Dienstag, 12 of Dezember of 2017

Die galoppierende Matratze

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Ich hatte mir noch nie eine Matratze gekauft. Als Kind liegt man immer auf der des älteren Geschwisters, später erbt man irgendeine andere und in WGs liegt eh immer eine rum, die keiner braucht. Und doch gibt es diese unzähligen, neonhell beleuchteten Matratzenläden in der Stadt.
Aber es kam der Tag an dem ich einen Freund fand, der auf meiner Futon-Luftmatratzen-Kombination nicht schlafen konnte. Entweder die Luft ging entwich oder der Futon wobbelte minutenlang, wenn jemand das Bett verließ oder zustieg.
Ich übertrat also die Hemmschwelle eines Bettenladens und erkundigte mich beiläufig nach den Vorzügen der verschiedenen Matratzen. Im grellen Licht lag ich probeweise auf Latexmatratzen, Federkern-Schaummischungen, Billigvarianten und Deluxeversionen. Als ich erfolgreich in den Kauf einer Latexmatratze hineingequatscht worden war, knauserte ich schließlich bei den Transportkosten. Ich wollte das Ding selbst nach Hause tragen, denn ich wohnte nur zweitausend Meter vom Laden entfernt.
Meine Mitbewohnerin erklärte sich nichts ahnend bereit, mir zu helfen.
Abgeholt wurde die Matratze tags darauf. Die Verkäuferin verwies stolz auf die transportgerechte Faltung der Matratze, die in Plastik eingewickelt war und auf der Hälfte abgeknickt. Verklebt war das ganze mit einem dünnen Streifen Paketband.
Latexmatratzen, wie ich und meine Mitbewohnerin bald erfuhren, gehören zu den Schwergewichten in ihrer Branche. Den Liegekomfort im eigenen Heim muss man sich daher schwer erkämpfen, insbesondere, wenn man sich zur sparsamen Selbstabholung entschlossen hatte.
Das braune Paketband riss schon kurz nach der Ladenschwelle. Die Matratze entfaltete sich ruckartig und schlappte mit einem Knall auf den Gehweg. Da die untere Seite der Plastikhülle nun dreckig und nass war, wuchteten wir das Ding auf Hüfthöhe und watschelten weiter. Die Wölbung der Matratze nach unten wurde mit jedem Schritt tiefer, irgendwann lag sie auf meinen Hacken. Meine tapfere Mitbewohnerin zog dagegen an bis ihre Arme zittrig wurden. Es half aber alles nichts.
Als wir bei der Biegung zu unserer Strasse ankamen waren unsere oberen Gliedmaße bodenlang geworden. Mehrere Passanten verfolgten mittlerweile vergnügt das Schauspiel. Nach einer kurzen Pause werkelte ich mich unter die Matratze und drückte sie mit meinem Kopf hoch, bis ich stand. Das hintere Ende lag nach einiger Mühe auf dem Kopf meiner Mitstreiterin. Das Gewicht der Latexmatratze war so vorerst angenehm verteilt.
Mit jedem Schritt, der uns unserer Wohnung näher brachte, stieg meine Vorfreude auf das neue Liegeerlebnis, … und zugleich steigerte sich auch die Unwucht der Matratze. Durch den geschwinden Schritt schlug die Liegewiese bald wellen wie ein Ozean. Irgendwann steigerte sich das Wabbeln zu einem regelrechten Matratzengalopp über unseren Köpfen. Es war kaum mehr möglich, das Ding mit den Händen zu greifen. Schließlich verloren wir jeden Kontakt und die Superflex-Latexmatratze sprang vor uns über die Strasse.
Nun kam uns auch noch die Fassung abhanden. Die Entbehrungen und Anstrengungen der letzten Meter hatten uns weich und schwach gemacht. Irgendwo zwischen lachend und weinend warfen wir uns auf die flüchtige Matratze. Unter schamlosem Ächzen wurde sie die letzten Meter zur Wohnung getreten und entlang gezogen.
Ganz unscheinbar und still daliegend versucht mich die Latexunterlage in meinem Zimmer seitdem über ihr stürmisches Temperament hinweg zu täuschen.
Aber ich weiß es besser.

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