Freitag, 24 of Oktober of 2014

Tête-à-Merkel

Das Fahrradfahren in Berlin ist nichts, was man leidenschaftslos betreiben kann. Dann führe man erst gar nicht los. Entweder es herrscht Eiseskälte oder es regnet. Sobald der Regen fällt, weiß man, dass es Sommer ist. Scheint die Sonne, schlägt der Klimawandel zu. In der Regel aber ist Berlin von jeglichem Wandel verschont geblieben, vom Mauerfall mal abgesehen. Das Gute daran ist, dass man nun quer durch die Hauptstadt, von Nord nach Süd und Ost nach West radeln kann, und das sogar ziemlich schnell.
Von Tür zu Tür brauche ich auf meinem Weg zur Arbeit nicht mal 25 Minuten. Das ist in einer Stadt mit so irrwitziger Verkehrsführung (Schlossplatz) und zahlreichen Jahrhundertbaustellen (Unter den Linden) nahezu eine Sprintgeschwindigkeit. Ich brauche quasi gar nicht richtig wach zu werden, so kurz ist der Weg. Wenn die Schikane (Kreisel am Moritzplatz) und die Touristen nicht wären (Schlossbrücke) müsste man eigentlich nur ein Auge offen halten.
Sobald ich zähneklappernd und scheppernd über das Kopfsteinpflaster vor dem Neuen Museum gepest bin, achte ich wie ein Luchs auf die Trambahnschienen. Hier beginnt der wahre Osten. Es gibt die Zeit, in der man vom Einfädeln in diese Fahrrinnen spricht, und die Zeit, nachdem man es selbst erlebt hat. Die letzte Schiene brauchte keine Nanosekunde um mich bäuchlings auf dem Asphalt abzulegen. Daher öffne ich nun beide Augen, wenn ich an den Gleisen entlang gen Monbijoupark rolle.
Dort fahre ich möglichst rasant an und um Touristengruppen heran und herum, damit sich der garstige Ruf der Hauptstadt nicht verwässern möge. Immerhin war schon Goethe der Meinung: „Es lebt aber, wie ich an allem merke, in Berlin ein so verwegener Menschenschlag beisammen, daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.“
In diesem Sinne halte ich die Traditionen hoch und klingele mir die Bahn frei. Erschrocken stieben verschlafene Reisegruppen auseinander. Sobald ich in die ruhigere Ziegelstrasse einbiege drossele ich das Tempo, um nicht das ganze Pulver für die Tucholskystrasse zu verschießen. Dort warten die Radgruppen aus der Provinz, die nicht links Abbiegen können.
Enttäuscht merke ich, dass der verregnete Sommer weniger Hollandradfahrer als sonst vor die Tür gelockt hat. Entlang der Kalkscheune schließlich hole ich noch etwas Schwung für den abschließenden Trambahnschienen-Parcours in der Friedrichstrasse, als eine ältere Dame im apricotfarbenen, schlecht sitzenden Jackett vor mir über die Straße geht. In Trippelschritten mit hängenden Armen und Wangen guckt sie steif nach unten und scheint dennoch genau zu wissen, wohin sie will.
Noch ca. fünf Meter liegen zwischen uns und ich denke „die schaffste noch“. Den Daumen stramm an die Klingel gelegt, den Mund trocken vom Gepöbel der letzten 20 Minuten hole ich Luft um eine Zurechtweisung zu artikulieren. Wenn hier jeder so über die Strasse bummeln würde, dann hätte ich für meine Arbeit keine Zeit mehr. Zwei Meter weiter formt sich aus der ältlichen Dame im Jackett mit grau-gelblicher, schlaffer Gesichtshaut und kleinen Schrittchen eine sehr müde Kanzlerin auf dem Weg zu irgendeinem Termin. Im Vorbeisausen trennt mich nicht mal ein Meter von Angela Merkel. Just in diesem Moment dreht sich ihr Personenschützer nach mir um – doch er ist chancenlos, als ich mich nahezu uneinholbar zwischen dem Schienennetz davon manövriere.

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