Mittwoch, 20 of September of 2017

Ferner liefen

Berlin kennt keine Perfektion. Es lebt seine Schwächen hemmungslos aus. Flughafen. S-Bahn. Hauptbahnhof. Winterdienst. Hundescheiße. Am besten man schlägt zurück und lässt sich gehen. Wenn man kann.
Als ich den schweren Kinderwagen in der nunmehr geübten Technik die Hochparterretreppe vom Lift zum Hausausgang hochwuchte stoße ich hinterwärts an einen hohen Einbauküchenschrank.
Dass da ein Schrank steht verwundert mich weniger als es mich ärgert, dass er mitten im Flur abgestellt wurde. Normalerweise schmeißen die Leute ihren Sperrmüll gleich hinten in den Hof, wo er dann sachgerecht verrottet.
Stur versuche ich mich am Hindernis vorbei zu nesteln. Es knistert. Da ist eine Folie. Ich merke es ist ein neuer Schrank und er ist nicht allein gekommen. Dahinter, daneben, darunter und darüber entdecke ich den Rest: Hängeschränke, Ofen, Kühlschrank, Dunstabzugshaube, Spüle, … Möbel soweit das Auge reicht.
Mist, denke ich. Nun ist jemand in unseren Flur gezogen und man kommt nicht mehr aus dem Haus. Ein Flurbesetzer. Ein Küchenprofi-Flurbewohner. Vielleicht kocht er uns was Nettes, wenn wir schon mal in der guten Stube angekommen sind.
Wütend zerre ich am Wagen. Ein untersetzter Umzugsmitarbeiter kommt von draußen herbei und schließt die letzte Lücke mit einer Waschmaschine. Ich echauffiere mich so gut ich kann – bin ich doch unsichtbar hinter Schrankwänden versteckt.
Eine Weile höre ich seinem Schnaufen zu. Schließlich hat er mich gefunden. Zwischen Spüle und Ofen verkeilt stören wir offensichtlich das Gesamtbild.
Gemächlich räumt er eine Gasse frei und kommentiert dabei mein Schuhwerk: „Gummistiefel. Das ist nicht schlau, … bei dem Wetter.“
Ich persönlich kenne kein Wetter, dem Gummistiefel mit Innenfutter nicht gewachsen sind. Ich würde auf den höchsten Berg, in die tiefste Schlucht und durch die ödeste Wüste nicht ohne diese Stiefel gehen. Sie wären Trinkgefäß, Sauerstoffflasche, Topf und Deckel in einem.
Dass Blitzeis angesagt war, hatte ich ignoriert, wie jedes Mal.
Was haben Sie uns alles schon versprochen: den Orkan Xaver, die Rente, einen Flughafen, Streusalz … das Radio erzählt viel wenn der Tag lang ist. Nichts davon findet statt.
Die ersten Meter die Straße runter schreite ich stolz und aufrecht entlang. Am Horizont ist kaum eine Menschenseele zu sehen. Meine feuerroten Stiefel leuchten, als ich um die nächste Ecke biegen will … und wie von unsichtbarer Hand gezogen geradeaus weitersteuere.
Ich und der Kinderwagen kommen erst nach einigen Metern zum stehen.
Dass Kopfsteinpflaster je so leise und geschwind überquert werden könnte, hätte ich nie für möglich gehalten.
Ungefähr auf der Höhe der Altkleidercontainer möchte ich wieder losstarten, da entdecke ich in der Nische dahinter ein Grüppchen mittelalter Damen mit Hackenporsche, die wohl auf dem abschüssigen Terrain dort hängen geblieben waren. Immerhin unterhalten sie sich rege, der Winter ist ja noch lang. Die eine versucht mir eine Hand zu reichen. Ich wedele freundlich abwehrend mit den Armen, mein Spaziergang sollte hier nicht enden. Ich möchte einkaufen.
Freundlich zum Abschied nickend versuche ich einen Schritt und noch einen und noch einen weiteren. Die Damen nicken ebenso freundlich, aber nicht zum Abschied wie es scheint denn ich gehe nirgendwohin. Ich bin auf einem von der bsr geförderten Laufband gelandet, und so wie es aussieht sollte ich dort noch eine Weile bleiben.
Eine der Frauen wedelt fröhlich mit Tee und Baklava, … irgendwann werde ich aufgeben, ruft die andere. Es sei noch Platz hinter den Containern. Dort rutscht man wenigstens nicht mehr herum. Schon morgen soll es schneien und dann hat der Spuk doch ein Ende.
Verzweifelt rüttele ich am Kinderwagen dessen Räder schon lange nicht mehr drehen sondern gleiten. Irgendwie gerät ein Kiesel unter einen meiner Füße, eine Böe fegt die Straße hinunter. Ich stoße mich ab und es reicht für einen Initialschub der mich Richtung Supermarkt strudelt. Brot, ich brauche Brot. Blitzeis hin oder her.
Die leichte Schräge zum Aufgang erweist sich jedoch als unüberwindbares Hindernis. Rückwärts rutsche ich den Parkplatz hinunter. Es ist wie in dem Film „Gravity.“ Ich bin George Clooney und trudele davon.
Wir haben Angst vor der NSA? Den Taliban? Wir verteidigen irgendwas am Hindukusch?
Wie wäre es mit Streusalz in Neukölln damit wir alle genug zu Essen kaufen können? Immerhin, es gibt Leute die haben Kinder, oder Hunger.
„Hier – wir sind hier!“, rufe ich. „Schickt Bodentruppen!“ Aber schon nehme ich Fahrt auf.
Die Gruppe Rentner, die sich an eine Straßenlaterne klammert guckt mir noch ein Weilchen hinterher, als ich langsam den Gehweg hinunter zurückdrifte.
Glücklicherweise parkt vor unserem Haus immer noch der Umzugswagen, an dem ich und mein Kinderwagen samt Kind wie Treibgut hängen bleiben.

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