Sonntag, 19 of Mai of 2013

Ja wir tanzen


Die ersten Zuschauer stehen in sauberem Halbrund vor der Bühne. Ein Stagediving würde auf dem platten Boden des Saales enden. Wie ein unsichtbarer Graben zwischen Auftretenden und Davorstehenden tut sich eine Lücke auf. Die ersten Akkorde des nächsten Songs knallen aus den Boxen und eine Frau mit Nierengurt in Blumenoptik vergisst sich. Nein sie vergisst uns und es tut ihr gut. Sie rudert mit geschlossenen Augen zur Bühne vor, ihr Hintern schwingt komplett a-rhythmisch aber dafür umso heftiger. Die Arme beschreiben Blitze, der Körper mimt ein Donnergrollen doch ihre Augen bleiben zu. Sie sieht nicht, dass das Lied schon vorbei ist, sie hört nicht, dass der Beat sich geändert hat. Sie ist innen, sie brauchte nur eine Ouvertüre zum Absprung in ihr wildes Land der Blumennierengurte und Zickzacktänze.
Das nächste Stück beginnt, sie nimmt einen tiefen Schluck Wodka Redbull und saugt den Strohhalm beinahe mit ein. Tonight is the night.
Aber sie ist nicht allein.
Er hatte sich breitbeinig vor der Zuschauermasse aufgestellt, die Linie zum Nichts mutwillig überschritten. Sein linkes Knie zuckt, der Arm fliegt in die Luft und mit ihm ein Schwall Bier. Er ist hier, er ist jetzt. Seine Bewegungen oszillieren zwischen Walla Walla und Techno, er zeigt in die Runde, fischt nach der Sängerin hinter dem Mikro, seine Hände spielen Phantomflipper, er schießt am Bühnenrand entlang. Auf dem Höhepunkt des Schlagzeugsolos verfällt er in einen Simultan-Trommler-Veitstanz.
Die Band nimmt das alles nicht wahr. Auch nicht das Frauenpärchen vor dem Boxenturm, die lasziv tanzend umeinander kreisen, ihre asymmetrischen Frisuren streichelnd. Sie räkeln sich im Las Vegas Stil, umrunden eine unsichtbare Stange. Für sie ist die Bühne das Publikum. Am ausgestreckten Arm nehmen sich beide auf ihr iPhone auf, einen Knopfdruck später sieht es jeder auf ihrem Facebookprofil. Sie haben Spaß und eine Kamera; die Kamera sieht alles, doch sie sehen nichts außer ihre Kamera. Ein Multimediareigen der Mitternachtsstunde.
Immer noch sind die vier Einzeltänzer für sich, nur langsam schieben sich Menschen an ihnen vorbei. Der Mut zu Lücke steigt mit dem Lärmpegel, eine blonde Frau trampelt nach vorn, stur einen ruckeligen Tanzschritt vollführend. Wie ein Pony vor der Kutsche zieht sie ihren Abend durch, eins rechts zwei links, Ellbogen hoch, Kopf runter und wieder hoch. Ein Southparkweibchen in der echten Welt. Ihre gelbblonden Haare kleben an der Stirn fest, am Hinterkopf reichen sie bis zum Po und wippen wie ein Perlenvorhang, so glatt.
Eine gebügelte Frau, ein Pony im Festsaal, eine Energie wie eine Herde Ochsen. Getrieben vom Alltag läuft die Tanzmaschine auf Volldampf. Sie stapft durch das Abendprogramm wie andere durch ein Fass Traubenmaische. Die Ekstase wird bis zum letzten Tropfen ausgepresst, es muss für eine volle Arbeitswoche reichen.
Es muss.

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