Dienstag, 30 of September of 2014

Rollin’ II

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Ich bin durch den Osten gefahren, mal wieder, es war zu einer Zeit, in der gerade keinerlei Jahreszeit herrschte und die Landschaft dieselbe Farbe hatte wie das Gefieder der Kraniche, die überall herumstanden und sichtbar kalte Füße hatten. Die Besatzung des Großraumwaggons des Regionalexpresses am späten Nachmittag bestand aus der üblichen Mischung aus routinierten, müden Pendlern und nervösen Fernreisenden mit dicken Koffern, es wurden um mich herum die Laptöpper aufgeklappt oder der Reiseproviant angebrochen und einer beschaulichen Fahrt über die vorpommerschen, mecklenburgischen und brandenburgischen Dörfern in die Abenddämmerung hinein stand nichts mehr im Wege. Eigentlich.

Einer jedoch war neu. Nicht, dass das von vorne herein aufgefallen wäre, doch er selbst setzte diese Tatsache ausgiebig in Szene – unüberhörbar. Der Typ im vorderen Wagendrittel, den von hinten gesehen vor allem ein Büschel zu Berge stehender Haare auszeichnete, packte sein Mobiltelefon aus und rief alle seine Bekannten an, um sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass er sich ausnahmsweise heute mittels des öffentlichen Fernverkehrs fortbewege. Zwischendurch riefen seine Bekannten ihn an, fortwährend klingelte das Handy, und jedes Gespräch nahm den selben, gespreizten, lautstarken Verlauf, so dass schon auf Höhe von Greifswald Süd die ersten Mitreisenden zu schnauben und stöhnen begannen und bei Groß Kiesow verhaltene Buh-Rufe hörbar wurden. Bei Züssow machten sich diejenigen, die nicht durch schweres Gepäck oder, wie in meinem Fall, durch einen schlafenden Säugling auf dem Schoß behindert wurden, auf, um in einem anderen Waggon das Glück der Stille zu finden. Bei Klein Bünzow hatte der penetrante Telefonist das Thema seiner Reise offenbar ausreichend besprochen, und ging dazu über, die Mitarbeiter seines Instituts zu diffamieren. Bei Anklam war der Waggon bereits bestens über sämtliche (unfähigen, zickigen, nicht ernst zu nehmenden, eitlen und faulen) Kollegen informiert, vorbei an Ducherow und Ferdinandshof erfuhren wir noch einige, schmutzige Details, bei Jatznick wurde gegen den Vorgesetzten gewettert. Im Bahnhof Pasewalk, wo der Zug stets volle zehn Minuten hält, verließen fast alle Mitreisenden den Wagen – bei weitem nicht alle, die die Zeit in der gelb umrandeten Raucherzone auf dem Bahnsteig verbrachten, hielten auch eine Zigarette in der Hand.

Mein Kind schlief noch, insofern blieb ich ergeben sitzen und war den Telefonaten weiter ausgeliefert. Es gibt Menschen, die haben eine so angenehme Stimme, dass man ihnen endlos zuhören möchte, selbst, wenn sie das Telefonbuch vorlesen. Dieser Mann gehörte nicht dazu.  Immerhin wechselte das Thema wieder, und während der Zug sich erneut in Bewegung setzte, und Nechlin, Prenzlau und Seehausen an uns vorbei zogen, erfuhren wir alles über die habgierige Exfrau und den Streit um Haus, Hof und Auto. Den Kommentaren um mich herum war zu entnehmen, dass allgemeines Verständnis für die Noch-Gattin herrschte, ausgenommen den Punkt, dass sie diesen Mann eines Tages überhaupt geheiratet hatte.

In Warnitz stiegen drei gutgelaunte Nazis zu. In ihrer spiegelnden Kopfhaut reflektierte die gelbe Wagenbeleuchtung, sie waren einheitlich im Gsg9-Look und um ihre klobigen Stiefel hätten die fröstelnden Kraniche sie beneidet. Echte Skinheads, wie man sie in Innenstadtbezirken nur selten sieht und deshalb fälschlicherweise für fast ausgestorben hält. Sie ließen sich ganz vorne im Wagen nieder, dort, wo statt Sitzreihen einzelne Sitze direkt im Gang angebracht sind, und begannen, sich fröhlich und lautstark Judenwitze zu erzählen. Natürlich kannten sie nicht jene freundlichen und verschmitzten Witze, die in Rowohlt-Taschenbüchern herausgegeben werden, mit welchen wiederum jeder Intellektuellen, der auf sich hält, durch Stapelung in Reichweite des stillen Örtchen politische Weltoffenheit demonstriert. Sondern es waren solche Witze, in denen eine Menge Niedertracht und Schornsteine vorkamen und deren Niederprasseln auf unsere schon leidgeprüften Ohren den wenigen Verbliebenen weiteres Stöhnen und vorsichtigen Protest entrang. Im Hinblick auf das Eingeschlossensein mit muskelbepackten, großen, lauten und auf Gegenwehr lauernden Nazis schien das Ertragen die friedlichste Lösung zu sein, solange es bei den Witzen bliebe.

Einer jedoch sprang in die Bresche. Mister Mobiltelefon. Das brüllende Gelächter der drei Skinheads hatte sein Gezeter über die anstehende Scheidung übertönt. So sah er sich befleißigt, den Nazis das Überdenken ihres Weltbildes nahezulegen, da es auf bestenfalls auf Hypothesen beruhe, aber empirisch stets widerlegt werden könne.  Man kann sich leicht vorstellen, dass die Nazis diese durchaus richtige Aussage inhaltlich und vokabulär nicht verstanden haben, worauf eine Diskussion um das Wort „hypo“ entbrannte. Und nun war es so, dass unser Mann am Telefon sich in hochmütige Beschimpfungen verstieg, den ganzen Weg von Angermünde nach Chorin damit verbrachte, den Unterschied zwischen Hypothalamus und Hypophyyse zu erläutern, damit mit dem erhobenen Zeigefinger zu dozieren und Gift und Galle zu spucken, dass seine Haare wippten. Die Nazis, offenbar durch langjähriges Anti-Agressionstraining aus Steuermitteln geschult, blieben locker und lustig und begannen nun, Witze über den sich ereifernden Nun-nicht-Mehr-Telefonisten zu machen. Und, man muss es gestehen: Die Mitreisenden, ermattet vom vorhergehenden Dauergeschwätz, entnervt von too much information über das Leben zwischen Uni und Ex, konnten sich der leisen Zustimmung nicht erwehren. Hier und dort hoben sich einzelne Mundwinkel, machte sich Erleichterung breit, dass zum einen die Dauertelefonate Pause hatten und zum Anderen die Nazis so lustige Burschen waren, und fand sich der ein oder andere  Anflug von Dankbarkeit, dass endlich irgendwer dem Telefonierer wirkungsvoll Einhalt gebot. Wenn es auch Nazis waren. So leicht kann es einem also passieren, dass man mit Rechtsradikalen sympathisiert.

Trotz der allgemeinen Entspannung war bald nicht mehr zu überhören, dass bei einem der drei Rechten das Anti-Agressionstraining allmählich versagte. Zunächst sagte er noch vorgekaut friedliche Sätze zum Dozierenden, in der Art: Wenn dieses Gespräch jetzt so weiter geht, werde ich es nicht vermeiden können, wütend zu werden, deswegen möchte ich mich nicht mehr weiter unterhalten. Ganz erstaunliche Äußerungen für einen Nazi, war die allgemeine Meinung. Doch vollkommen ohne Wirkung auf den von Fremdwörtern Berauschten. Deshalb stieg der Blutdruck des Nazis stark an, deutlich sichtbar an pochenden Adern auf der Stirn und einer sich langsam rötlich verfärbenden Glatze. Der Inhalt seiner Sätze änderte sich im Wesentlichen nicht, allerdings sank die Qualität des Ausdrucks streng monoton in Richtung Fäkalsprache. Der Zeigefinger ruderte immer noch, der belehrende Sermon prasselte weiter auf die Nazis, und wurde sehr rasch zum Öl im Feuer.

Blitzschnell war der Nazi aufgesprungen, polterte den Gang hinunter zu seinem Peiniger und schrie aus Leibeskräften nach Ruhe. Ansonsten wolle er sein Gegenüber mehrerer Organe und vor allem seiner Zähne entledigen-allerdings drückte er sich unverhohlener aus. Er schrie, ruderte mit den Fäusten, und spuckte und nein, der Angesprochene unterbrach seinen Sermon nicht, sondern schwatzte sich weiter um Kopf und Kragen. Nun waren zwar alle Mitreisenden schockartig vom Sympathisantentum geheilt, allerdings flogen die Herzen trotzdem nicht dem plappernden Handymann zu. Eigentlich hatten nun alle richtig Angst.

Neben mir indes, auf der anderen Seite des Ganges, zupfte ein sehr kleiner Mann nach einem Blick auf’s Geschehen die Kopfhörer seines Laptops aus den Ohren, legte das Gerät beiseite und wetzte flink zu Dozenten und Nazi. Es war ein sehr kleiner und sehr südländisch aussehender Mann, und ja, er hatte eine große Nase, der von schräg unten zum Nazi aufsah und sagte: „Du wirst Dich wohl nicht von dem Arschloch provozieren lassen? Denk dran, hinterher hast Du wieder den ganzen Ärger“.

Ein kleiner Satz, der im Hirn des Nazis einen Schalter umlegte. Allerdings erwischte er so etwas wie den Pausenmodus. Der Nazi fuhr fort, zu schnauben, geifern, mit den Fäusten zu rudern, aber er griff nicht mehr an. Vielmehr starrte er auf den winzigen Mann, der aussah wie das personifizierte Feindbild, und ihm soeben einen möglichen Ausstieg aus der Szene geboten hatte. Der Nazi hatte eine Art Kurzschluss – vielleicht sogar im Hypothalamus. Er funktionierte einfach nicht mehr, stand hilflos im Abteilgang, konnte nicht mehr vorwärts und hatte vergessen, wo er hergekommen war, er stand da und bebte und fluchte.

Zum Glück begann der Zug, abermals zu bremsen. Eberswalde war erreicht. Die beiden Mit-Nazis lösten die Versammlung auf: Sie führten ihren immer noch stumm schwitzenden Kumpan aus dem Waggon und stiegen mit ihm aus. Der warf noch einen letzten, leeren Blick durchs Fenster, dann fuhr der Zug wieder an und wir waren die Nazis los. Zwei Stationen lang war noch das Gezeter von Telefon-Man zu hören, der sich nun ereiferte über Nazi-Übergriffe und allgemein fehlende Zivilcourage und ein paar Leute anrief, um davon zu berichten, dann erreichten wir endlich Berlin.

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