Sonntag, 22 of Oktober of 2017

Liebe Alice,

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hiermit haben Sie recht: “Denn du hast nicht die Lösung, du hast das Problem.”. Ja, richtig, darum geht es im Buch “Schoßgebete” von Charlotte Roche.
Korrekterweise sollte der Satz noch an die Romanfigur  gerichtet sein. Denn auch, wenn sich die Autorin qua Interview eng an diese anlehnt und umgekehrt, besteht sie noch auf 30% Unterschied.
In der Folge haben Sie auch mit den mütterlichen Leviten recht, die Sie Elizabeth-Charlotte lesen. Und ja, da Sie ständig als Über-Ich auftauchen, sind Sie zur Reaktion geradezu gezwungen, und geben auch brav das Statement ab, das auch die Alice-Schwarzer-Romanfigur abgegeben hätte.
Diesen Brief hätte Charlotte Roche selbst schreiben können. Und genau das hat sie eigentlich auch getan.
Nur, dass sie dafür eine literarische Form gefunden hat. Dieses Buch ist nun wirklich keine Anleitung zum Glücklichsein. Es ist ein schonungsloser Bericht darüber, Angst und Verzweiflung auch unter Selbstaufgabe in eine vermeintlich alltagstaugliche Form zu bringen und sich selbst dabei immer wieder zu erklären und beweisen, dass man es genau richtig macht. Elizabeth ist nicht die einzige, die sich erfolgreich selbst belügt, um mental und real über die Runden zu kommen. Es ist ein sarkastisches, drastisches und sehr, sehr trauriges Buch. Auf jeder Seite, und ja, auch auf den 11 oder mehr, auf denen es um Sex geht. Und gerade bei diesen wird besonders offenkundig, dass die Handlung nicht zur Stimme der Ich-Erzählerin passt.
Sie stellen Ihrem Brief den Link zum Mutter-Tochter-Interview zur Seite. Damals, als die Mutter nicht wie heute, als Romanfigur aus dem Leben gesperrt wird, sondern damals, als sie noch angehimmelt wurde. Auch das liest sich, finde ich, so wie es im Interview steht, nicht ganz gesund.
Ja, Charlotte Roche prangert im Buch an, dass die mütterliche und die Schwarzersche Lebensform Elizabeth mit ihren Lebensproblemen nicht helfen konnten. Sie schreibt auch, dass das Schuld-woanders-abladen zur Krankheit und zur Therapie gehört. Das Buch hat kein Happy End und alle Probleme bestehen fort – und weder Kündigung Ihrer Freundschaft, noch Ihre Herablassung können dabei helfen. Ich würde hingegen Anerkennung für angebracht halten – dafür, viele persönliche, aber auch ein feministisches und sexuelles Generationen-Problem literarisch formuliert zu haben.
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