Sonntag, 19 of November of 2017

Morpheus’ Ansage

pillen

Endlich Zeit, eine Ladung Altpapier zur BSR zu fahren. Im Hinterkopf Jonglieren mit den Häkchen auf der To-Do-Liste. Der Einkauf! Ich brauche noch x, y und z und wo soll ich das bitte dazwischen schieben?

Ach! Ein REWE-Schild auf der anderen Straßenseite. Auf dem Rückweg könnte ich doch schnell … zehn Minuten später, von der Pappe erlöst, leuchtet mir auf der selben Straße, nun auf der anderen Spur, noch etwas Hilfreiches entgegen: Ein blaues P. Das wird noch wichtig werden für die Geschichte, aber zunächst heißt es nur: Der REWE hat ein Parkhaus. Nun ist die Sache gebongt, kein lästiges Parkplatzsuchen im Prenzlauer Berg, kein weites Tütenschleppen, und da ist ja auch schon die Auffahrt, also nichts wie rein.

Die Schranke ist offen, das ist ja praktisch. Aber da arbeitet ja auch gerade jemand dran. Auf dem Parkdeck ist es ziemlich voll, aber ich kriege einen Platz, sogar in der Nähe des Aufzugs. Pfandflaschen nicht vergessen. Die Tür zum Treppenhaus steht auch offen, einen Stock gehe ich gerne zu Fuß. Im Treppenhaus riecht es genauso wie im Haus meiner Eltern, als die Fließen frisch verlegt waren, ich rechne im Kopf nach, wie alt die Erinnerung ist, die mich eben einholt.

Der Laden. Ich sehe viele Köpfe, überall zwischen den Regalen ist Betrieb. Ach, hier gibt es eine Do-it-yourself-Kasse, so wie bei IKEA, ist ja’n Ding. Scheint beliebt zu sein, denn an den normalen Kassen sitzt keiner. Aber an der Kasse zum Selber-Scannen ist ein Typ mit einer Papiertüte dabei, Dinge einzulesen. Es piept. Wo gibt man Pfandflaschen ab? Da links sind Automaten.

Der eine geht nicht, ist doch immer das gleiche, früher bei uns im Dorf gab es diesen Typ, der sonst nichts konnte, aber mit einem Blick einen ganzen Einkaufswagen voller Leergut pfenniggenau schätzen, das gab ihm eine Anstellung bei Edeka, der war in einem Getränkehandel aufgewachsen, wahrscheinlich ist der jetzt auch arbeitslos. Aber der zweite Automat geht. Also rein mit den Flaschen. Eine nach der anderen. Piep. Piep. Piep. Piep.

WAS MACHEN SIE DENN DA?

Das war hinter mir. Wer wird denn hier so angeranzt? Ich drehe ich mich um. Vor mir steht ein Mann.

KÖNNEN SIE MIR SAGEN, WAS SIE HIER MACHEN??

Der meint mich? „Ich gebe meine Pfandflaschen ab?“

WIE SIND SIE DENN HIER REINGEKOMMEN??

„Durch das Parkhaus?“ Was ist denn bloß los?

WIR HABEN GESCHLOSSEN!!

Bitte? „Aber….“ – ich sehe mich um. Und erwache aus der Matrix. Wie im Film. In Zeitlupe. Als ich noch drinnen war, und mich umsah, sah ich Einkäufer, Einkaufswagenschieber, Bezahler: Kunden. Nun sehe ich das echte System: Die ganzen Leute! Meine persönliche Frozen-Reality-Einstellung zoomt einmal durch den Laden und zeigt mir in aller Schärfe: Sie tragen Klemmbretter. Sie räumen Regale ein. Der Mann an der Kasse hat zwar eine Tüte dabei, aber auch Verpackungszeug vom Gerät, der richtet gerade ein. Keiner kauft ein. Alle arbeiten.

WIR ERÖFFNEN ERST MORGEN!! UND DAS STEHT AUCH ÜBERALL!! UND SIE GEHEN JETZT BITTE!

„Aber… aber… das konnte man gar nicht sehen…“ Bullet Time. Es steht wirklich überall. An der großen Glastür zur Straße. An der ich nicht vorbeigekommen bin.

SIE GEHEN JETZT BITTE!

Er zeigt mir tatsächlich die Tür. Hindurch gehen muss ich alleine. Ich schleiche beschämt durchs Treppenhaus zurück zum Parkdeck. Dort hängen riesige Plakate. Neueröffnung! Morgen! Ich habe die gesehen, ja. Gelesen, was drauf steht, nein, habe ich nicht, grünrotes Muster. Ein Kloß im Hals. Ist das die rote Pille, die dort klemmt? Oder sind das etwa Tränen?

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