Sonntag, 22 of Oktober of 2017

Blicke durch ein drittes Auge

Sie stellte sich als Dev Devindrasha vor. Vom Aussehen her war sie eher eine Birte Müller oder eine Anke Scheuerlein. Oder eine Julia Moser, oder oder …
Dev – das war ihr Yoganame. Neben ihrer Matte stand ein dramatischer Blumenstrauß, ein Teelicht im verspiegelten Untersetzer und ein eingerahmtes Bild ihres langbärtigen Yoga-Gurus.
Sie fummelte bei der Vorstellungsrunde an einem Gerät herum, das wie eine digitale Teeuhr aussah. Eine Yoga-Uhr, wie ich später herausfand, für die Durchhalteübungen (… wie ich viel zu spät herausfand).
Wir saßen auf Matten und trotz stolzen Mutterbäuchen konnten fast alle in einer Art Schneidersitz verharren. Dev hatte als Einzige einen Turban auf. Um sie herum war zusätzlich ein pinkes Tuch drapiert, welches sie während der Stunde auf und absetzen würde. Das heißt: immer wieder um den Kopf wickeln, abwickeln, hinlegen, hochnehmen würde. Dazu gab es keine Erklärungen, wohl aber zu allen anderen Übungen.
Wortreich schmückte sie zunächst die Begrüßungsrunde aus. Als Dev Devindrasha mit sich selbst fertig war, wandte sie sich an eine schon arg beschwerte Schwangere zu Ihrer Rechten. Die sollte nun ihren Namen sagen, und ob es das erste Kind war, und wie es ihr gehe.
„Ich bin die Luitgard“, erwiderte die Angesprochene. „Das ist schon meine zweite Schwangerschaft und heute fühle ich mich etwas müde.“
„Luitgard? Das ist ja ein lustiger Name.“ – sagte Dev Devindrasha. Luitgard war nun (wie der Rest der Gruppe) sprachlos und fühlte sich bestimmt noch ein bisschen müder als vorher. Sie verzichtete auf eine Erklärung zu Ihrem Namen. „Ich finde das jetzt voll gut, dass du uns sagt, dass du müde bist“, fuhr Dev fort.
„Das ist total super, dass Du das für dich weißt. Dass du deine Müdigkeit kennst.“ Luitgard blickte verzweifelt auf ihre Füße. „Wir alle sollten unsere Grenzen kennen, und da gehört das dazu, dass man darüber redet. Ich find das jetzt wirklich toll, dass du das mit uns teilst.“ Der Rest der Gruppe starrte nun mit glasigen Augen auf die müde Schwangere. Sie schwieg.
Ich stellte mich als nächste vor.
„Ich heiße Johanna und bin da erste Mal schwanger und mir geht’s gut.“ Zehn neugierig abschätzende Augenpaare waren jetzt auf mich gerichtet. Augen die von Sodbrennen, Schlaflosigkeit, Mutterbandschmerzen, erstgeborenen Quengelkindern und Rückenschmerzen kündeten. Augen die sagten: „Das glaubt dir doch eh keiner.“
Dev starrte mich an und nickte. Sie fand das jetzt nicht gut. Das nächste Mal, dachte ich, muss ich mir mindestens eine Komplikation und eine Beschwerde ausdenken. Irgendwas Gängiges. Es ging mir gut, aber wer will das schon hören.
Wie auf ein unsichtbares Kommando griffen die Damen zu ihren diversen Trinkflaschen. Das waren nicht irgendwelche, sondern ganz besondere Behältnisse. Bauchige Container, von denen in stundenlanger Pulerei das Label abgerubbelt wurde, Aluminiumdesignerware, Kristallglas mit Energiesteinen. Eine Schwangere am Ende der Reihe hatte sogar eine kleine Gurke in Ihre Sodaflasche gefriemelt. Für die Frische, dachte ich mir. Eine andere hatte grellgrüne Minzblätter in ihrem Gefäß. Vor mir stand nur eine Plasteflasche, die ich aus dem Büro mitgebracht hatte. Da war auch nichts als stilles Wasser drin. Ich war under-equipped und schwor mir das nächste Mal auch etwas Ungewöhnliches in meinen Behälter zu stopfen. Am besten eine kleine Ananas mit Strunk. Wenn man kleine Buddelschiffe in eine Flasche bekommt, gibt es bestimmt auch dafür einen Trick.
Nach viel Gesang (oder auch „Chanten“) und ein paar Übungen sowie endlosen Erklärungen zu den einzelnen Positionen und der Schwangerschaft im Allgemeinen wurden wir aufgefordert, einen Energiekreis zu bilden. Wie das genau aussehen sollte, wurde nicht beschrieben. Also rückten alle anwesenden Kugelfrauen schüchtern in die Mitte des Raumes und bemühten sich, sich dabei nicht direkt anzusehen. Zuviel Energie ist auch nicht gut.
Wieder schüttete Dev Devindrasha (nun mit doppeltem Turban) ein Füllhorn an Kommentaren zur angestrebten Übung über uns aus. Der Kreis sei Frauen vorbehalten, denn die hätten diese spezielle Mutter-Energie und könnten in Kreisformen so toll miteinander reden. Das könnten die Männer nicht. Auch nicht in Indien. Folglich hocken dort auch nur die Frauen in Energiekreisen herum, und tauschen so dies und das aus.
„Das finde ich nicht, das man das so sagen kann“, meinte trocken eine der am Kreisrand nahezu abstürzenden Schwangeren. Sie saß quasi außerhalb des Energiestrudels, und konnte offensichtlich noch klare Gedanken fassen.
In die Stille hinein fuhr sie fort: „Ich kenne viele Männer, die super über sich und Dinge reden können. Das kann man so nicht sagen, dass Frauen da so eine Energie haben, und Männer nicht.“
Dev Devindrasha war erstarrt. Zum ersten Mal war es richtig still im Raum. „Das ist jetzt super toll, dass Du das sagst und mit uns teilst … aber das habe ich nicht gesagt.“
„Doch, hast Du. Du hast gesagt, dass Männer sowas nicht können. So einen Energiekreis. Und ich finde, man kann das so einfach nicht behaupten.“ Die echauffierte Schwangere beugte sich bedrohlich vor, und schien nun den Energiekreis in eine Gewitterfront zu verwandeln.
„Das muss jetzt anders rübergekommen sein“, meinte Dev und zuppelte an ihrem Turban. „Vielleicht gibt es ja auch Männer, ……also, es ist nicht so, dass Männer keine Energien haben.“
Eine andere, hühnenhafte Schwangere sprang daraufhin unvermittelt auf: „Das ist mir hier zuviel negative Energie!“, rief sie noch, als sie geschwind ihre Sachen zusammenraffte und zur Tür hinaus lief.
Der Kreis war damit gesprengt, nach und nach verkrümelten sich die Frauen.
„Ich finde das jetzt total super, dass wir das geklärt haben, mit der Energie“, murmelte Dev Devidrasha noch und blies als letzte die Kerze aus.

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