Donnerstag, 24 of April of 2014

Biometrie, EU und Sorgerecht

Baby-Biometrisch.jpg

Die Dekorationen der Arbeitsplätze der Berliner Ämter, die persönlichen Noten der Amtsfrauen und -männer sind auch nicht sympathischer als ihre Besitzer. Der zuständige Sachbearbeiter im Finanzamt sitzt vor massiven Hardrock-Postern. Die Frau im Bürgeramt vor verblichenen Kinderzeichnungen. Ihre Nachbarin hat ein gerahmtes Puzzle einer Berglandschaft in einem hässlichen Glasrahmen. Die Ansprechpartnerin in der Kinderausweisstelle hat auch Poster aufgehängt – Tierbilder. Mit dem Aufdruck „Medi & Zini“. Ein Pferd, ein Hund, ein Affe sehen ihr über die Schulter, wenn sie Kinder reisefein macht.

Meines soll auch bald reisen. Deshalb parke ich es zu seiner strampelnden Freude unter einer Grünpflanze, nehme Auge in Auge mit dem Pferd Platz und reiche meine mitgebrachten Unterlagen über den Tisch. Darunter ein Foto vom zukünftigen Ausweisinhaber, auf dem er ernst vor weißem Grund von meinem Arm aus in die Kamera blickt. Die Amtsdame hebt abwehrend die Arme: „Das ist aber kein Passfoto!“. Gut erkannt. Trotzdem habe ich zuhause ausgemessen, dass dieses Bild den Anforderungen genügen, die den grusligen Titel „biometrisch“ tragen.

Die Amtsdame weigert sich, mein Anliegen überhaupt zu bearbeiten. Ich soll zum Fotografen gehen, „die machen sehr ordentliche Passfotos“. Ich wedele trotzdem mit meinem unordentlichen Foto und schlage vor, versuchsweise mit ihrer Amtsfotoschablonenstanze den Versuch zu machen, ein passfotoartiges Bild daraus auszuschneiden. „Nein“ sagt sie, „die Stanze passt um ihr Foto ja gar nicht drum“. Tatsächlich kommt man mit dem Gerät nicht vom Rand des Fotos aus an das Kindergesicht heran. Ein schier unüberwindbares Hindernis. Ich verlange nach einer Schere, um das Foto zurechtzustutzen. Sie reicht sie mir zaudernd über den Tisch: „Das geht aber auf Ihre Verantwortung“. Ich übernehme die Verantwortung für die Zerstörung meines Fotoabzuges und schneide das Baby grob aus. Nun passt der Schnipsel in die Schablonenschere. Der Ausschnitt erzeugt ein perfektes Passbild. Die Amtsfrau legt ihre durchsichtige Biometrie-Vorlage über das Bild und betrachtet es intensiv und kritisch. Ich bin selbst erstaunt über die Präzision, mit der die Maße des Kinderkopfs sich mit der Vorlage decken, mit der die Kinderaugen auf der vorgeschriebenen Linie sitzen, mit der sogar das Kindernäschen im vorgeschriebenen, schwarzen Balken sitzt. Die Amtsfrau ärgert sich und sucht lange nach einem Hindernis. Es gibt keins, sie muss das Bild zähneknirschend akzeptieren. Punkt zwei der Verhandlung:

„Brauchen Sie einen Kinderreisepass oder einen richtigen Reisepass?“. Ich frage nach dem Unterschied, und erfahre, dass ersterer für 13 Euro sofort zu haben ist und zweiterer für 39 Euro drei Wochen Bearbeitungszeit erfordert. Wozu man denn nun welchen Pass benötigt, frage ich weiter. „Das müssen Sie schon selbst wissen“, ist die Antwort. Ich insistiere: Ob der Kinderpass für Reisen in der EU genügt. „Das weiß ich nicht.“ Es kommt noch besser: „Und wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen.“ Starkes Stück. Wieso denn nicht? „Na, wenn die Antwort falsch ist, dann bin ich hinterher Schuld.“ Aha. Mit der Einstellung sollte man wirklich besser überhaupt keine Fragen beantworten. Es ist auch nicht zu erfahren, wer mir Auskunft geben könnte, und so übernehme ich erneut die Verantwortung und entscheide mich für das schlankere Modell. Und reiche, Punkt drei der Prozedur, neben meinem Ausweis auch den des Kindsvaters über den Tisch nebst seiner Einverständniserklärung, dass er der Ausweisausstellung zustimmt. Geteiltes Sorgerecht ist doppelte Sorgepflicht. Wieder falsch.

„Das können Sie wieder einstecken, das interessiert mich nicht.“ Wieso nicht? „Hier (im Amtscomputer) steht nichts von geteiltem Sorgerecht drin“. Nanu? Das war doch eine richtige Zeremonie, die wir im selben Gebäude feierlich über uns ergehen haben lassen. Nebst eindringlichen Ermahnungen zur Erziehung des Kindes. „Das ist mir egal, ob das hier war, das ist ein anderes Amt“. Egal? Aber warum macht man das dann überhaupt? „Das müssen Sie uns schon selbst mitteilen, so spielt das jedenfalls keine Rolle.“ Ist ja super: Wenn ich eine Sorgerechterklärung vorlegen würde, würde sie eine Rolle spielen, lege ich sie nicht vor, bleibe ich offiziell allein sorgeberechtigt und mein Freund wird nicht gefragt.

Wollte ich mit dem Kind durchbrennen, diese Dame würde mich jedenfalls nicht daran hindern, dann wäre sie ja Schuld, sondern mir einen Pass für’s Kind ausstellen und mich auf die Reise ins Ungewisse schicken. Vorausgesetzt, ich war vorher mit dem Kleinen beim ordentlichen Passbildfotografen.

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