Samstag, 27 of Mai of 2017

Es ist nicht so, wie du denkst

helikopter

„Quatschkopf!“
Sie drehte sich nicht einmal um, sondern warf das Wort nur über ihre Schulter.
Ich sah nur das verwirrte Gesicht meines Freundes. Gehört hatte ich nichts. Er guckte dagegen verwundert auf die kleine alte Dame vor ihm. Ihr ganzer Rücken strahlte Ablehnung aus, bis in die festgekachelte Dauerwelle hinein. Sie schien ihrer Meinung nach damit das letztes Wort gehabt zu haben.
Wir – er und ich – waren die ganze Rolltreppenfahrt über in regem Gespräch gewesen. Es ging um die familiäre Tagespolitik: Elternabend, Windeln, Zubettgehzeit und aktuelle sowie vergangene Infekte. Ich musste meine Antworten und Fragen über das an mir festgeschnallte Kind zu meinem Freund hinunter rufen, denn der Passagier an meinem Bauch erlaubte kein enges bei- oder hintereinander stehen. Das war natürlich nicht ganz leise. Vielleicht auch ein bisschen laut, denn es galt Nebengespräche und Kaufhausmusik zu übertönen. Ich wollte noch vor Ankunft im Untergeschoss klären, wie Masern aussehen und wer zum nächsten Elternabend gehen muss. Die Zeit war knapp und die Rolltreppe kurz. Unsere kleine Themenwelt hatte aber nicht nur uns, sondern wohl auch die alte Dame vor uns absorbiert. Wie ein Brocken Gestein der in die Umlaufbahn eines gefräßigen Planetens gerät, musste sie dem Gespräch beiwohnen. Und verstand sich dabei versehentlich als Angesprochene.
Es musste für sie wirklich irritierend gewesen sein, dass sie just auf dieser fahrenden Treppe vom Mann hinter ihr auf Masern angesprochen wurde. Wie die aussähen, wollte er doch glatt wissen. Und ob sie nicht das nächsten Mal zum Elternabend gehen könne. Dienstags hätte er nämlich Fußball und die Rückrunde sei wichtig. Außerdem erzählte er ihr, dass das Kind nun die Größe Maxi Plus bei den Windeln bevorzuge. Wahrscheinlich wurde es ihr zu bunt als er auch noch meinte, sie solle doch diesmal die Drogerierechnung bezahlen. Das geht dann wirklich zu weit. An Masern konnte sie sich noch vage erinnern und auch mit Windeln kannte sie sich wieder aus – dachte sie, aber Zahlemann und Söhne für einen fremden Quatschkopf zu spielen – da hörte der Spaß auf.
Und bei uns fing doch der Spaß damit gerade erst an.

Missverständnisse sind kreative Momente unseres Geistes. Das Wort selbst klingt eher negativ – und tut so als gäbe es immer ein klar unterscheidbares richtig und falsch. Bevor ich ein Kind hatte wusste ich zum Beispiel genau, was Helikoptereltern sind: ewig aufs Balg fixierte, verspannte Mittelschichtler, die jede Sekunde im Nacken ihrer Sprösslinge verbringen, damit der in jeder Hinsicht erwünschte Erfolg der Nachkommenschaft eintritt. Sie planen jede Kindheitsminute und das ganze Leben voraus, lassen nichts unkommentiert und unbeeinflusst. Ich sah und sehe mich stets auf der anderen Seite der Skala. Da ich von Natur aus und nach gängigen Maßstäben erfolglos und faul bin, würde mich ein Gewinnerkind stressen. Es soll einfach nur glücklich vor sich hin leben. Damit ist schon viel erreicht.
Manchmal aber wird selbst ein glückliches Kind krank und muss dann kleinteilig umsorgt werden. Bei uns heißt das: bei Bronchitis und starken Hustenattacken muss sich unser Sohn in der Regel übergeben. So richtig theatralisch mit Würgen und Pumpstrahl.
Alles muss raus, auch wenn gar nichts mehr drin ist. Es gibt bei kleinen Kindern zwei Dinge, die Eltern rund um die Uhr beschäftigen: das was reingeht und das was rauskommt. Wenn oben was rauskommt ist das nicht gut, denn da soll das, was reinging auch drin bleiben. Eigentlich ganz einfach, wenn der Husten nicht wäre.
Frische Luft ist gut gegen Rachenreize, und wenn er doch zu husten drohte hatten wir vorsorglich eine kleine Fußballtröte und einen Luftrüssel bei uns, der unseren Sohn bei Gebrauch derart entzückte, dass er sofort mit dem Würgen aufhörte. Aber man musste alles geben. Nicht einfach so in die hohle Hand rüsseln oder leise tuten, nein – richtig laut mit Hüpfen und vielen Wiederholungen, aufgerissenen Augen und Händeklatschen. Das war die Magie, die die Kleider sauber und das Kind satt bleiben ließ.
Am Ufer des Kanals unweit des Türkenmarkts war es wieder soweit. Hipsterpärchen schlenderten entlang, Bugaboos drängelten sich durch, Hunde bellten die Kanalratten an – es war einfach ein schöner sonniger Wintertag, und unser Kind fing leise an zu husten. Binnen kurzem lief er rot an und röchelte. Routiniert brachten wir uns rund um seinen Kinderwagen in Stellung. Kurz bevor er sich nach vorn lehnte um Ballast abzuwerfen starteten wir die Ouvertüre mit der Mini-Vuvuzela, gefolgt von einem kleinen Solo auf dem Luftrüssel. Wenn das nicht gleich half klatschten wir in die Hände und rasselten mit einer Dose Hustenbonbons. Ich konnte auch rasseln und rüsseln gleichzeitig. Je nach Bedarf. Dabei sprang ich möglichst irre vor ihm herum, das brachte ihn zum lachen und er vergaß das Husten.
„Elende Helikoptereltern, können die Kleinen nicht eine Sekunde in Ruhe lassen, selbst wenn sie krank sind“ – hörte ich ein Hipstermädchen sagen, als wir unsere Instrumente wieder in die Taschen schoben.
So kann man es auch sehen, dachte ich. Und tätschelte meinen Luftrüssel.

Share and Enjoy:
  • Print
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email
  • Add to favorites
  • Tumblr

Leave a comment