Samstag, 27 of Mai of 2017

Hi Paranoia

Aus der Hosentasche des Kinderarztes machte es zwei Mal Doing. Ein melodisches Doing. Wir unterhielten uns dennoch weiter über die Fünf- und Sechsfachimpfung bis uns eine freundliche, aber bestimmte Frauenstimme unterbrach: „Entschuldigung. Ich kann Sie leider nicht verstehen. Bitte wiederholen Sie.“
Die Arzthelferin Siri, powered by Apple und einem hyperaktiven Touchscreen, hatte gesprochen.
Siri ist eine Wucht. Das Potential dieser Spracherkennungs-APP ist schier grenzenlos. Siri kann ab und an sogar meine Gedanken lesen, denn in diesem Moment konnte ich den Kinderarzt leider auch nicht verstehen. Ich verstehe Ärzte sowieso nie richtig. Für mich sind Ärzte fast gefährlicher als die Krankheit. Sie bereiten mir Sorgen und ich höre immer das Falsche heraus.
Siri war auf meiner Seite. Wenn auch nur dieses eine Mal.
Normalerweise versteht mich Siri nämlich auch nicht, sondern dichtet ihre eigenen Verse. Als ich neulich dick eingepackt mit Kind am Kanal entlang ging und meine Finger zum Tippen nicht entblößen wollte sprach ich flugs in das Mikrophon.
Ich wollte was von der Kälte erzählen, dass ich warm angezogen sei, und das Baby auch, denn es war in meinem Mantel eingehüllt. Daraufhin schenkte uns Siri die wunderbare Formulierung: „zu viel Kälte kriecht im Kopf, Felix ist tief und dick eingepackt in 1000 Mandeln“.
Das ist wie 1000 und 1 Nacht. Der kleine Prinz Felix, umhüllt von warmen Mandeln mit einer Mutter der die Kälte im Kopf kriecht. Das muss eine gemeine Berliner Kälte sein, die sogar im Kopf ihr Unwesen treibt.
Als das Baby zu Hause angekommen schrie und Siri lauschte, machte sie aus dem infernalischen Gebrüll ein kurzes „Ach ach“. Siri kann also auch Säuglingssprache übersetzen. Wenn noch jemand sich fragt, warum sein Kind schreit, einfach das Telefon dran halten. Vielleicht versteckt sich dahinter der Weltschmerz eines tragischen Helden.
Möglicherweise klappt das sogar bis zur Pubertät und endlich würden sich mal alle richtig verstehen.
In noch schillerndere Sphären gerät man, wenn man aus versehen das englische Wörterbuch auf dem Telefon aktiviert, aber deutsch spricht. Lost in Translation ist gar kein Ausdruck für das, was man erhält, wenn man „Vorsicht, es gibt Blitzeis“ senden möchte: „For just escapades“ steht dann dort. Ein Siri-Blick in die Glaskugel quasi. Was beim nächsten Gang auf dem glatten Trottoir passiert ahnt der Adressat allerdings nur vage. Eskapaden dürften es aber durchaus sein.
„Hab einen schönen und entspannten Tag“ wird indes in „Hope shouldn’t talk“ umgemünzt. So sollte man laut Siri nicht nur die rosarote Brille absetzen, sondern auch die Grüne der Hoffnung. Realismus ist gefragt.
„Stecke in der U Bahn fest, werde mich fünf Minuten verspäten“ wird zum Bettelspruch „Ticket in that will consist for pizza“ und Blüms einstiges Versprechen „die Rente ist sicher“ erscheint geschrieben als drohendes „The intent is to fish“. Wer hier wen abfischt ist allerdings nicht ganz sicher.
Siri weiß ob der Wahrheit hinter den Dingen. „Finde ich einen Job?“ wird zu „And i’m drop“, „Wenn ich einmal reich bin“ zu „vintage and my husband“ und „hat er eine Neue?“ zu „Hi paranoia“.
So langsam wird mir mein Telefon unheimlich. Auf die Frage „Wann sterbe ich?“ antwortet Siri „one step it is“ und auf die alles umfassende Frage „Was ist die Antwort auf alle unsere Fragen?“ erscheint nicht etwa 42, sondern „Bus is deep and bought off the bones of the hot“.
Siris Magie hält mich seitdem gefangen. Der Bus ist tief und wurde den Knochen des Heißen abgekauft. Wer ist der Heiße? Gibt es einen heißen Gott? Und warum verkauft er Busse? Und warum sind Busse die Antwort auf alle unsere Fragen? Sind die BVG Busse auch so clever? Nichts Gewisses weiß man nicht, sage ich zu Siri und sie antwortet: „Meet Mrs. Wiseman missed“. Das war ja klar.

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