Donnerstag, 31 of Juli of 2014

Rollin’

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Zum Alltag einer durch die Provinz pendelnden Kinderwagen-Chauffeurin gehört der allwöchentliche, mehrstündige Aufenthalt in den gutgemeinten Stauraum-Abteilen des Regionalexpresses. Jedes für sich – und es gibt zwei pro Wagen – ein Meisterwerk der Funktionalität. Der Raum ist frei, gesäumt von einer Reihe von Klappsitzen unter den Fenstern. Sicherheitsgurte auf Rollen mit großen Haken an den Enden laden zum Verzurren ein. Falls das Abteil nicht mit Kinderwägen oder Fahrrädern oder – zu Sommerferien-Stoßzeiten – Bierkästen oder – zwei Tage vor Weihnachten – riesigen Geschenkpaketen für die liebe Familie im Brandenburgischen/Mecklenburgischen/Vorpommerschen vollgestellt ist, können all jene, die einen Kinderwageninsassen bewachen, einen Rollstuhlfahrer begleiten, einen sabbernden Hund mitführen, mit ihren Bierflaschen im Abteil unangenehm auffallen würden, den Weg bis zum von einer Glastür abgeschirmten Abteil zu weit finden, eh gleich wieder aussteigen, auf einem der Klappsitze Platz nehmen. Charmant: In Richtung Ausstieg steigt der Boden leicht an, die Klappsitze aber nicht. Es ist also auch an die Kleinwüchsigen unter uns gedacht, die direkt neben der Waggontür mit bis zu 10 cm kurzen Beinen bequem die Füße auf dem Boden abstellen können.

Da selten Kleinwüchsige mitfahren, sitzen dort meist die Höflichen und Stillen mit bis zu den Ohren hochgezogenen Knien.

Der unheimliche Mann saß nicht ganz außen, aber auf dem zweiten Sitz noch mit deutlicher Schräglage. Seine langen Beine steckten in Stonewash-Jeans, er besaß auch die passende Jacke. Unter der Jacke ein Karohemd, unter den Hosen Cowboystiefel. Dazu schwarz gefärbte Haare und Aknenarben. In dieser stilistischen Vollendung wurde dieser Typ Mann seit den mittleren 80er Jahren nicht mehr gesichtet, aber hier saß er, im feuerroten Regionalexpress auf dem Weg zur Küste, und schwieg.

Er schwieg nicht nur, schwieg eisern, und er stierte. Nicht zum Fenster hinaus, auch nicht auf mich, er stierte auf einen festen Punkt, an dem sein Gegenüber seine Füße platziert hätte. Falls es ein Gegenüber gegeben hätte. Da der Mann nicht nur harmlos still stierte, sondern mit einer stumpfen Kälte im Blick die zugige Abteilluft durchschnitt, suchte sich jeder ins Abteil Verirrte spätestens am nächsten Bahnhof einen anderen Platz. Mir war durch Kind und Kinderwagen die Flucht nicht möglich, und so harrte ich aus. Finsteres stand dem Mann ins Gesicht geschrieben, angespannt starrte und stierte er weiter und ab und an mahlten seine Kaumuskeln unhörbar vor sich hin.

Exakt alle halbe Stunde stand er auf, schritt steifbeinig in Richtung Zugtoilette und blieb dort fünf Minuten. Dann kehrte er genauso hölzern zurück, war aber von einer Rauchwolke umgeben. Er faltete sich und seine langen, dünnen Beine wieder auf seinen Klappsitz und fixierte fest den unschuldigen Abteilfußboden gegenüber. Nichts konnte ihn ablenken, nicht die Aussicht, die auf der Fahrt durch die nordöstliche Landschaft durchaus ihre bezaubernden Ausblicke bietet, und auch nicht mein Kind, das es gewohnt ist, jeden Mitreisenden zum Steinerweichen zu beflirten. Das Kind arbeitete hart daran, die Aufmerksamkeit des Stierers zu erringen. Das schönste Lächeln. Das freundlichste Blubbern. Engagiertes Winken. Alle verfügbaren Tierlaute. Nachdenkliches Zurückstieren. Weinen. Kreischen. Und eine wirklich volle Windel der Geruchsklasse Gasmaske. Das Gesicht des Stierers zeigte keine menschliche Regung, während ein Provinzbahnhof nach dem anderen angesagt wurde, erreicht wurde, und bald wieder hinter uns lag.

Es gibt eine Menge Provinzbahnhöfe zwischen Berlin und der Ostseeküste. Jedes Mal fällt mir noch einer auf, den ich noch nicht kenne. Dabei wird ein jeder von einem lautstarken Jingle angekündigt, das, wie ich kürzlich erfuhr, einem eigentlich ganz sanften plattdeutschen Volkslied entlehnt ist: Dat du mien leevsten büst. Wenn der Anschlusszug nach Usedom angekündigt wird, weiß ich, dass ich allmählich alle Söckchen, Fläschchen, Büchlein, Klappern, Stofftiere, Kekse, Schnuller, Mützen und was ein Kleinkind noch so alles verstreuen kann, wieder im Wagen und am Kind verstauen muss, um ein paar Stationen weiter an meinem Ziel möglichst vollständig auszusteigen.

Als ich an jenem Tag, kurz nach Ankündigung der Usedomer Bäderbahn, begann, zaghaft zu kramen, bewegte sich der unheimliche Mann plötzlich. Er schüttelte sich. Ich erschrak. Er richtete sich auf. Ich suchte Halt auf meinem klappenden Klappsitz. Er sah mich an! Mir wurde Angst und Bange. Er lächelte mich an. Und er sagte, nein, er rief mit sich überschlagender Stimme: „Hach!! Ich bin ja soo aufgeregt!!“

Ich brauchte ein paar Augenblicke, um mich nach dieser Offenbarung wieder zu sammeln. Dann erkundigte ich mich höflich, warum der Stonewash-Cowboy denn so aufgeregt war. Während der Zug die Strecke von Züssow nach Groß-Giesow zurücklegte, offenbarte mir mein bis eben so unheimlicher Abteilgenosse seinen riesengroßen Traum vom Umzug nach Greifswald. Er fuhr zur Wohnungsbesichtigung. In den Plattenbaugürtel, der die kleine Hansestadt umsäumt. Er konnte sein Glück nicht fassen.

Er träumte im heimischen Cottbus bereits seit Jahren von diesem Umzug. Besonders beeindruckt war ich davon, dass sein stures Stieren eine mehrstündige Vorgeschichte in einem anderen Regionalexpress hatte. Mit sichtbar weichen Knien wankte der Hoffnungsfrohe am Bahnhof Greifswald-Süd aus dem Waggon und winkte mir noch mehrmals durchs Fenster zum Abschied, während er seinen Hals schon suchend nach seinem Makler-Blind-Date reckte. Ich bin ihm im Zug nie wieder begegnet. Aber ich stelle mir vor, dass er seit einigen Monaten langbeinig, finster, rauchend und grimmig durch das südliche Greifswald stakst und dabei, tief im Inneren, glücklich ist.

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