Mittwoch, 19 of Dezember of 2018

Weil sie es kann

Es war das Geräusch der Schritte, das mich neugierig machte. Ein kratziges, blechernes Trapsen. Ich guckte nach oben. Die Metallabdeckung des Fassadensimses ging einmal um die ganze Hausecke herum. Nach wenigen Sekunden kam die Krähe schließlich um den Eckerker herumgestakst. Ich konnte jetzt jeden Schritt beobachten.
Sie ging ohne Eile, ein Fuß schräg vor dem anderen, mit etwas weniger Gewackel als andere Krähen. Sie konnte das, sie war eine Geherin.
Nun blieb sie stehen, und guckte auf uns alle herunter. Wir auf dem Gehsteig, ein Pulk an Touristen und Passanten der vorbeizog. Die schwarzen Augen blitzen kurz auf und sie ging weiter. So gleichmäßig wie ein Metronom, Kralle für Kralle kratzte sie die nächste Kurve, bis ans Ende des Simses. Dort dachte sie wohl eine Weile nach. Und stand herum.
Vielleicht ist es ein Vogel, der lieber geht, oder überhaupt nur gehen konnte? Ein Gehvogel. Nun musste sie wohl entweder umdrehen und zurück trapsen, oder eben fliegen. Gespannt blieb ich stehen.
Neugierige Blicke ziehen sich an. So beobachteten wir uns gegenseitig. Ich ahnte bereits, was nun kommen würde. Das Sims befand sich im ersten Stock, weit außerhalb meiner Reichweite. Sie hatte, im Gegensatz zu mir nun die Wahl: gehen oder fliegen?
Fliegen. Wie schön und aufregend das wäre. Der Mensch kann ohne Hilfsmittel gehen, joggen oder rennen. Ein bisschen springen, manche schwimmen auch hin und wieder. Aber fliegen. Das ist eine ganz andere Nummer.
Sie ging etwas in die Knie, wenn diese auch (von uns aus gesehen) in die falsche Richtung abknickten. Dann federte sie los und glitt mit einem Flügelschlag riskant niedrig über die Straße in Richtung Bushaltestelle.
Die Luft war heiß und schwül und ich hätte etwas darum gegeben, nun auch einfach abheben zu können. Wenn ich ein Vöglein wär, dann flög ich sofort nach Neukölln direkt auf meine Dachterrasse. Wie lange mag das wohl dauern, dachte ich. Vielleicht fünf Minuten? Ob das anstrengend wäre? Anstrengender als Fahrrad fahren? Vielleicht kann die Krähe auch das. Hat irgendwo ein Vogelfahrrad stehen. Wer gehen kann, kann auch in die Pedale treten. Möglicherweise hat sie auch diese Wahl. Aber warum sollte einer, der fliegen kann überhaupt noch strampeln?
Neidvoll blickte ich ihr nach. Sie war am Straßenrand gelandet und ging – wie kaum anders zu erwarten – weiter ihres Weges. Sie stieg sogar, in einem großen Schritt, die Gehsteigkante hinauf. Die Flügel lüpfte sie dabei nur unmerklich.
Es war eine Geherin. Sie hatte das drauf, und ignorierte die anderen Passanten auf dem Weg zur Fahrplansäule. Dort stellte sie sich direkt davor und guckte zur daneben hängenden Infotafel hoch. Wäre sie nun in den nächsten Bus eingestiegen, ich hätte mich nicht gewundert. Da hätte sie bestimmt nur einen großen Schritt gemacht, und schon wäre sie dabei gewesen. Aber das war nicht ihr Plan. Sie ging einfach weiter, am Haus entlang, um die nächste Ecke, ohne sich umzusehen.
Weil sie es kann, dachte ich mir. Weil sie es kann.
Ich stieg auf mein Rad und fuhr davon.

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