Freitag, 18 of April of 2014

Das große Krabbeln

Krabbeln.jpg

„Die Großmutter hat eine Stuhlprobe abgegeben und jetzt weiß keiner, was damit passiert ist?“
fragt die Kinderärztin, die mein Kind impfen soll, ins Telefon. Ich weiss ja, dass man bei Telefonaten anderer Leute nicht lauschen soll, aber jetzt kann ich nicht mehr anders. Wo ist die Stuhlprobe hin? Liegt sie hier noch irgendwo rum? Wie sieht so was aus? Was macht die Stuhlprobe einer Oma beim Kinderarzt? Vollkommen ungebetene Bilder steigen vor meinem inneren Auge auf, zum Trost möchte ich jetzt wenigstens Information. Auch, wenn die Kinderärztin kurz versucht, mich noch einmal aus dem Zimmer zu winken. Stur drehe ich mich um, entkleide mein Kind impfgerecht und spitze die Ohren.

Minuten später weiß ich alles über den Unterschied zwischen Spul- und Madenwürmern, die Infektionswege, diverse Stuhlbeschaffenheiten („das sehen Sie dann in der Windel – die bewegen sich!“) die Symptome („dann kratzt sich der Kleine oder rutscht auf dem Boden herum“), die Behandlungsmöglichkeiten, zum Glück, auch. Nebenbei klärt sich auch der Verbleib der großmütterlichen Stuhlprobe.
Ich verstehe sofort, warum die betreffenden, urlaubsbedingt babysittenden Großeltern Proben von der ganzen Familie abgegeben haben und gleich die ganz große Analyse angefordert haben. Allein der Gedanke an Windelbewohner macht mich jucken.

Auf dem Heimweg, zu Besuch bei A.
„Die Katze hat Flöhe und wir müssen die ganze Wohnung desinfizieren“. Sagt A., deren Miez in den letzten Tagen über unklare Beschwerden im Schwanzbereich lamentiert hatte. Die Katze liegt nun von Flohkiller-Drogen geplättet und frisch shampooniert im Garten herum und A. ist fluchend und stöhnend damit beschäftigt, jeden Gegenstand im Haus zu reinigen, immer auf der Hut davor, dass es irgendwo hopst.
Ja, es juckt mich!

Noch ein wenig später. N. kommt vorbei.
„Und dann lagen wir da auf der Decke und plötzlich krabbelten überall Läuse herum“. Sagt N., die lieben Besuch von Kindern mit Dreadlocks hatte und dabei selbst eingenisst hat. Hinter ihr liegen ein Haarschnitt – um den Besuch der verfilzten Läusewohnung zu entledigen – und eine giftige Haarwäsche, um das eigene Haupt wieder zu entvölkern. Es juckt, sagt sie. Mich auch.

Noch ein wenig später, abends, ein Treffen im Atelierhaus.
„Habt ihr eigentlich auch so viele Mäuse im Atelier?“ fragt die Künstlerin aus dem Obergeschoss. „Bei uns sind es Hunderte“. Wir hatten nur eine, die mochten wir sogar. Und haben trotzdem Mäusegift gestreut. Und auch ein kleines, bleiches Skelett gefunden.

Aber jetzt höre ich es überall krabbeln.

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