Dienstag, 12 of Dezember of 2017

Das Sicherheitsschloss

Druck

Es war ein richtig netter Nachmittag gewesen. So einer, der mit einem leckeren Chaiflipdecaflatte beginnt, zum Glasnudelsalat mit vietnamesischen Kräutern übergeht, um dann wieder bei einer Schale ordinären Milchkaffees zu landen. Und das alles im munteren Zweiergespräch mit einer Freundin, die gerade aus dem asiatischen Ausland in die Frostwüstenei Berlins zurückgekehrt ist.
Und es war ein kalter Tag, um nicht zu sagen sibirisch. Selbst wenn man mit dem Rad weit neben der Trambahnschiene fuhr, schien sie einen magisch anzulocken. Im Gegensteuern landete ich dann in den gefrorenen Fahrrinnenwülsten auf dem Bürgersteig oder auch mal in einem mehligen Schneebrei irgendwo dazwischen.
So war ich froh, mein schneeverkrustetes Rad vor dem Café abstellen zu können und guckte den Rest des Nachmittags mit der Freundin von drinnen nach draußen. Als ich vom vielen Koffein so aufgekratzt war, dass ich mich wie eine Fledermaus unter die Decke hätte hängen können, wurde es Zeit sich zu verabschieden.
Energiegeladen marschierte ich zum Rad in der festen Absicht das Schloss aufzusperren, um meinen nächsten Termin wahrzunehmen. Ich war in Eile, wie immer. Das Radschloss klemmte seit geraumer Zeit, was ich stur ignorierte. Diesmal öffnete es sich ohne Probleme. Als ich kurz darauf die Strasse hinuntereierte (und mich nicht zwischen der rechten und linken Trambahnschiene entscheiden konnte) sah ich einen Kiosk und gab spontan dem Gelüst nach einem Kaugummi und einer Klatschzeitung nach.
Die Kälte war mir bereits unter die Jacke gekrochen, als ich das Radschloss wieder aufsperren wollte. Schon beim Hineinstecken des Schlüssels hakte es. Ich musste meine Handschuhe ausziehen, um voranzukommen. Endlich steckte der Schlüssel, … aber er drehte nicht. So richtig gar nicht. Eigentlich kannte ich das ja schon, das Schloss klemmte seit Jahren. Aber es war eben immer wieder aufgegangen.
Wieder rausziehen, reinstecken, drehen. Nichts. Meine Finger wurden taub, der Mittelfinger sah blau aus. Mit steifen Fingern im Handschuh setzte ich nun ein drittes Mal an. Nichts. Es ging nichts mehr.
In den nächsten fünf Minuten probierte ich alle Varianten durch: leises Nackeln, bittendes Gewimmer, ruckartiges Rakeln, lautes Schimpfen. Ich zerrte am Rad, trat gegen den Mast an dem es angebunden war, versuchte jeden möglichen Sperrwinkel, wand mich um meine eigene Achse. Ich weigerte mich aufzugeben, das sollte nicht die letzte Station meines Fahrrads sein, … und wenn ich den Pfahl ausgraben muss. Am Ende schlug ich vor Wut auf das Schloss und holte mir einen sauberen blauen Fleck auf meiner rechten Handfläche. Mit einer wütenden Träne im Auge fragte ich mich, ob heute der Tag sein sollte, an dem es endgültig nicht mehr aufging.
Es folgten weitere stille drei Minuten erfolgloser Aufsperrversuche, die ich mit beiläufig würdevoller Miene kaschierte. Meine Füße waren zu Eisklumpen geworden.
Laut Fluchend stieg ich schließlich auf dem Bürgersteig umher. Der Kioskbesitzer guckte mitleidig aus seiner Bude heraus. Vor mir sah ich den Eingang zur U-bahn. Ich nahm meine Tasche, zog meinen Schal enger, klopfte mir den Schnee von der Jacke. Mein Schlüsselbund steckte noch im Radschloss.
Beim Abziehen gab ich dem Schlüssel noch mal einen kleinen Dreh nach rechts. Nur so, aus Gewohnheit. Das Schloss schnappte auf, als hätte es die letzte Viertelstunde nie gegeben.

Share and Enjoy:
  • Print
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email
  • Add to favorites
  • Tumblr

Leave a comment