Samstag, 27 of Mai of 2017

Gerüstet

geruest

Ob wir wirklich auf ein Gerüst bestehen, wollte der Vorarbeiter wissen. Denn man könne so eine Dachterrasse auch bequem über das Treppenhaus sanieren. Klar meinten wir. Wir sind ja cool und unkompliziert. So ein Gerüst ist vermutlich auch übertrieben. Das mit der Dachterrasse dauert ja nicht lang.
Der Boden der Terrasse war seit einigen Jahren undicht geworden, und nun endlich kam jemand um die Löcher zu stopfen bzw. um einen neuen Boden zu verlegen.
Bevor jedoch der Boden neu aufgelegt werden konnte, musste der alte runter. Soweit ganz einfach.
Am Tag eins der Bauabeiten schleppten vier Mann Materialien durch unser Wohnzimmer raus auf den Balkon. Stahlwolle, Malerflies, Dachpappe, Plastikplane, Eimer mit Chemikalien und diverse Werkzeuge. Mürrisch beobachtete ich das Treiben. Das sah mir nach Arbeit aus, und die Spuren der Handwerker zogen sich nicht nur durchs Wohnzimmer, sondern auch bis ins Gästeklo.
Am zweiten Tag schleppte der Vorarbeiter einen Minipresslufthammer in die Wohnung hoch. Als er ihn in Betrieb nahm flogen die Gewürzgläser aus dem Küchenregal. Da er seinen Lärmschutzkopfhörer nicht zu brauchen schien, setzte ich ihn auf.
Tag drei begann mit Geröll. Es verbargen sich nicht acht Zentimeter Baumaterial unter den Fliesen, sondern zwanzig. Jemand musste den ganzen Restbeton des Hausbaus auf unserer Terrasse ausgegossen haben.
Wie im alten Ägypten wurden große Behältnisse mit Schutt von Hand hinunter getragen. Die Karawane hinterließ Staub und Steinchen, die ich noch Wochen danach aus meinen Schuhen und Mäntel pulen würde. Ein weißer Schleier legte sich auf alles nieder – der Winter war nicht nur dank der permanent geöffneten Balkontür in unsere Wohnung eingezogen.
Am Tag vier wurde die gesamte Dachterrasse mit einer schmutzgrauen Plane abgedeckt. Transparent hatte das Baustoffcenter nicht mehr im Angebot. Pech für uns, denn nun wurde unsere Wohnung in Dunkelheit gehüllt. Für die nächsten zehn Tage würden wir das Tageslicht nicht mehr sehen.
An den folgenden zwei Tagen, direkt vor dem Wochenende, strichen die Handwerker ein infernalisch stinkendes Zeug auf die Dachpappe auf. Angeblich gesundheitlich unbedenklich, schliefen wir das Wochenende durch und wachten erst auf, als die Bauarbeiter am Montagmorgen klingelten.
Im Gepäck hatten Sie stapelweise Styroporplatten, die passend zugeschnitten auf der Dachpappe landeten. Die kleinen frei umherfliegenden Restkügelchen waren statisch derart aufgeladen, dass sie mich bis in die Badewanne verfolgten. Wie in einem Mini-Ikea-Bällebad. Was ich als Kind lustig fand, fand ich nun überall in der Wohnung.
Am neunten Tag tummelte sich eine Maximalanzahl von Bauarbeitern auf der Dachterasse – irgendwo war Wasser durch die dunkle Plastikplane gedrungen und sie mussten die Platten wieder abfummeln. Es schneite heftig in und außerhalb der Wohnung.
Mittlerweile fürchteten wir, dass die Plane für immer bleiben könnte. Der Boden würde nicht fertig werden, und eine Abdeckung ist der billige, Berliner Weg. Provisorien kennt die Stadt genug. Vorsichtig fragten wir, wann wir wieder mit Tageslicht rechnen könnten.
Doch keines der Maurerdekolltees mochte uns antworten.
Vielleicht hatten Sie uns nicht gesehen, in der Dunkelheit.
Das nächste Wochenende verbrachten wir wieder im Winterschlaf, da die Chemikalie erneut aufgetragen werden musste. Es roch, als ob man in einer Dose Lösungsmittel übernachtete.
Die Arbeiter schien es nicht zu stören, im Gegenteil – sie holten noch weitere Eimer mit warnenden Totenkopfsymbolen herbei. Alles Bio, stinkt nur. Meinte einer.
Ich konnte ihn kaum hören, da sein Kollege große Holzplanken zusägte.
Das war wie ein Silberstreif am imaginären Horizont: sind wir schon beim finalen Bodenbelag?
In den folgenden Tagen knirschte es bei jedem Schritt durch die Wohnung, der Staub machte alles gleich und grau. Dennoch hatte ich mich nach Wochen der Belagerung mit der Baustelle arrangiert.
Auf irgendeiner Toilette war immer ein Bauarbeiter, der Boden war steinig, ich atmete nur noch flach und konnte mich blind in der düsteren Szenerie zurechtfinden.
Eines Tages wurde ich vom Licht geblendet, die Terrasse erstrahlte in neuem Glanz und kein Handwerkersteiß war mehr zu sehen. Wie über Nacht waren sie alle verschwunden. Nun verbringen wir den Sommer in bangem Hoffen: was wenn es im Herbst wieder in die Wohnung unter uns durchregnet? Werden wir die Bauarbeiter abwehren können, selbst wenn sie uns von außen mit einem Gerüst entern wollen?
Wir werden es.

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