus in Ordnung (wenn dezent ausgeführt) – aber Uwe Seeler, das wusste ich genau – spielte 2010 bestimmt keine aktive Rolle mehr im deutschen Team.
Warum der Kommentator ihn trotzdem ständig erwähnte, verwirrte mich zusehends. Ein Mal meinte er, man höre ein ohrenbetäubendes Konzert „wie aus tausend Uwe Seelers“. Toll, dachte ich – dieser Uwe muss ja ein Tier gewesen sein, ein Mittelstürmer, dessen Kampfgebrüll im gegnerischen Strafraum gefürchtet war, wie ein Heer Germanen. Read more »


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Ich soll einen Slamtext schreiben

brache

Die Seite ist weiß. Leer. Nix drauf. Erstmal das Datum hinschreiben, den Moment des Beginns festhalten. Den Beginn von Garnichts. Den Anfang eines leeren Blattes.
Ich werde wohl in oder neben einem ehemaligen Speichergebäude in irgendeinem Brachland stehen, auf einem Brachlandslamperformanceevent, und werde nicht liefern. Nichts. Vielleicht kann ich die Performance anders interpretieren, indem ich mich in den Schlamm werfe und dazu reime. Schlamm, Lamm, Kamm, fromm, dumm, krumm, …
Die Seite ist immer noch leer. Schwer, sehr, leer, mehr, klar, wahr, da, bla bla bla.
Auf eine leere Seite kann man sich keinen Reim machen.
Vielleicht hätte ich dieses Speicherareal noch mal besuchen sollen vorher? Ein vormaliger Speicher kann ja vieles sein. Vielleicht ist es eine ganz aufgeräumte Angelegenheit. Oder ich verschwinde hinter Bretterstapeln und irgendwo quaken die Frösche. Oder urban. Eine scheußliche, gesichtslose, verkrakelte und verdreckte Ruine die schreit: „Slam me as hard as you can. Hit me with your rhyme and be mine, my little poetic valentine“. Nein. Read more »


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Das Leben könnte so einfach sein

BAMBUS

Die Mittagspause ist ein heikler Moment des Tages. Ein sensibles Pflänzchen, welches schon durch Kleinigkeiten in Mitleidenschaft gezogen werden kann. In einer Großstadt gibt es dazu noch unendlich viele Störquellen, die einem die ersehnte Ruhe und das erhoffte leckere Mahl vermasseln können. Ich selbst unterscheide zwischen höherer Gewalt (Hagel, Tropensturm, Orkan) und widrigen Umständen – wie zugige Ecken, Klonähe des Sitzplatzes oder laute und stark sendungsbedürftige Tischnachbarn (Gesprächsvandalen).
Zusätzlich gefährdet ist eine Mittagspause durch den Zustand des eigenen Nervenkostüms. An manchen Tagen ist die Welt einfach schön, und selbst oktoberfestzeltartige Zustände im auserkorenen Etablissement können einem nicht die Laune verderben. Anderntags indes entdeckt man Aspekte der Lunchkultur, die das Niveau der eigenen Miesepetrigkeit noch einmal ins Unterirdische verschieben können. Read more »


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Der Basispreis

basispreis

Ein Restaurant in Mitte. Das Essen liegt im Magen.

Er (überlegt): Ja es ist keine Küche drin. Von all den Wohnungen, die wir besichtigt hatten, gab es nur drei mit Küche.
Sie (seine Freundin, guckt genervt): Hm.
Die andere (eine Freundin von ihr, müht sich): Ja, hm … also es gibt doch so Ikea Küchen.
Sie (seine Freundin, spöttisch): Ja, er hat ja schon alles in 3 D geplant, kann man online machen. Da schiebt er immer alles hin und her …
Die andere (angetan): Ja super, hab ich auch mal gemacht, ist cool. Voll praktisch.
Sie (bissig, vorgetäuscht locker): … die ganze Nacht, hockt er immer da, und schiebt alles hin und her. Das beschäftigt ihn …
Die andere (irritiert): Ja ist ne praktische Sache.
Er (leicht genervt zur Freundin auf die andere deutend): Ja siehst du, sie und ich, wir verstehen uns.
Sie (guckt genervt): Ja also wir brauchen ’ne Küche. Read more »


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