Samstag, 27 of Mai of 2017

Boshi my boshi

boshimess

Wenn ich Freizeit habe erblüht in mir die Sehnsucht nach handwerklichem Tun. So wie man es beim Campen im Wald toll findet, Stöckchen übers Feuer zu halten – oder im Meer auf Wellen reitet, möchte ich auch etwas Verwegenes schaffen, bevor das Wochenende vorbei ist.
Das eindeutig Gewagteste, das ich mir vornehmen konnte war etwas Handarbeitliches.
Schon in der Grundschule war ich im Fach Handarbeit und Werken nur zu 50% tauglich.
Während ich mit Wonne in den Schraubstock Gedrehtes abschliff und kleine Holzkatamarane baute, sahen meine Topflappen und Schals aus wie zauselige Putzlappen. Mehrfach ribbelte Frau Rosenfeld (die Handarbeitshexe) mein Gehäkeltes oder Gestricktes wieder auf, weil ich statt Maschen Knoten und Ösen gezogen und gewoben hatte. Der Frust von damals lebt seither wieder auf, sobald ich in die Nähe von Stoffen, Garnen oder Wolle gerate.
Aber My Boshi klang einfach so niedlich. So zutraulich.
My Boshi ist ein bisschen Tamagotchi und irgendwie zu meistern. Dachte ich, als ich durch mein liebstes Warenhaus schlenderte und nach zeitvertreibender, kreativer Beschäftigung suchte. Dem japanischen Wort „boushi“ für Mütze angelehnt, verspricht der längst vergangene Häkelmützenhype auch heute noch das kinderleichte erstellen von Mützen aus Maschen.
Wenn ich also wieder in den Häkelmarkt einsteige, dann auf bequemstem Niveau.
Zu Hause schaffe ich erst einmal Wohlfühlatmosphäre. Musik in Dur, ein Schälchen voll Knabberzeug (welches binnen Kürze an allem anderen klebte) und zwei Katzen als Ellbogenstütze. Außerdem bin ich allein, ein Scheitern würde zunächst ohne Zeugen und folgenlos, wenn auch mützenlos, bleiben.
Doch schon der Einstieg ist ein Fiasko.
Halbe Stäbchen, feste Maschen, jede Masche doppeln, Kettmaschen als Abschluss. Ich verstehe nichts. Sehr bald pfeffere ich das Boshiheftchen mit der windigen Anleitung in die Ecke und bemühe Youtube. Dort tummeln sich seltsamerweise diverse männliche Boshigurus, die ihre Kunst in ganzen Erklärvideoserien zelebrieren. Die Mützen auf dem Bildschirm sehen irritieren makellos aus. Mein Anfangs-Luftmaschen-Schläufchen ist dagegen mehr ein filziger Knoten.
Was mir an Fingerfertigkeit fehlt mache ich seit jeher durch Beharrlichkeit wett.
Wütend piekse ich in das Gewirr – für mich so etwas wie ein Boshimützen Urknallchaos – und ziehe ein paar Maschen durch das Nest.
Es entsteht ein welliger Bierfilz, der seinem Namen alle Ehre macht. Ich kämpfe die aufbrandende Frustration mit einer Handvoll Nüsse nieder. Ein schlechter Anfang muss ja nicht zu ebensolchem Ende kommen, denke ich mir.
Aber beim Häkeln ist es wie beim Backen – meine andere Achillesferse. Genauigkeit zählt, sonst wird es nix.
Schon wenige Runden später dehnt sich meine Kopfbedeckung ins schier Unendliche aus. Das was meinen Kopf bedecken soll, könnte wohl bald meine Lenden schürzen.
Mit verzweifelter Sturheit häkele ich immer schneller. Das Zählen der Maschen macht mich derart Müde als wären es Schäfchen. Ich häkele einfache in doppelte, doppelte in dreifache Maschen und will meinen Boshimützen-Untergang doch nicht wahrhaben. Selbst wenn ich noch tausend Runden weiter machte, es gäbe kein gutes Ende. Nur ein flaches Stück Bettvorleger.
Ähnliches passierte mir vor Jahren mit einem Schal, den ich in die Breite, statt in die Länge strickte. Es wäre ein prima extraweicher Fußabstreifer geworden.
Bei Garn- und Wollarbeit scheine ich irgendwie stets das Maß zu verlieren. Alles wird breit, als brächte mein Tatendrang Wolle zum Wuchern. Was mir beim Heimwerken wohl entgegen kommt ist die Härte des Materials: Wände, Böden, Decken, Holz …
Da habe ich einen würdigen Gegner, einen der nicht nachgibt oder Knötchen macht.
Spät in der Nacht ribbele ich schließlich meinen missglückten dritten Boshi-Versuch auf.
Die Nüsse sind alle, die Katzen schlafen schon lange und mein Häkelfuror ist vorüber gegangen. Es war eine heiße und kurze Leidenschaft, und es blieb der bittere Nachgeschmack, denselben Fehler zweimal – was sag ich – zig mal gemacht zu haben.

Tage später entdecke ich den Boshi-Konfigurator. Dort kann man seine eigene Mütze online gestalten und fertig gehäkelt zugesandt bekommen. Was hätte ich damals in der vierten Klasse für eine solche Möglichkeit getan. Mit Wehmut bedauere ich das Pech der frühen Geburt. Allein aus therapeutischen Gründen werde ich mir eine bestellen.

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