Dienstag, 12 of Dezember of 2017

Gebicker auf Nebengleisen

Druck

Seit Menschengedenken ist die Rede von Mann und Frau – und dass sie nicht zusammenpassen. Unabhängig davon gibt es ja auch Mann und Mann sowie Frau und Frau. Egal in welcher Kombination, es gibt eines was sie im schlimmsten Falle eint, sobald sie sich zu Paaren zusammentun (für längere Dauer): ein eher unterschwelliges verbales Gebicker und sich Anzicken auf Nebengleisen. Diese richtig unangenehme Unart von Verpaarten, unterdrückte “Abgase” der Beziehung in Gegenwart anderer (gerne mal in “ungezwungener” Atmosphäre) loszuwerden, sticht mir seit geraumer Zeit besonders ins Ohr und Auge.
Es ist wie mit Blähungen. Ständig unterdrückt, immer unangenehm, ausgelöst durch falsche Lebensumstände und Gas erzeugende Un-Kommunikation, quält man sich bei Tageslicht damit herum. Am Arbeitsplatz, im Supermarkt, im Bus soll einem nichts entweichen. Aber dann, im gemütlichen Ambiente einer Bar, mit Freunden, beim Dinner brechen alle Dämme. Dort ist man Paar, dort darf man’s sein.
Der Zeuge einer solchen Unterwasserschlacht staunt nicht schlecht, hat er doch nicht damit gerechnet von hinterhältigen Konversations-Querschlägern eines anderen Paares getroffen zu werden.
Glücklich kann sich der schätzen, der eines Pokerfaces mächtig ist. Denn wie sollte man dreinblicken, wenn der Mann genüsslich und in epischer Breite die ausufernde Leibesfülle seiner Frau beschreibt, kurz nachdem sie ihren Nachtisch bestellt hat? Worauf sie, nach einem Schluck alkoholischen Getränks zur Stärkung, zum Gegenschlag ausholt, mit der lautstark und gestenreich vorgetragenen Erzählung, dass ihr Mann letztens “echt peinlich” aussah, als er im Suff ohne Kleider an Weihnachten, vor allen …. und so weiter, man könne sich das gar nicht vorstellen.
Und tatsächlich, man(n) will es auch nicht.
Wir alle wissen, Beziehungen sind nicht immer glorreich oder einfach. Aber wenn zwei Menschen die offene, zeitlich begrenzte und gesunde Art der bilateralen Auseinandersetzung gegen einen endlosen Sumpf öffentlicher, bemüht unverborgener gegenseitiger Demontage eingetauscht haben, dann kann ein gemütlicher Abend schnell zum emotionalen Schrottplatz der Zweisamkeit werden.
Die Tragik ist komplett, wenn die beiden Kontrahenten, aufgrund eines langen gemeinsamen Leidensweges der Missverständnisse, Kränkungen und Abhängigkeiten, auf ihrer Beziehungsscholle so weit abgetrieben sind, dass ein Abspringen für sie bereits undenkbar geworden ist. (In den meisten Fällen wird dann geheiratet).
Um Kollateralschäden zu minimieren, muss man also als Beisitzer genau auf die Sitzordnung achten. Je näher sich das Paar (räumlich) kommt, umso wahrscheinlicher und heftiger die Tritte unter der Gürtellinie. Pärchen, die sich rühmen “nie zu streiten” und “kein Problem zu haben” sind die wahren und eigentlichen Schwergewichte ihrer Klasse. Jede Wette, dass die Luft zwischen ihnen nicht mehr mit der Axt zu schneiden ist. Epileptiker und Schwangere sollten den Umgang mit derlei Personen unbedingt meiden, denn die Untiefen seelischer Gemeinheiten verschonen niemanden.
Auch nicht den eingefleischten Beziehungs-Optimisten. Denn der Reiz des sich Beharkens hört dann auf, wenn sich das Publikum einmischt. Wo man sich eben noch ungespitzt gegenseitig in den Boden demontierte, führt ein Dritter (der zur Ruhe ruft) zur sofortigen Vereinigung der an sich zerstrittenen Sippe. Sobald sie einen gemeinsamen Gegner haben, lassen sie voneinander ab, und das macht die Sache auch nicht besser.
Im Angesicht von solch perfiden Mechanismen bleibt einem dann nur die Wahl zwischen Schimpf und Schande. Entweder man wird unfreiwilliger Ringrichter, oder ohne Vorwarnung als Sparringpartner genutzt.
Nicht selten frage ich mich, was aus der guten alten Keilerei geworden ist, dem so herzerfrischenden Gebrüll oder einem ganz öffentlich hingeworfenen Fehdehandschuh. Es gibt nichts Reinigenderes als einen frank und freien Streit auf Augenhöhe, oder wie es Kevin Bacon mal so schön sagte: „Keep the fights clean and the sex dirty.“

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