Sonntag, 22 of Oktober of 2017

Schwarzmann


Didi Spölke fuhr nur dann aus der Haut, wenn es keiner für nötig hielt.
Beim Bridge. Da konnte er schon mal laut werden. Und lustig zugleich. Denn wenn er fuchsig war, zitterten ihm die Lider. Dann wussten seine Kumpel, dass man ihm besser keine Karte mehr in die Hand drückte. Dann ließen sie ihn in Ruhe und wuschen ab, oder zogen sich schon mal den Mantel an. Was man halt so macht, wenn der Abend vorbei geht und wenn Didis Augen zuckten.
Dieses eine Mal waren seine Mitspieler, die allesamt alte Schulfreunde waren, schon lange weg, da fühlte er sich immer noch kiebig. In ihm hauste auf einmal ein Grimm, der sich – ausgehend von ein paar verpatzten Trümpfen – wie ein Brand den Nacken hinunterfraß.
Schuldete Uli ihm nicht noch Geld? Und wieso kam der Spülmaschinenmann nicht? Und hatte Stephan vorhin nicht wieder Witze über sein Hemd gemacht?
Das soll er lassen! Überhaupt diese Bridgerunden. Diese „alten Freunde“. Alles trudelte doch so seinen Weg entlang. Was am nächsten Tag passieren würde, zählte doch nicht mehr.
Didi Spölke war ein Vertreter der zirkulären Zeittheorie. „Alles“, so pflegte er zu sagen, „ist doch von gestern. Nur merken wir das nicht, weil wir denken, uns gehöre die Zukunft. Und gerade die können wa nicht in den Händen halten. Im Grunde hamwa nüscht und sind nüscht.“
Gerade als er sich auf eine Zigarette hinsetzen wollte griff er ins Leere. Als er die aufgebrauchte Packung wegwarf, fielen die Tabakbrösel auf den Boden. Er fluchte und schlagartig war die Wut wieder da.
Wollte er nicht, wenn er wieder einen Job finden würde, mit dem Rauchen aufhören? Was wenn er nie einen fände? Stürbe er dann wenigstens an der Raucherei? Müsste er daraufhin am Ende wiedergeboren werden, um nochmal seine Pubertät auf einem uckermärkischen Dorf zu erleben?
Beim Hinuntergehen überlegte er, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für eine ortsgenaue Wiedergeburt wäre. Beim Gedanken an seine Jugend in Carmzow-Wallmow, zwischen Damerow, Brüssow und Grünow, befiehl in der starke Wunsch, für immer im Nirvana verschollen zu bleiben. Schon beim postmortalen Eintritt ins große Nichts würde er sich in die letzte Ecke verdrücken. So es denn welche hätte.
Im Schein des Kiosklichts um die Ecke wirkte der schmuddelige Asphalt weich und warm. Didi ließ anschreiben. Seinen Geldbeutel nahm er gar nicht mehr mit. Vermutlich ließ der Kioskmann auch überall anschreiben. So würden alle alles umsonst kriegen, und keiner hätte das Nachsehen. Es müssten nur wirklich alle mitmachen. Das war seine Theorie des zirkulären Anschreibens. „Von nüscht kommt nüscht. Kost aber auch nüscht, für niemand“, dachte er, und machte auf der Hacke kehrt.
Schon auf dem Rückweg ging ihm die Puste aus. Er musste für seine gemächlichen Verhältnisse gerannt sein. Gegen den Grimm angerannt. Und nun war ihm ganz blümerant zu mute, so dass er sich die erste Kippe schon unweit des Spätis gönnte.
Mit weichen Knien lehnte er sich vorsichtig an ein Auto. Durch den Rauch, den er aus dem Mundwinkel blies, sah er das halb geöffnete Fenster.
Wie im Reflex griff er hinein und tastete die Seitentasche der Beifahrertür ab. Eine Parkscheibe. Kaugummis. Das Handschuhfach klemmte.
Verschwitzt zog er seine Hand zurück. Was fiel ihm ein! Er war doch kein Dieb. Didi Spölke hatte sich noch nie etwas zu schulden kommen lassen. Da können noch so viele Rückschläge im Leben ihn nicht zu einem lausigen Kriminellen verkommen lassen.
Sein Hemd war nass. In großer Scham und wieder aufbrandender Wut hastete er zu seiner Wohnung zurück. Als er die Haustür aufzog warf er noch einen Blick über die Schulter. Kein Mensch war zu sehen.
In der kommenden Nacht schlief er unruhig.
Am nächsten Morgen las er wie stets die Zeitung, die ihm Frau Marotzke von gegenüber hinlegte. Den Politikteil faltete er weg, wie jedes Mal, und begann mit den Berliner Lokalnachrichten.
Es hatte wieder gebrannt, zwölf Autos! Diesmal auch direkt bei ihm um die Ecke.
Die Polizei vermutete einen linksextremistischen Hintergrund.
Hektisch griff er nach der Packung Zigaretten.

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