Mittwoch, 19 of Dezember of 2018

Kunst und Leben. Reisen.



Das Leben hat mein Bild eingeholt. Und überholt.

Vor nicht ganz zehn Jahren entstand in meinem Neuköllner Atelier ein kleines Gemälde, das einen Taucher zeigt, genauer gezeigt, einen Schnorchler. Der “Sternentaucher” ist ein Mann mittleren Alters, der bis zur Brust aus dem türkisblauen Wasser ragt, die Taucherbrille hat er in die Stirn geschoben, der Schnorchel umrahmt sein Gesicht, und in der Hand hält er seinen Fund: Einen roten Seestern. Zugrunde lag dem Bild ein Foto, das ich in einem Reisekatalog, der mich ansonsten nichts anging, gefunden hatte.

Warum ich es ausgewählt habe? Es lag an der Diskrepanz zwischen dem ernsten Gesicht des Mannes und der an sich unersnten Aufmachung eines Schnorchlers, zwischen seinem Alter und der kindlichen Geste, mit der er seine Trophäe und sich selbst präsentierte und ablichten ließ. Es lag natürlich auch an den reizvollen Farben im Bild, dem Kontrast zwischen dem blauen Meer und dem roten Stern und der rosa Haut, den ich im Bild noch überhöht habe. Das Motiv gefiel mir so gut, dass ich es noch einmal variiert, mein eigenes Gesicht eingesetzt habe.

Zwei Bilder also, vor einer Weile gemalt, aus Gründen, die in ihnen selbst zu finden waren. Eniges später, nun auch schon wieder eine Weile her, sitze ich auf einem Felsen. Ein Mann taucht aus dem türkisblauen Wasser, schiebt die Taucherbrille in die Stirn, und hält einen roten Seestern hoch. Der Mann gehört zu mir, damals seit relativ Kurzem, der Fels befindet sich in der kroatischen Adria. Vor mein inneres Auge schiebt sich eine Leinwand: Mein altes Bildmotiv winkt mir da aus dem Wasser. In der Nachbarschaft legt ein Schiff an, das ein Rudel Radfahrer ausspuckt. Sie entschwinden auf Mountainbikes in den Hügeln, ein Schriftzug an Bord verweist auf den Veranstalter, der Name kommt mir bekannt vor. Wochen später, zurück im Atelier, die Bestätigung: Die Vorlage zu meinem Schnorchelbild stammt aus dem Katalog eben jenes Reiseveranstalters, einer der Mitbegründer war einst gern beherbergter Couchgast in meiner verflossenen WG. Das Originalfoto mit dem Schnorchler illustriert tatsächlich eine Radreise just in jener Gegend, in die wir als Individualtouristen allerdings rein zufällig geraten sind.

Die aber Lieblingsziel wurde. Neulich war ich zum vierten Mal dort, insgesamt habe ich mehrere Wochen auf diesem Felsen verbracht und den Moment des Auftauchens ungezählte Male beobachtet. Statt einem roten Seestern wurde mir dabei auch oft ein Seeigelskelett, ein Meerohr, ein Einsiedlerkrebs, bisweilen einfach nur ein Winken und einmal eine gefundene Badehose präsentiert. Inzwischen haben wir einen weiteren Reiseteilnehmer dabei, der jeden Schatz, den Papa aus dem Wasser holt, fasziniert bestaunt. Und natürlich tauchen auch rings umher andere Schnorchler aus den Wellen, um ihren eigenen Kindern und Frauen tropfendes Meeresgetier mitzubringen. I

Ich habe Papier und Farben mitgenommen, in der festen Absicht, irgendetwas von diesen Momenten festzuhalten, zur späteren Weiterverwertung im Atelier oder auch einfach zum Spaß, whatever. Inzwischen ist mir der ganze Hintergrund der Szenerie so unglaublich vertraut: Ich weiß, wie der Boden riecht und wie die Zikaden klingen, die in den Bäumen sitzen. Ich weiß, wie salzig das Meerwasser dort ist und wie unglaublich klar, ich habe die Seesterne und Muscheln und Fische selbst durch die Taucherbrille gesehen, ich weiß aber auch, wie die kleinen Fische schmecken, wenn sie gebacken auf dem Teller liegen (mit Mangold!). Ich kenne das Geräusch, das eine Gruppe Radtouristen macht, wenn sie an einem vorbeistrampelt (Kiesknirschen und Zahnradsurren, dazu Geschnauf), ich habe Sonnenbrände, Mückenstiche, Mittelohrentzündungen (vom Schnorcheln), auf Felsen verknickste Füße oder aufgeschrammte Knie erlebt oder behandelt, ich kenne von daher auch die Ärzte in der nächsten Ambulanz. Ich kenne die Fischer und ihre Autos am Anlegesteg, seit diesem Jahr weiß ich auch, wie man dort ein Wrack birgt, ich kenne die ebenfalls wiederkehrenden Camper und Badegäste an Strand und Felsen, jeden Supermarkt im näheren Umkreis, den Klang der kroatischen Sprache und einige Floskeln, den Kuna-Währungskurs, viele verschlungene Pfade auf der Insel, neuerdings auch die Wespenspinne (ungefährlich, aber große und bunt), die unverwüstlich streunenden Hunde, den langsamen Fortschritt mancher Bauvorhaben, die saisonal wechselnden Standorte der Zeitungskioske, die rosafarbenen Sonnenaufgänge, die silbrigen Sonnenuntergänge, dazu das spektakuläre Panorama der vorgelagerten Inseln im Meer, einmal habe ich sogar Delfine springen sehen (aber von sehr weit weg). Jeden kleinen Stein im nahe gelegenen Ort, zu unterschiedlichen Jahreszeiten, mit vielen Touristen oder mit wenigen, mit Deutschen, Österreichern oder Slowenen, im Sonnenschein und bei Sturzregen, zu heiß oder zu kalt, die Insel, die das Tor zu den Kornaten bildet, ist mir unendlich vertraut. Das könnte ich inzwischen, im Gegenzug zu damals, als das Bild entstand, also auf ein Blatt bannen. Theoretisch.

Jeden Tag habe ich Stifte, Farben und Papier mit mir herumgeschleppt. Produziert habe ich nicht einen Strich.

Zuhause erwartet mich mein Schnorchler-Bild direkt hinter der Wohnungstür. Ja, das Licht, das auf dem Gesicht liegt, löst Erinnerungen aus an die letzten Wochen, aber nur entfernt. Das Bild, das erst als Bild existierte, bevor sein lebendiges Gegenstück Teil meiner Lebenserfahrung wurde, bleibt für sich, in seinem türkisblauen Farbfeld, allein mit seinem Stern und seinem Auftauchen. Es erzählt gar nichts von Murter. Es erzählt einfach nur von sich und dem Grund, aus dem es für mich wichtig wurde. Wäre ich dem Foto erst begegnet, nachdem ich über die Erfahrung verfüge, wie warm das Meerwasser um die nackte Brust wohl ist und wie kratzigweich der Seestern in der Hand sich windet, hätte ich das Bild weder gemalt noch malen können.

Als ich die Pinsel eingepackt habe, und vor allem, als ich dabei an das blaue Bild gedacht habe, habe ich mich offensichtlich selbst falsch verstanden. Was aber richtig war, war, mir im späteren Verlauf der Reise die Remake-Ausstellung „When Attitudes Become Form“ in der der Foundazione Prada in Venedig anzusehen.

Und nun suche ich mal Hammer und Nagel und einen neuen Platz für das Taucherbild in Schreibtischnähe. Auf in die Herbstsaison.

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