Samstag, 25 of Mai of 2013

Mit der Evolution hadern

Kaengoru.jpg
Es ist oft wirklich nett, so ein wachsendes Kind im Bauch herumzutragen. Es ist sogar ganz entzückend, die vielbeschworenen Kindsbewegungen zu erleben. Wirklich niedlich, wenn man friedlich auf der Seite liegt, und das noch unbekannte Wesen turnt herum und stupst freundlich gegen die Bauchdecke. Das sind Momente, die einem ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen zaubern und warme Freude auf das persönliche Kennenlernen des Zwerges aufsteigen lässt.

In anderen Momenten tritt das Balg nicht gegen die Bauchdecke, sondern gegen den Solarplexus oder den Magen, boxt in die Blase oder malträtiert irgendwelche anderen Organe. Dies tut es auch nicht nur zu gelegenen Augenblicken, sondern auch mal mitten in einem wichtigen Gespräch, in der U-Bahn, beim Linksabbiegen auf einer Kreuzung oder einfach nur dann, wenn es keine Lust mehr dazu hat, dass seine mobile Übergangsbehausung stundenlang am Schreibtisch sitzt und arbeitet.

Ganz egal jedenfalls, ob die werdende Mutter sich gerade zärtlich auf den Säugling freut oder grimmig darauf, irgendwann auch wieder alleine den eigenen Körper zu bewirtschaften, es läuft auf die selbe Erkenntnis hinaus: Das Ding muss irgendwie aus dem Bauch raus. Und ganz so einfach, wie es da hineinzubekommen, wird es wohl nicht werden. Nun gibt es zwar erfahrene Gebährerinnen – gerne Groß- oder Urgroßmütter – , die (angeblich) im Halbstundentakt und ohne größere Anstrengung neue Erdenbürger auswerfen können. Besonders in diesen Fällen muss aber angenommen werden, dass die vielen Jahre, die seit den Ereignissen vergangen sind, diese verklärt haben. Insgesamt erscheint es einfach als vollkommen unlogisch, dass menschliche Babys erst zu Mehrpfündern heranwachsen und sich dann durch eine besonders enge Stelle des Skeletts pressen sollen. Auch der ultraschallende Blick auf einen bestenfalls als Haarlinie zu erkennenden Geburtskanal bringt die Zweckmäßigkeit des Vorgangs nicht näher. Was soll das mit dem Becken? Wie konnte sich so was bloß evolutionär durchsetzen?

Der Klasse der Säugetiere anzugehören, ist ja prinzipiell okay. Lieber ein pelziger Warmblüter sein als so ein Schuppentier oder Schnabelträger. Andere Formen der Fortpflanzung haben eben andere Nachteile – Wer laicht, mag zwar hunderte Kleinstlarven schmerzfrei auf den Weg bringen, muss dafür aber später auch hunderte zappelnde Kleinstlebewesen im Auge behalten, und das auch noch im wogenden Ozean. Und kann froh sein, wenige der Kinder an den Fressfeinden vorbei aufzuziehen. Klingt auch grauenhaft. Das Legen größerer Eier verbindet irgendwie das Problem des großen Fremdkörpers mit dem der Fressfeinde. Nein, Lebendgebähren ist schon in Ordnung. Aber Kängurus sind wirklich zu beneiden.

Kängurus gebähren ihre Kinder nach nur einem Monat Schwangerschaft und wenn sie wenige Zentimeter groß sind. Das kann gar nicht problematisch sein. Und dann ab mit ihnen in den Beutel. Fortan wird das Baby zwar ebenfalls quasi im Bauch herumgetragen, aber dieser ist frei zugänglich. Ein Vorteil, schon vor der endgültigen Kinds-Ausgabe. Gut, die Geräteindustrie würde nicht so viel verdienen. Jeder Ultraschall wäre verzichtbar, wo ein schlichter Blick in die Bauchtasche für Klärung sorgen kann. Etwa, ob das Kind gesund ist. Oder ob es ihm gut geht.
Nach einem Sturz auf der Kellertreppe etwa, wie der Autorin jüngst zugestoßen, ersparte simples Nachgucken und gegebenenfalls Anstupsen, was ohne Beutelbauch einen halben Tag im Krankenhaus und jede Menge technischen Aufwand gekostet hat. Herztöne messen? Überflüssig, wenn man schnell testen kann, ob die Nase noch warm ist.

Und auch für das Kind wäre das Leben im Beutel ein sanfter Übergang: Anstatt eines Tages ohne Vorwarnung und unter enormem Stress in eine vollkommen fremde Umgebung hineingepresst zu werden, sich dafür den Kopf verformen zu lassen und dann auch noch völlig neue Techniken der Sauerstoff- und Kalorienzufuhr binnen Sekunden erlernen zu müssen, kann es, wenn es denn mag, erst einmal kurzzeitig einen Blick aus dem Beutel heraus wagen. Und wenn es sich dann über Wochen und Monate an diesen Anblick und die Temperaturen draußen gewöhnt hat, kann es erst einmal testweise aussteigen. Und zum Schlafen noch einmal zurückkehren. Und erst ganz allmählich die neue Umgebung annehmen. Und der jungen Mutter tut all dies überhaupt nicht weh. Und wenn das Kind im Beutel zu ungenehmer Zeit herumfuchtelt: Auch Erziehungsmaßnahmen können frühzeitig in den Beutel hineingesprochen werden. Es klingt einfach alles überzeugend.

Auf große Schmerzen beim Kindsaustragen kann also verzichtet werden, wie die Evolution an anderer Stelle demonstriert. Auf totale Deformation auch. Und sogar darauf das gesamte mütterliche Muskel- und Bändersystem hormonell aufzuweichen, nur damit das Becken zum Geburtszeitpunkt diese absurde Weitung leisten kann. Während menschliche Hochschwangere also wackelig in den Knien sind und mit ihren unkoordiniert rudernden Gliedmaßen alles umwerfen, was nicht festgeschraubt ist, machen trächtige Kängurudamen wie gewohnt meterlange, federnde Sprünge.

Beim Nachlesen der körperlichen Eigenschaften der Kängurus fällt noch auf, dass diese gleich über zwei Gebährmuttern verfügen. Das Kindsaustragen scheint für sie also so einfach zu sein, dass man auch zwei Schwangerschaften parallel erledigen kann, so als Kängurufrau. Und zu den zwei Gebährmuttern gehören auch noch zwei Vaginas. Hm.

Share and Enjoy:
  • Print
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Digg
  • MySpace
  • Technorati
  • Yigg
  • email

Leave a comment


Comments RSS TrackBack 1 comment