Samstag, 1 of November of 2014

Archives from month » September, 2011

Weltwissen

Der Gedanke klebte in meinem Kopf fest wie ein hartnäckiger Popel am Finger. Herunterschlucken konnte ich ihn so leider nicht. Er saß, und zwar richtig.
Es war im Jahr 1987, erste Bankreihe vorne rechts in einer damals „Volksschule“ genannten Grundschule, im bayerischen Voralpenland. Als ich zum zweiten Schuljahr just dort zu sitzen kam und eine vor mir liegende Sachaufgabe zu bearbeiten hatte, wurde mir auf einmal schlagartig gewahr, wie lebenserfahren ich doch sei. Mir war plötzlich, als hätte ich mit meinem Pausenbrot das gesammelte Weltwissen heruntergeschluckt und einverleibt.
Meine beiden Hände reichten zwar noch locker aus, um die von mir bereits gelebten acht Jahre abzuzählen, doch schwoll mir auf einmal die Brust vor Ehrfurcht, ob meiner Weisheit und Abgebrühtheit.
Um diesen Gedanken noch besser auf mich wirken zu lassen, setze ich mich – der Gewichtigkeit des Moments angemessen – noch etwas legerer auf meinen Stuhl. Read more »


Leave a comment

Ro-ro-roscimin

Seine Hüften kreisten im Viereck. Ungelenk, aber mit voller Leidenschaft. Steifhüftig aufgekratzt war auch seine dickbusige Tanzpartnerin im Leopardentop. Ihr Körper sah aus wie der einer antiken Fruchtbarkeitsgöttin: überall Wellen, Falten, Brüste und ein Becken zum gebären Unzähliger. Eine aufrecht gehende Raupe, eine Kissenfrau, die wie er so um die 65 sein musste. Eine heiße Rentnerbraut in Ustka, an der polnischen Küste in der Woiwodschaft Slupsk in Pommern.
Dort saßen wir hinter unseren 5cl Bechern mit Zubrowka Wodka, die genauso schnell leer geworden waren wie sich die Tanzfläche füllte. Mit einem Koffer voller Fremdscham unterm Tisch schworen wir uns einhellig, dass wir hier nur zum Gucken gekommen waren.
Der DJ mit dem Koffer voll polnischer Diskoknaller hingegen stand hinter einem scheddrigen Beistelltisch vor einer mit rotem Stoff verhangenen Wand. Per Mausklick startete er einen Reigen Sythiepop-Elektro-Hymnen zu dem sich die zahlreichen Anwesenden jauchzend auf die kleine Tanzfläche warfen. Zum Lied, dessen Refrain wir holprig mit „der letzte Tag, das letzte Mal“ übersetzten, hopsten der Hüftenmann und die Busengöttin dem entsprechend vollends enthemmt ins Gedränge. Er und ein anderer weißhaariger Clubveteran rissen sich noch auf dem Weg dorthin das Oberhemd vom Leib und ließen es über ihren Köpfen kreisen. Read more »


Leave a comment

Absurd

Sie und er liegen im Bett. Sie schnarcht. Er stupst sie an, sie wacht auf.
Sie dreht sich um und fragt (in hellwachem Tonfall): Was stubst du mich?
Er (guckt irritiert): Du schnarchst.
Sie (streng): Das geht gar nicht, weil ich wach bin.
Sie dreht sich um und schnarcht weiter.
Er ist wach. Irritiert.


Leave a comment

Zwischen 5 und 9

Morgens zwischen fünf und neun sieht mich nur mein Tunzel. Das kleine Kissen in meinem Arm macht, dass ich mich noch einmal gemütlich auf die andere Seite drehen kann, auch wenn draußen schon die Sonne aufgeht. Die blauen Stunden bei Tagesanbruch – in denen der Rest der Welt frühstückt, Kinder zur Kita kutschiert oder schon am Schreibtisch sitzt – sind meine tiefschwarze Nacht.
Stunden zuvor, wenn Nachbarn und Freunde längst im Bett verschwunden sind, passiere ich meinen Höhepunkt an Aktivität. Read more »


Leave a comment

Biometrie, EU und Sorgerecht

Baby-Biometrisch.jpg

Die Dekorationen der Arbeitsplätze der Berliner Ämter, die persönlichen Noten der Amtsfrauen und -männer sind auch nicht sympathischer als ihre Besitzer. Der zuständige Sachbearbeiter im Finanzamt sitzt vor massiven Hardrock-Postern. Die Frau im Bürgeramt vor verblichenen Kinderzeichnungen. Ihre Nachbarin hat ein gerahmtes Puzzle einer Berglandschaft in einem hässlichen Glasrahmen. Die Ansprechpartnerin in der Kinderausweisstelle hat auch Poster aufgehängt – Tierbilder. Mit dem Aufdruck „Medi & Zini“. Ein Pferd, ein Hund, ein Affe sehen ihr über die Schulter, wenn sie Kinder reisefein macht.

Meines soll auch bald reisen. Deshalb parke ich es zu seiner strampelnden Freude unter einer Grünpflanze, nehme Auge in Auge mit dem Pferd Platz und reiche meine mitgebrachten Unterlagen über den Tisch. Darunter ein Foto vom zukünftigen Ausweisinhaber, auf dem er ernst vor weißem Grund von meinem Arm aus in die Kamera blickt. Die Amtsdame hebt abwehrend die Arme: „Das ist aber kein Passfoto!“. Gut erkannt. Read more »


2 comments