Dienstag, 12 of Dezember of 2017

Harfensalat

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Eierharfen hängen in Supermärkten immer irgendwo. Sie folgen der Logik des Salzes, welches nie beim Pfeffer zu finden ist, sondern beim Zucker.
Als Kind wuchsen Eierharfen in meiner Vorstellung nur in Küchenschubladen von Großmüttern. Und nur an Weihnachten wurde die Eierharfe hervorgeholt.
Weihnachten war ein emotionaler Windkanal, der die Ruhe des restlichen Jahres gründlich durcheinander brachte. Die sonst verstreut lebenden Tanten und Onkels wurden im Haus meiner Großeltern versammelt, auf engstem Raum. Die Enkel wurden mit zugehaltenen Augen am gefühlt riesigen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer vorbeigeleitet, dessen Kerzen von meinem quadratischen kleinen Großvater schnaufend vor der Bescherung entzündet wurden. Alles was unter vierzehn war, hatte sich bis zum Abend im Esszimmer oder in der Küche nebenan aufzuhalten.
Mein Kopf reichte gerade bis zum wackeligen Gartentisch, unter dem in der Küche Plastiktüten und Mülleimer gelagert wurden. Die Bespannung roch nach Plastik. Wenn ich mich zwischen Tisch und Mülleimer stellte, hatte ich Ein- und Ausgang der Küche gut im Blick. Meistens hielt ich es ein paar Minuten dort aus, bis mich eine eilfertige Tante oder ein gehetzter Onkel woanders hin zitierte. Die beiläufige Kommandogewalt der Verwandtschaft perlte jedoch immer wieder an mir ab und ich wischte zurück ins Zentrum der Familienseligkeit.
Jedes Weihnachten ging es eigentlich nur um zwei Dinge: den Kartoffelsalat ohne Rote Beete und den mit. Traditionell war es die Verantwortung meiner Großmutter, die Zutaten zu kaufen und die Zubereitung anzuleiten. Doch ihr Führungsstil in dieser Frage war eher kryptisch. Mit stummen Gesten dirigierte sie ihre Töchter, allesamt in Schürzen, zwischen Kühlschrank, Vorratskammer und Herd hin und her. Es gab meine Mutter, eine dünne Tante und eine dicke. Meine Mutter griff nur ein, wenn es um die Wurst ging und die Nerven blank lagen. Das war jedes Mal der Fall, wenn die Weißwürste im Topf geplatzt waren, oder nicht der richtige Senf auf dem Tisch stand. Mit verhaltener Ruhe spielte sie in der Szenerie mit, kurvte um die Kinder die immer irgendwo dazwischen standen oder liefen.
Nur ich wartete still am Gartentisch in der Küche und ließ die Schublade gegenüber nicht aus den Augen.
Ist die Rote Beete einmal im Salat gelandet, gab es kein zurück mehr. Es galt, beide Sorten Kartoffelsalat gut voneinander zu trennen. Die dünne und die dicke Tante zankten sich stets um die Schüsseln. Wer mischt zuviel saure Gurken unter? Wer hat zu wenig Remoulade dran gemacht? Ab und an kam ein männliches Wesen hinein um zu beschwichtigen und wurde sofort fauchend verjagt.
Eine Grundzutat der Salate waren hart gekochte Eier. Da es in meiner Familie eine übersteigerte und unerklärbare Aversion gegen nicht wirklich hart genug gekochte Eier gab, verlängerte man die Kochzeit auf 15 bis 20 Minuten. Das Klackern der Eier im Topf begleitete meine Vorfreude auf das was kam.
Die dünne Tante wollte schließlich etwas Gutes tun, und nachdem sie meine große Schwester die letzen zwei Stunden mit Kartoffelschälen, Gurken schneiden und anderem beschäftigt hatte, fiel ihr Blick auf mich. Ich sollte auch ihr Wohlwollen zu spüren bekommen.
Endlich öffnete sie die Schublade und holte die Eierharfe hervor. Als die Eier nach einer Ewigkeit des Kochens minutenlang abgeschreckt wurden, spielte ich selig auf meiner kleinen Harfe das Lied vom bald geschälten Ei.
Das Zirpen begleitete den Trubel, der zu seinem Höhepunkt anschwoll, wenn die Kartoffelsalate fertig zu werden drohten. Alle mussten auf ihre Plätze, die Kinder kriegten Kissen untergeschoben. Meine rüstige Urgroßmutter nahm seufzend Platz und beobachtete die Unruhe von ihrer Tischecke aus.
Das schönste an der kleinen Eierserenade war der Zeitdruck, unter dem sie stattfand. Ich wusste, ich konnte das ganze Jahr auf der Küchenharfe spielen, aber nie waren die Melodien so hart erstanden und ersessen wie an Heiligabend. Ständig drohte man abgedrängt zu werden, am Ende kriegte noch jemand anderes das Eierdings zu fassen.
Wenn alles gut lief, zupfte ich auf der Eierharfe, bis ich eilig angewiesen wurde meines Amtes zu walten: die geschälten Eier sollten zerkleinert und untergehoben werden. Zwischen jedem Ei spielte ich noch ein Weilchen und hielt so den Laden auf.
Am Schluss war die Eierharfe völlig verklebt und muckte nur noch dumpf. Meine dicke Tante pfefferte sie ungeduldig in die Spüle. Irgendein Onkel verfrachtete mich auf meinen Stuhl und das Besteckkonzert fing an zu klappern.

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