Dienstag, 12 of Dezember of 2017

Der Nussbusch

Der Bauer Wirt war vor allem für zwei Dinge berühmt: sein Wirtshaus, welches ständig leer blieb und seinen prächtigen Haselnussbaum, der voller Nüsse hing. Um beide Orte schlichen die Kinder des Dorfes. Sie spähten durch die vergilbten Fenster des verlassenen Schankraums, schoben sich am Wirtsgarten vorbei und begehrten seine Früchte, die jeden Herbst so zahlreich an den Ästen hingen.
Noch niemals, so schien es, hat jemand dort eine Nuss ergattern können – geschweige denn, dass er es versucht hätte. Stattdessen erntete der Bauer jeden September mit grimmiger Geste alle Büsche ab, zog die prall gefüllten Säcke durch die Tür des geisterhaften Wirtshauses und verschwand für den ganzen Winter im Dunkel seiner Stube.
Doch eines Sommers zog ein kleines Mädchen mit ihrer Familie in das Dorf und freundete sich mit der Tochter des Nachbarn an. Jeden freien Tag rannten sie fortan gemeinsam durch die Wiesen und Wälder des kleinen Ortes, bis die Kirchturmuhr sechs Uhr schlug. So kam es auch, dass die beiden eines Tages im Herbst den Nussgarten erspähten. Den gewitzten Mädchen war nicht entgangen, dass es verbotene Früchte zu ernten gab, denn schon oft waren sie gewarnt worden, dass die Nüsse nur dem Bauer Wirt gehörten und kein Mensch je einen Fuß in diesen Garten setzen dürfe. Je länger sie aber die Nüsse ansahen, umso hungriger wurden sie und umso größer die Früchte, und umso mehr wollten sie davon probieren.
An einem schwülen Vormittag entdeckten sie schließlich, dass die Zweige der Buchenhecke am Wirtsanger gerade so stark und biegsam waren, dass sie über jene bis fast in die Kronen der Nussbüsche gelangen konnten. Keinen Fuß würden sie in den Nusshain setzen müssen.
Sie jauchzten ob ihrer Schlauheit und einen heimlichen Sprung später waren sie umringt von saftigen und fetten Haselnüssen, die sie eilig in ihre Taschen packten.
Oben auf dem Kirchberg läutete die Glocke zwölf Uhr. Danach war es wieder still im Dorf.
Und doch mussten die beiden Mädchen die Tür des Wirtshauses nicht gehört haben. Leise fiel sie wieder zu.
Ein sanfter Wind ergriff die Blätter, an deren Ast keine Nuss mehr zu sehen war. Die Taschen prall gefüllt wandten sich die beiden abermals zum Sprung auf die Hecke. Als plötzlich eine eiserne Hand nach ihren Knöcheln griff.
Schreiend hielten sie sich an den Zweigen fest, die Nüsse kullerten aus ihren Schürzen. Doch es half nichts. An den Haaren gepackt wurden die beiden, mitsamt den geernteten Früchten, in einen großen Jutesack gesteckt.
Langsam zog der Bauer Wirt die schwere Fracht über das Gras, die angrenzende Strasse und die Treppen hinauf. Die Schreie der Kinder waren stumm geworden.
Still war auch das Dorf, als er die Tür zum Schankraum hinter sich schloss. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass man sie gesehen hat.

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