Montag, 21 of April of 2014

Zeitglas

Fernglas

Ich habe auf dem Dachboden meiner Eltern herumgestöbert und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Dieses Nichts war schlichtweg dies und jenes, was in den Schubladen und Kisten und Koffern auf dem elterlichen Dachboden herumliegt und einstaubt. Ich blätterte mein Gymnasialzeugnis durch und kramte in meinem Schmuckkästchen aus der Teenie-Zeit. Ich fand meine Milchzähne in einem Pressglasdöschen und räumte diverse Jugendbücher von den einen Stapeln auf die anderen Stapel. Dann öffnete ich eine Schublade, in der mein Vater allerlei veraltete Technik aufbewahrte: Super-8-Filme, eine Kamera aus den 60er Jahren, und, zu meinem Erstaunen, das Fernglas.

Ich war mir nicht gleich sicher, ob es wirklich DAS Fernglas war, denn es ist ein einfaches, handliches, schwarzes Fernglas und sieht aus, wie ein klassisches Fernglas eben aussieht: Zwei Röhren, an jeder ein Rädchen zur Justierung und in der Mitte eines zum Scharfstellen. Seine Bedeutung erschließt sich nur Fernglas-Kennern aufgrund seines Markennamens, der exzellente Linsen und Lichtstärke verspricht. Es war ein sehr gutes Fernglas und es hatte in unserem Haushalt ein extrem kurzes Leben.

Südbaden, im Frühjahr 1980. Die Flicken auf den Knien der Cord-Latzhosen meines kleinen Bruders verraten, dass er den aufrechten Gang noch nicht lange beherrscht. Seit er allerdings auf eigenen, schwankenden Schritten den Balkon erreichen kann, liebt er es, seine kleine Stupsnase zwischen die Holzimitat-Balken zu pressen und auf die zwei Stockwerke darunter gelegene Straße hinunter zu rufen. Wenn Nachbarn auf der Straße sind, winken sie zurück. Mein Bruder ist begeistert. Was ihn jedoch noch mehr und unermüdlich fasziniert, ist der Klang der unterschiedlichsten Gegenstände, die auf eben diesem, zwei Etagen entfernten Bürgersteig aufprallen.

Und so wandert alles, was sich in erreichbarer Höhe eines Kleinkindes befindet, in hohem Bogen über das Geländer – oft von den empörten Schreien meiner heranhechtenden Mutter begleitet. Eierlöffel, Fläschchen, Zwieback, Stofftiere, Matchboxautos, Bücher, Äpfel, Nussknacker, Cassetten. Der kleine Kerl wird immer flinker und so liegt unten immer mehr, als meine Eltern bemerken und wieder herauf holen. Der Briefträger hat sich längst angewöhnt, morgens alle auf dem Gehweg liegenden Alltagsgegenstände einzusammeln. Er gibt sie zusammen mit der Post im Geschäft meiner Eltern ab. Es ist ein schwarzer Tag für meinen Vater, als er auf diese Weise sein neues Fernglas entgegennehmen muss. DAS Fernglas. Er hatte es nur eine Woche zuvor von seiner Mutter zu seinem 32. Geburtstag geschenkt bekommen. Für den jungen, aber etwas finanzschwachen Naturfreund, der mein Vater im Jahr 1980 ist, hat sich damit ein sehnlicher Wunsch erfüllt. Außerdem ist es ein seltenes Wunder, dass meine Oma ihm etwas schenkt, das er mag. Nun zeigt das Fernglas in jedem Fernrohr ein eigenes Bild und ist und ist nicht wieder hinzubiegen. Mein Bruder kommentiert die Konfrontation mit der Stunden zurückliegenden Missetat mit einem bezaubernden Strahlen um seine Hasenzähnchen herum, schüttelt seine dünnen, blonden Löckchen und jubelt: “Bumm!”. Die Balkontür bleibt danach sehr lange geschlossen.

Das schwarze Fernglas blieb in meiner ganzen Kindheit auf dem Schrank stehen – ich glaube nicht, dass mein Vater seinen Eltern die verbogene Linsenachse in seinem Inneren beichtete. Bald bekam es Gesellschaft von einem größeren, billigeren, aber funktionierenden Fernglas, das oft zum Einsatz kam – Vögel, Nachbarhäuser, Passanten, auf dem Dorf gibt es immer etwas zu beobachten. Als die Mutter meines Vaters knapp zwanzig Jahre später starb, erbte mein Vater ihr eigenes Fernglas, das ein Zwilling seines beschädigten Glases war. Es ersetzte das verdorbene Geschenk auf dem Schrank. Glaubte ich. Ganz sicher war ich mir jedoch nicht, welches von beiden Gläsern ich nun staubig aus der Kommode auf dem Dachboden fischte. Wohl deshalb habe ich das Fernglas mit in die elterliche Wohnung hinunter genommen. Um auszuprobieren, ob es das funktionierende Exemplar ist und es gegebenenfalls vom trostlosen Dachbodendasein in ein aktives Ferngucken zu überführen. Ich habe ein bisschen daran herum geschraubt und an den Einstellrädern gedreht. Mein Vater sah mich dabei, erkannte DAS Fernglas und legte seine hohe Stirn in viele missbilligende Falten, als es beim Herumdrehen in meinen Händen einmal scharf knackte. Als ich danach durch das Glas sah, befand sich er Dachgiebel des Nachbarn auf einer Linie. Es war auch nur ein Bild zu sehen, und dieses Bild war gestochen scharf.

Mein Vater nahm mir das Glas aus der Hand und sah seinerseits hindurch, untermalt von einem hellen Laut des Erstaunens. Ungläubig besah er es von allen Seiten. Es war tatsächlich das Fernglas, an dem er selbst im Lauf der letzten 29 Jahre unzählige Male herumgedreht hatte und das schlichtweg als zerstört galt. Warum es heute eine Spontanheilung erfahren hatte, blieb im fest verschlossenen Inneren seiner Linsen, Achsen und Gewinde verborgen. Mein Vater und ich saßen nun ehrfürchtig auf dem Sofa, reichten uns das Fernglas hin und her, und betrachteten abwechselnd Vögel, Nachbarhäuser und Passanten in achtfacher Vergrößerung.

“Warum hast Du es heruntergeholt?” fragt mich mein Vater
“Ich wollte sehen, ob es das ist, was geht.”
“Brauchst Du denn ein Fernglas?”
“Ich wünsche mir schon lange eins.”
“Nun, dann nimm es mit.” Seine Stimme klingt freundlich wie immer, aber etwas traurig.
“Aber Du hängst sehr daran”, stelle ich fest.
“Naja”, sagt mein Vater. “Das hat mir meine Mami geschenkt.”

Seine Mami. So hat mein Vater seine Mutter in meiner Gegenwart nicht genannt und auch nie so über sie gesprochen. Im Gegenteil: Mit der grau gelockten, resoluten Dame, die mit klappernden Ketten und wehenden Kleidern die gesamte Großfamilie dirigierte, verband ihn ein stetes Ringen um Eigenständigkeit und Anerkennung. Verletzende Streitigkeiten, enttäuschte Seufzer, rechthaberische Briefwechsel – mein Vater hatte eine ganze Reihe unerfreuliche Auseinandersetzungen mit seinen strengen Eltern. In der Liebe zu Ferngläsern jedoch müssen Mutter und Sohn eine große Leidenschaft geteilt haben. Wie mein Vater nun in seinem Wollpullover auf dem Sofa sitzt, sein altes Fernglas zwischen den bereits leicht arthritischen Fingern dreht und wendet und an seine Mami denkt, da schrumpft der große Mann zu einem kleinen Jungen mit blondem Haarschopf, der seine Eltern schmerzlich vermisst.

Durch die Erinnerung an die Woche, in der das Fernglas vom Balkon fiel, war meine eigene Perspektive um einen guten Meter nach unten gerutscht. Ich sah im Geiste knapp über den Scheitel meines kleinen Bruder hinweg, ich hörte es auf dem Bürgersteig scheppern, ich hörte mich mit dünner Stimme nach meiner Mutter kreischen: “Der Martin hat schon wieder…”. Ich sah meine eigenen Cordhosen an meinen kurzen Beinen, die geringelten Hüttenschuhe in Größe 27 an meinen Füßen, die Plastik-Balkonbrüstung auf Nasenhöhe und meinen (ob des Fernglases) bekümmerten Vater aus der Froschperspektive.

Zurück im Wohnzimmer der Gegenwart stelle ich fest, dass der Mann neben mir gerade ebenfalls vor seinem inneren Auge seine eigenen Eltern von der eigenen Kurzbeinigkeit aus betrachtet. “Ja, meine Mami”, sagt er noch einmal. Und ich, heute längst älter als mein Vater zum Zeitpunkt des Fernglas-Wurfes, streiche ihm mütterlich über die wie so oft gerunzelte Stirn, die bis zum Hinterkopf reicht. “Ja, das hat Dir Deine Mami geschenkt, und deshalb ist es besser, Du behältst es hier”, höre ich mich sanft sagen. In seinen blauen Augen leuchtet es vierjährig, dann dreißigjährig, dann wieder sechzigjährig. Mein Vater und ich sind von unseren Zeitreisen zurück.

“Wenn Du Dir ein Fernglas wünscht, dann schenke ich Dir demnächst ein eigenes”. Nun ist das gewohnte Vater-Tochter-Verhältnis endgültig wieder hergestellt. Mein Bruder betritt den Raum und fragt: “Was ist das für ein Fernglas?” Das Glas, der Balkon, sein Wurfspiel: Weil er damals noch so klein war, kann er sich an nichts erinnern und zuckt mit den Schultern. Für ihn ist der Gegenstand ein banaler. Für ihn fällt die Zeitreise aus.

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