Dienstag, 12 of Dezember of 2017

Gelbe Ritter

Taxi
Eigentlich geht es darum, ein Stück Weg zurückzulegen. Meistens: Nach Hause, spät und weit. Oder es geht darum, eine Reise zu beginnen: Zum Flugplatz, zum Bahnhof, zum Hafen. Andere Leute fahren auch Taxi, um von beruflichen Terminen zu anderen beruflichen Terminen zu gelangen, aber ich lasse meistens aus privaten Gründen fahren. Und dann oft aus einer Notlage heraus: Zu dunkel die Welt, zu einsam der Weg, zu hoch die Zahl geistiger Getränke, zu schlecht das Wetter oder zu sehr geschrumpft der zeitliche Abstand zum anstehenden Termin, um sich mit einem kostengünstigeren Verkehrsmittel auf den Weg zu machen. Ein gelb leuchtendes Schild in der Nacht – was kann es Tröstlicheres geben.

Egal, welche der elfenbeinfarbenen Türen in dieser Republik man öffnet: Sie führen alle in die selbe Welt aus schwarzledernen Sitzpolstern, die sich freundlich um die Schultern schmiegen. Der Herr, selten die Dame, auf dem Fahrersitz wechselt, aber vielen ist etwas ungemein Ritterliches gemein.

Der eine zum Beispiel, der … mich anno dazumal in ein neugieriges Gespräch verwickelte und nach der Frage nach meinem Studienfach rasch den Taxameter abstellte: Sowohl Studenten als auch Künstler seien sprichwörtlich arm, Kunststudenten ergo müssten die bedauernswertesten Kreaturen schlechthin sein – für symbolische zwei Mark reiste ich quer durch die Nacht. Die gleiche Stadt, eine andere Nacht, ein anderer Taxifahrer: Auf seinem Rücksitz sank ich gegen Morgen schwer herzgebeutelt und offenbar sehr offenbar, denn den ganzen Heimweg über gab es großmütterlichen Trost (“Die Zeit heilt alle Wunden”) und liebevoll ausgewählte Musik aus dem privaten CD-Vorrat (“Also ich spiel Dir jetzt mal vor, das macht echt gute Laune”). Zur guten Laune hat es in dieser Nacht nicht mehr gereicht, aber die freundliche Erinnerung an die Silhouette dieses Mannes (vom Rücksitz aus betrachtet) hat jenen Gefühlsknoten um Jahre überdauert.

Echte Notfallrettung auch: Ein holländisches Mannweib von ungeheuren Dimensionen, das mich als kopfverletzte Elftklässlerin auf Klassenfahrt über Land ins zwanzig Kilometer entfernte Krankenhaus kutschierte, was den Notgroschen, mit dem ich ausgestattet war, verzehrte und das angeschlagene Hirn vollends verwirrte. Auch hier wurde nach der Hinfahrt der Taxameter ausgeschaltet und die Ritterin von ungewöhnlicher Gestalt wartete geduldig auf dem Krankenhausparkplatz, bis ich durch den Computertomographen gefahren und für unzerstört befunden war.

Oder der Exil-Österreicher, der erst ungehalten war, weil ich ihn dabei aufstöberte, wie er hinter seinem Taxi an einen Baum der Tucholskistraße pinkelte. Es war zehn Grad minus und schneite, es war drei Uhr nachts und ich war gerade aus einem bis dato vertrauten Haushalt und dem dazugehörigen Leben gestolpert. Das Wasser stand, als der Chauffeur mich unwirsch abwies, in meinen Augen kurz vorm Überlaufen. Er sammelte mich dann zwei Straßen später ein, klappte seinen frisch gestaubsaugten Kombi innerlich um, verstaute mein vereistes Rad und schenkte mit auf der Heimfahrt seine persönlichen Promo-CD (der Mann war Rockmusiker). Auch er ein Schicksalsbote mit der Nachricht: Schutz vor Glatteis und Grippe ist geboten und es wird alles wieder gut.

Manchmal jedoch brauchen auch die eierschalengelben Engel Hilfe. Es war noch in der letzten Stadt, als sich einer mit sorgenzerfurchter Stirn umdrehte: Was kann man tun, wenn ein Schüler gemobbt wird? Ich glaube leider nicht, dass ich ihm helfen konnte. Auch der Hippie, der mit seinem Vermieter im Streit lag und der Balinese mit Heimweh: Tut mir leid, Jungs!

Es bleiben noch die Informativen zu erwähnen. Alles, was ostberliner Taxifahrer schon seit 1987 über den bevorstehenden Mauerfall wussten, erfuhr ich in einem Stau von Friedrichshain nach Mitte. Und alles über das Leben mit einem zusammengerollten Teppich im Kofferraum und einem Tageskalender, der den Sonnenstand in Mekka angibt, lernte ich zwischen Neukölln und Kreuzberg. Auch hierfür sei gedankt.

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