Sonntag, 22 of Oktober of 2017

Alles im Fluss

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Als ich nach Hause komme, sind die Handwerker schon da. Das macht nichts, ich habe mich längst an sie gewöhnt. Sie begrüßen mich fröhlich. Sie bauen an meiner Wohnung. Sie bauen ein Bad ein, während ich dusche. Sie verlegen Fußleisten, wo ich gehe. Sie schneiden ein paar Fliesen für die Küche, während ich koche. Andere Leute haben Haustiere. Ich habe Handwerker.

Hallo, wir sinds nur, rufen sie heiter, und tragen schweres Gerät an mir vorbei. Ich bekomme neue Türen, ich bekomme auch Türzargen. Türklinken dauern länger. Die Handwerker schrauben fehlende Teile an den Fenstern an. Sie verschließen Schächte und Löcher. Sie suchen nach Lecks in der Dach-Dämmung, reißen Wände auf, erneuern Rohre. Einer werkelt auf dem Dach und pflanzt Begrünung.

Ich muss mal kurz hier an die Steckdose, sagt einer, und hebt mich samt Rechner beiseite. Ich tippe, während mein Zimmer neu verkabelt wird. Mal fällt der Strom aus, mal wird das Wasser abgestellt. Ich mache einfach weiter, die Handwerker auch.

Der Bauleiter sitzt im Keller, dick, mächtig, bärtig, und raucht. Qualm dringt durch alle Ritzen und Spalten durch vier Stockwerke bis zu mir herauf. Seine schwere Stimme dröhnt durch das Treppenhaus und die Telefone, er steuert die Handwerker auf ihrem fleißigen Weg durch meine Wohnung. Die wird um mich herum aufgelöst und wieder zusammengeflickt. Im Winter, im Frühjahr, gestern und heute. Es bleibt immer etwas zu tun.

Die Handwerker sind wohlerzogen. Sie ziehen ihre schmutzigen Handwerkerschuhe aus und stellen sie in einer langen Reihe vor meine Tür. Sie benutzen meinen Staubsauger, meinen Wischeimer, meine Leiter, sie kennen deren Ordnung längst und räumen nach getaner Arbeit alles wieder an seinen Platz. Sie scherzen mit meinem Kind und erzählen mir von ihren eigenen Kindern und Frauen und sprechen dabei mit internationalen Akzenten.

Manchmal kommen die Handwerker schon sehr früh morgens. Lassen Sie sich nicht stören, sagen sie dann, und schicken mich mit einem mitleidigen Blick auf meine verquollenen Augen und mein Nachthemd wieder ins Bett zurück. Von dort aus höre ich sie hämmern, bohren, sägen, schleifen. Bald werden sie schon einmal Kaffee kochen, während ich aufwache und sie vielleicht gerade das Parkett restaurieren, die Fenster abdichten, die Heizung warten.

Es sind wieder Risse aufgetaucht. In jedem Zimmer, an jeder Wand, im Zickzack folgen sie den Mauersteinen. Die ganze Wohnung scheint in Bewegung zu sein. Ich weise mit müder Geste auf die neuen Schäden. Der Bauleiter kommt aus dem Keller gefahren und runzelt die Brauen. Ein Orkan lässt die Blaumänner der Handwerker erzittern. Morgen werden sie wieder hier sein.

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