Samstag, 22 of November of 2014

Ein Hut, ein Stock

Ein Hut, ein Stock ein Regenschirm. Ein vorwärts, rückwärts, seitwärts und ein Hut ein Stock, ein Regenschirm. So gingen wir entlang. Einen Fuß vorwärts, einen seitwärts einen rückwärts gesetzt wenn wir es sangen, aus vollem Hals. Mit guter Laune in die Welt hinein, denn man war nicht alle Tage in München. Schließlich lebten wir auf dem Dorf, nur eine Straße – viel vorwärts und seitwärts gab es nicht. Und wenn man sich schick machte, ging es in diese Stadt. Mein Universum reichte nicht viel weiter. Paris, London, Tokio waren nur Aufdrucke auf Parfumverpackungen. München war real, die Maximilianstrasse so piekfein wie nichts anderes.
Wir waren die drei Frauen: meine Mutter, ich und meine Schwester. Eine Frauenfamilie in der die Kinder immer wie aus dem Ei geschlüpft waren. Im Leben gelandet mit dunkler Vorgeschichte. Zu den Plagen der Geburt gehörte schon unsere Zeugung. Eine schwierige Ehe, eine diffzile Affäre. Zwei Kinder. Drei Frauen.
Alle zwei Wochen ungefähr kam er vorbei, im goldenen Audi mit Schiebedach. Das Papi, wie ich ihn nach Jahren nannte, weil er doch immer so unvermittelt landete. Drei Frauen und er, der zwei Wochen Papi. Das Herauslehnen aus dem Wagen bis zum Bauchnabel war der Standard, hoch aufgereckt steckten wir die Arme aus dem Dach des Autos und machten kurz darauf unser Lager am Badesee auf. Nie ging er ins Wasser, sondern las in seiner Zeitung. Wie ein großer Erwachsener mit den kleinen Erwachsenen ging jeder seiner Lust und Laune nach. Das Spiel des Lebens, Backgammon, der Biergarten und die Baggerseen. Das Kino am Abend für das ich eigentlich immer zu klein war. Die distanzierten Verabschiedungen der ehemaligen Ehepartner. Geschenkt.
Niemand konnte sagen, wie sich alles entwickeln würde. So wuchs zusammen, was nicht zusammen gedacht wurde. So wurzelten wir uns aneinander fest, ohne irgendwen gefragt zu haben. Ein Stiefkind und ein Stiefpapi, ein Nicht-Vater und ein Nicht-Kind in einer Nicht-Familie hatten einen Pakt geschlossen. Wortlos.
Als ich das letzte Mal seine Wohnung in München betrat, legte ich seinen Stock auf sein Bett. Ein Stock ohne Papi wollte keinen besseren oder schlechteren Platz finden. Ein Spazierstock ohne Hand, auf seiner letzten Reise ging er allein.

Share and Enjoy:
  • Print
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email
  • Add to favorites
  • Tumblr

Leave a comment


Comments RSS TrackBack 2 comments