Sonntag, 21 of September of 2014

Horror vacui

Allein schon über die weiße Seite hinaus zu kommen ist das Problem. Man rutscht quasi von der Tastatur in den Kühlschrank. Die Arbeitsgeräte umschleichend posiert man mit dem lang vergessenen Staubsauger und tut so, als würde man aufräumen. Tut man aber nicht, mit so was fängt man gar nicht erst an. Wozu ist man erwachsen geworden, Herr und Frau seines eigenen Lebens? Die Zeiten, in denen ein Besuch der Mutter im Jugendzimmer für Wirbel sorgte, sind lange vorbei. Heute fliegen dort nur noch unbehelligte Flusen umher. Und doch, die Seite bleibt weiß und ich zerre am Staubsauger und stelle ihn in die Mitte der Wohnung. Wo ist die Steckdose? Ach egal.
Die Seite wartet. Ein Kaffee wäre nun nicht schlecht, da wird man wach und die Finger flink. Warum die Tasten meines Laptops allerdings bereits blank gerieben sind, ist mir ein Rätsel. Ob wohl jemand anderes heimlich darauf schreibt? Ich bin es nicht gewesen, denn ich räume lieber auf.
Die Theorie besagt, die Natur sei stets bemüht Leere anzufüllen: Ja sie wäre gar mit einer derartigen Abscheu vor der Leere erfüllt, dass leere Räume bestrebt seien, Gas oder Flüssigkeiten anzusaugen, um nicht mehr dem Horror vacui ausgesetzt zu sein.
Dieses Naturgesetz scheint nicht für leere Seiten zu gelten. Diese ziehen nichts, aber auch gar nichts an. Nicht mal mich selbst. Vielmehr scheint dieses Naturgesetz den Wirt gewechselt zu haben. Die einzige, die sich mit Flüssigem oder Festem füllen will, bin nämlich ich. Genau genommen steigt das Bedürfnis nach Erfrischung, Spaziergang und Essbarem mit der Nähe zum Laptop, sprich der leeren Seite. Sie scheint, in Ermangelung eigener Hände, mich anzuleiten, mich zu füllen. Mit was auch immer. Tee, Gebäck, ein Glas Apfelsaft, ein Snack und was Süßes hinterher. Die leere Seite hat, auf der Flucht vor ihrer eigenen Leere, Besitz von mir ergriffen. Sie bringt mich dazu, die Joggingrunde zu verdoppeln, die immer wieder gleichen Sachen in den immer gleichen Läden zu kaufen und abends lange wach zu bleiben, um meine unerledigten Erledigungslisten zu archivieren.
In einem unbeobachteten Moment konnte ich mich schließlich vom Kühlschrank und den Hausgeräten losreißen, um diese Zeilen unter größter Mühe und Hast einzutippen. Doch gleich die nächste Seite die ich aufschlage, ist weiß.

Share and Enjoy:
  • Print
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email
  • Add to favorites
  • Tumblr

Leave a comment