Dienstag, 12 of Dezember of 2017

Von Mücken und Elefanten

Man hört bisweilen Menschen sagen, man solle aus einer Mücke keinen Elefanten machen. Angeblich passiert das ständig, dass Mücken trotzdem zu Elefanten werden.
Meine Schwester zum Beispiel wurde es als Kind regelmäßig zu bunt, wenn das Frühstücksei hart war, und nicht wächsern. Und sie hatte eine ganz genaue Vorstellung von „wächsern“. Außen durchgekocht, steifes Eiweiß. Das Gelbe vom Ei am Außenrand nahezu hart, jedoch zur Eimitte hin weicher werdend – aber auf keinen Fall schnupfig, also glibberig oder gar glasig. Lustigerweise konnte sie die Beschaffendheit des Eiinneren bereits sehen, wenn das Ei ungeöffnet vor ihr stand.
„Das ist nicht wächsern“, sagte sie dann.
„Mach doch erst mal auf“, raunzte meine Mutter.
„Nein, mach ich nicht, es ist glibbrig.“
„Das kannst du so gar nicht sehen …“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
… entspann sich ein monotoner Abtausch zwischen ihr und meiner Mutter, während das Ei im Eierbecher vermutlich leise weiter köchelte.
Es endete immer damit, dass meine Schwester ihre schlimmsten Vermutungen bestätigt sah, nachdem das Ei von meiner Mutter geöffnet worden war.
„Da! Glibbrig!“
„Quatsch, das ist ja fast hart.“
„Nein.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
Usw.
Es war wie gelebte Dialektik. 1 und 0, schwarz und weiß, hart und weich, Mücke und Elefant. Die Prozedur des Eierkochens, des Eierablehnens, des Eierbesprechens und schließlich des feierlichen Öffnens und des Eierverurteilens war der Elefant, der jeden Morgen aus der Mücke schlüpfte.
Ich war Zeuge: man kann auch als ganz kleiner Mensch winzige Dinge ganz groß werden lassen.

Groß werden war auch mein erklärtes Ziel, dessen Ausgangspunkt eine Jugend im bayrischen Voralpenland war. Bayrisch – das bedeutet für eine Fünfjährige die nicht getauft ist, dass es Sonntagvormittags im Dorf niemanden zum Spielen gibt.
Ich saß auf unserem Gartenzaun und sah einen in Tracht und Loden gehüllten Zug unserer ländlichen Nachbarn an mir vorüberziehen. Oben auf dem Kirchberg läuteten die Glocken, meine Mutter würde bald im Kirchenchor die Messe anstimmen (obgleich protestantisch, man nahm es nicht so eng) und ich sollte nichts anstellen.
Am Ende der Prozession erspähte ich Christine, die Nachbarstochter mit Zopf, Dirndl und Kirchen-Überdruss. Bis fast zur Kirche hoch rannte ich neben ihr her und versuchte sie – wie die Schlange am Baum der Erkenntnis – auf meine sündige Seite zu ziehen. Ganz am Ende kam ich auf die ultimative Verlockung: sie sollte mit mir einen Kaufladen aufmachen. Ein florierendes Geschäft, welches nach dem Gottesdienst auf die zurückkehrenden Gläubigen wartete, die befreit von allen schlechten Gedanken und erfüllt von Milde und Nächstenliebe zugreifen würden. Für einen Moment war Christine wie geblendet von der Brillanz des Einfalls: gut gelauntes Shopping am verkaufsoffenen Sonntag (im Jahr 1984) – wir würden unserer Zeit so weit voraus sein.
Es war kaum zu ertragen.
In Windeseile versteckten wir uns hinter den Grabsteinen, die zahlreich rund um die Kirche verstreut lagen. Dort warteten wir, bis alle Erwachsenen im Dunkel des Innenraums verschwunden waren.
Wir hatten eine gute Stunde Zeit, um einen Businessplan aufzustellen, einen Laden zu bauen und die Waren zu beschaffen.

Meinen Mangel an Geschäftssinn mache ich seit jeher durch unverwüstlichen Pragmatismus wett. Was nicht da ist, wird durch Bestehendes ersetzt, und wenn es nicht reicht, muss es mit Weniger gehen. Wachstum geht anders.
Aber den Laden hatten wir auf diese Weise schnell ausfindig gemacht. Etwas unterhalb der Kirche, just da, wo die Kirchgänger nach links zum Dorfplatz abbogen, lag ein Stapel Bretter, der wie ein Marktstand Flächen in abgestuften Höhen bot. Perfekt für die Auslage unserer Preziosen, die nach einem Streifzug durch das Gebüsch nebenan aus rostigen Gartenkrallen und heruntergefallenen Vogelnestern bestanden.
Wer am Ende auf die Idee mit dem Blumenladen kam ist nicht verbrieft. Sei es der Blick auf die saftigen Wiesen um uns herum oder ein Sträußchen gepflückter Butterblumen gewesen – irgendwann steigerten wir uns ein einen frühkindlichen Kapitalismusrausch, der uns wie auf einer großen Woge bis zurück zum Kirchhof spülte. Mit fiebrig glänzenden Augen spähten wir auf die Gräber. Was war schon ein zerrupfter Haufen Scharfgarbe, wenn es doch viel schönere Pflanzen in unmittelbarer Nähe gab. Und fuhren die Erwachsenen nicht immer extra in die Stadt um Blumen zu holen?
Wenn man hier und da eine Reseda, Begonie oder eine Azalee ausgrub, um sie dann neu arrangiert in unserem Laden feil zu bieten, dann musste das einfach das Interesse der potentiellen Käufer wecken. Was ihnen einmal gefiel, würden sie doch bei nächster Gelegenheit durchaus noch einmal haben wollen. Mit dem rostigen Gartengerät in der Hand schoben wir das Friedhofstor auf.
Damit der Trick mit dem Wiederverkauf nicht auffiel, wählten wir stets Pflanzen von Grabstellen, die besonders liebevoll und üppig ausgestattet waren. Familien, die so viel in den Blumenschmuck investieren konnten, waren die unfreiwilligen Wohltäter unseres kleinen Floristikunternehmens. Mit Armen voll floraler Reichensteuer wankten wir zu unserem Laden zurück, der mit all der Staffage schon nahezu professionell aussah. Die Krönung war die Jahrzehnte alte Hortensie des Bürgermeisters, deren Wurzeln nun unverhofft Neuland berührten.
Vor Aufregung glühend schritten wir kurz vor Ende der Messe noch einmal die Grabstellen ab, schaufelten ein paar Löcher zu und beschlossen vor dem Gehen, die verbleibenden Blumen im Totengarten noch geschwind gerechter zu verteilen. Die Astern vom Schweine-Eberl wanderten zur Schneiderin – Gott hab sie seelig – und die Vergissmeinnicht der Greinwalds lockerten wir mit ein paar Petunien vom Grab des Verunfallten gegenüber auf. Beglückt von soviel Wirken und Veränderung bereiteten wir uns schließlich etwas unterhalb der Kirche am blumenverzierten Bretterstapel auf Kundschaft vor.

Die ersten Gläubigen, die zu Kirchengeläut um die Ecke bogen, sahen uns wie erwartet glücklich entgegen. Christine strich ihr Dirndl glatt und ich meinen Scheitel als ich überlegte, wie viel man für unsere Auslage verlangen könnte. Die Hortensie sollte 10 Mark kosten. Das schien mir ein angemessener Preis, da wir schwer an ihr gerissen hatten, um sie überhaupt anbieten zu können. Die Petunien dagegen sollten das Sonderangebot sein, um die Kundschaft anzulocken.
Von unseren Müttern war zunächst nichts zu sehen und wir krähten keck unseren Werbeslogan: „Sonntagsblumen extra billich – ja das will ich!“
Das Lachen der Handwerker und Bauern, die nun quasi in unserem Blumenladen angekommen waren, wich ungläubigen Blicken.
Das unsere Geschäftsidee verblüffend war, war uns schon im vorhinein bewusst gewesen. Wer – außer uns – wäre auf eine solche Idee gekommen?
Geduldig warteten wir daher, bis sich die offensichtlich Staunenden an unser visionäres Konzept gewöhnt hatten.
In die anhaltende Stille hinein erklärte Christine schließlich mit dünner Stimme, dass die Blumen handgepflückt und sorgfältig ausgewählt waren. Nur das Beste für die Kunden.

Der Schrei ihrer Mutter, die die Löcher in den Gräbern oben bei der Kirche erspähte, reichte vom Kirchenportal bis hin zum Hauptplatz des Nachbardorfes. Er war das gellende Signal zum Angriff und beschwor einen Gewittersturm an Furor herauf, dem wir nur durch hasenartige, spontane Flucht in den hinter uns liegenden Heuschober entkamen. Mit einem solchen Ansturm hatten wir nicht gerechnet und auch nicht damit, dass die Meute am anderen Ende des Bretterverschlages auf uns wartete. Wir waren eingekreist und während wir uns hinter den Mähdrescher duckten, evaluierten wir die Lage.
Der Mob war uns auf den Fersen, unser Laden gestürmt und unsere Allianz zerbrochen. Die Geschäftsidee hatte einen Nerv getroffen, wenn auch auf andere Weise als erwartet. Jeder würde sein Heil in der Flucht suchen müssen und wenn einer in die Hölle käme, würde er den anderen nicht verpetzen. Zumindest nicht sofort.
Wir rannten los.

Meine Hölle sollte unsere Garage gegenüber sein, in die ich mich durch eine lose Planke in der Wand flüchten konnte. Dort kauerte ich hinter einer alten Matratze an der Stirnseite und atmete leise.
Ob man die Blumen nach Anbruch der Dunkelheit wieder zurück bringen konnte?
Während ich begann, die nächtliche Abwicklung unseres Ladens zu planen schwollen die aufgebrachten Diskussionen auf dem Dorfplatz bedrohlich an.

Ich linste aus meinem Versteck hervor und sah, wie die Hortensie unter Zeter und Mordio zum Friedhof zurück geschafft wurde. Später sollte sich herausstellen, dass die betagte Pflanze des Bürgermeisters tatsächlich an diesem Tag zu Grabe getragen werden musste.

Als sich die Garagentür ruckartig noch einen Spalt weiter öffnete, konnte ich gerade noch meinen Kopf einziehen,
Christines Mutter, vor Zorn und Empörung bebend, atmete schwer als ihre Augen meine kugelsichere Matratze durchbohrten.
Was dann folgte bescherte mir den ersten Tinnitus meines Lebens. In wilder Verzweiflung hatte sie bereits ihre Tochter zu Hausarrest und Abbitte beim Pfarrer verdammt. Nun schrie sie ihre gesamte Wut und Hochnotpeinlichkeit gegen die Wände, die widerhallten wie der Klangkörper einer Kesselpauke. Selbst wenn ich versucht hätte, meine Kumpanin und Geschäftspartnerin zu verpfeifen – niemand hätte auch nur ein Sterbenswörtchen gehört.

Obwohl ich an nichts glaubte, begann ich zu beten.

Unser Gebaren auf dem Friedhof schien immerhin so viel Wirkung auf andere gehabt zu haben, dass weder Christines Erziehungsberechtigte noch andere es wagten, bis zu meinem Matratzenversteck vorzudringen. Vermutlich fürchtete man, die ungetaufte Zugezogene würde sonst ihren Wahnwitz direkt bei Berührung übertragen.
Als die wutentbrannte Nachbarin abrupt inne hielt um die Tür mit einem wütenden Knall zuzuschieben war die Temperatur im feuchten Raum um mehrere Grad gestiegen.

Stunden später entdeckte mich meine Mutter. Mit Erleichterung nahm ich zur Kenntnis, dass sie mir meinen mangelnden Geschäftssinn grundsätzlich nachsah und ihre Standpauke in Zimmerlautstärke abhielt.

Ihre Hände waren braun von Erde als sie mich nach Hause brachte.

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