Mittwoch, 26 of November of 2014

Der Hähnchenschenkelmann

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In Berlin gibt es vieles, was die Welt nicht braucht, meinte Herr Müller.
Er stellte sich die Welt vor, als einen Ball von klar differenzierbaren Bedürfnissen, befand sich quasi am Plafond der Perspektiven auf die Welt. Die Völker der Welt schauen auf Berlin, und Herr Müller sah auf die Völker herab. Und er sah Dinge, die niemand brauchen konnte.
Nach dem urbanen Liebesrausch der Wendezeit hatte es ihn an den Askanischen Platz verschlagen. Die restaurierte Ruine des Anhalter Bahnhofs, auf die er aus seinem Küchenfenster sah, war ihm bald lästig geworden. Sie wurde im Laufe der Jahre immer jünger und gepflegter, während er zusehends verkam. Er wusste selbst nicht, wohin sein Leben gegangen war.
Der Übergang vom Abitur zum Studium war fließend gewesen. Lebensmittelchemie galt als vielversprechender Studiengang. Er hatte über die variierenden Anteile von Getreide im Gin promoviert. Die langen Nächte im Labor versüßte er sich mit Tonic Water, den er im Laborglas zu Gin Tonic mischte. Er war auf der Höhe seiner Zeit gewesen und es wurde ihm unheimlich. Aus Angst, es könne eines Tages bergab gehen, geriet er ins Rutschen.
Er fing an, Tabletten aus den Laboren zu entwenden und bunkerte sie. Doch bevor er sich selbst entsorgen würde, wollte er das aus der Welt verbannen, was für ihn ohne Daseinsberechtigung war.
Er fing im Kleinen an. Die Gummipalme auf der er Tamara verführt hatte, flog als erstes aus dem Fenster. Das Quietschen des Gummis hatte ihn damals rasend gemacht. Noch lange nachdem er sich von ihr getrennt hatte, wichste er von dort aus mit Blick auf das rote Zitty Logo am Gebäude gegenüber. Der rötliche Widerschein gab ihm das verruchte Gefühl, eventuell gesehen zu werden.
Nach und nach warf er alles Übrige aus dem Fenster. Die Anonymität der Großstadt erlaubte es ihm, ungehemmt durchzudrehen. Tagsüber begutachtete er Hühnerschenkel in den Kühlhallen eines Großhändlers, nachts kehrte er sich von innen nach außen. Es war soviel zu tun. Nur die Mauer war gefallen, um die musste er sich nicht mehr kümmern.
An einem Montag beschloss er, dass es einfacher sei aus dem Leben zu gehen, als darin aufzuräumen. Beim Einschlafen wunderte er sich, ob soviel Entscheidungsfreiheit angemessen sei.

Als Tamara ihn so daliegen sah, war sie dankbar. Der Polizist deutete ihren Gesichtsausdruck als milde betroffen. Es war Herr Müller, der Hähnchenschenkelmann, der immer wieder seine Einrichtung aus dem Fenster geworfen hatte. Sein letztes Mahl war ein Gin Tonic gewesen.
Wäre ihr Büro nicht zum Askanischen Platz gezogen, hätte sie ihn wohl nie wieder gesehen. In den Zigarettenpausen vor dem Zitty Gebäude machten Gerüchte die Runde, dass der Verrückte wieder etwas aus dem Fenster geworfen hatte. Man solle doch darüber was schreiben.
Als der Praktikant die schlaffe Gummipalme als Beweisstück seiner Recherche mitbrachte, erinnerte sie sich an den Liebesrausch vor zwanzig Jahren.
Sie hatte nie seinen Vornamen erfahren. Er roch nach Laborseife und hatte eine lächerliche Gummipalmen-Badeinsel mitten im Wohnzimmer.
Das pralle Ding hatte sie angetörnt.

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