Samstag, 23 of August of 2014

Archives from month » Februar, 2012

Die Achtsame

Die Erwartung ist die kleine Schwester der Enttäuschung. Sie treten nie gemeinsam, stets aber nacheinander auf. Sobald die Erwartung von der Realität abgelöst wird, folgt ihr die Enttäuschung auf dem Fuße um nachzusehen, was die andere so getrieben hat.
Von einem normalen arbeitsfreien Wochentag in Berlin erwarte ich eigentlich nichts Besonderes. Ein wenig Herumbummeln, ein bisschen Sonne, ein paar Schritte im Park und eine Handvoll Erledigungen, die ich am Ende des Tages schnell vornehmen möchte, um mich einem mittelruhigen Abendprogramm hinzugeben. Erledigungen, die mit dem Erwerb von Haushaltswaren und Lebensmitteln zu tun haben etwa, oder auch mal ein Gang zur Post.
Manchmal kann es passieren, dass man dabei Erwartungen auf die Spur kommt, die sich die meiste Zeit im Verborgenen aufhalten. Erwartungen, die einem just im Moment ihrer Enttäuschung gewahr werden. Passiv-Erwartungen, wie die Hoffnung auf ein funktionierendes Auto, die Schnelligkeit öffentlicher Verkehrmittel oder Ähnliches. Alltagsdinge eben. So unscheinbar und unaufdringlich wie die Erwartung an die durchschnittliche Verweildauer an Supermarktkassen.
Wie lange steht man dort? Zwei bis fünf Minuten? Acht Minuten wenn die Kassenrolle gewechselt werden muss?
Schon beim Herantreten an die Supermarktkassen suche ich mir die richtige Schlange aus: Read more »


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Rollin’ II

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Ich bin durch den Osten gefahren, mal wieder, es war zu einer Zeit, in der gerade keinerlei Jahreszeit herrschte und die Landschaft dieselbe Farbe hatte wie das Gefieder der Kraniche, die überall herumstanden und sichtbar kalte Füße hatten. Die Besatzung des Großraumwaggons des Regionalexpresses am späten Nachmittag bestand aus der üblichen Mischung aus routinierten, müden Pendlern und nervösen Fernreisenden mit dicken Koffern, es wurden um mich herum die Laptöpper aufgeklappt oder der Reiseproviant angebrochen und einer beschaulichen Fahrt über die vorpommerschen, mecklenburgischen und brandenburgischen Dörfern in die Abenddämmerung hinein stand nichts mehr im Wege. Eigentlich.

Einer jedoch war neu. Nicht, dass das von vorne herein aufgefallen wäre, doch er selbst setzte diese Tatsache ausgiebig in Szene – unüberhörbar. Der Typ im vorderen Wagendrittel, den von hinten gesehen vor allem ein Büschel zu Berge stehender Haare auszeichnete, packte sein Mobiltelefon aus und rief alle seine Bekannten an, um sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass er sich ausnahmsweise heute mittels des öffentlichen Fernverkehrs fortbewege. Zwischendurch riefen seine Bekannten ihn an, fortwährend klingelte das Handy, und jedes Gespräch nahm den selben, gespreizten, lautstarken Verlauf, so dass schon auf Höhe von Greifswald Süd die ersten Mitreisenden zu schnauben und stöhnen begannen und bei Groß Kiesow verhaltene Buh-Rufe hörbar wurden. Bei Züssow Read more »


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Am Anfang

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“.
Quatsch, so fing er gar nicht an. Und bevor er überhaupt anfing, machte er sich erst mal einen Kaffee. So eine Schöpfung setzt man nicht einfach so mir nichts dir nichts in Gang.
So befand er sich zunächst im Nichts des Universums und zündete sich zum Kaffee auch noch eine Zigarette an.
Die Sonne war erschaffen. Mit jedem Zug glühte sie warm und hell, bis sie erloschen war und die nächtliche Dunkelheit wieder über die Planeten kam. Es wurde kalt. Hastig suchte Gott mit klammen Fingern eine lange Winternacht über nach seinem Feuerzeug. Endlich wurde er fündig und beschloss, sich noch eine Zigarette zu gönnen, bevor er überhaupt mit irgendetwas anfing.
Als er so rauchte bemerkte er, dass das Universum bereits sehr voll war. Read more »


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Aldi perdu

Der Aldi ist weg. Ich bemerke es erst, als mich mein Freund darauf hinweist.
Ein Aldi ist keine kleine Sache. Circa dreißig Meter lang, fünfzehn Meter breit, ein Dach drauf und viele, viele Waren darunter.
Nun blicke ich auf eine Betonfläche, in deren Mitte etwas Schutt lagert. Ein paar Ziegel, Drähte, Dreck. Gerade soviel, wie in eine Schubkarre passt.
Der ganze Supermarkt ist verschwunden. Und als ich am morgen an ihm vorbeifuhr, war mir das gar nicht aufgefallen. Ich bin einfach so um die Ecke gebogen – um Aldi herum sozusagen – also um ein Haus, das da wohl nicht mehr gestanden hatte.
Waren meine Augen überhaupt schon offen? Read more »


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