Im Dunkel der Niederlagen

Im Dunkel der eigenen Niederlagen wachsen oft die schönsten Blumen der Erinnerung, insofern die Niederlage nicht allzu ernst gewesen ist.
Das Leben ist glücklicherweise (abgesehen von ganz erfreulichen Intermezzi) voll von misslichen Verläufen, die nicht der Komik entbehren. Einer bahnte sich (anno 1986) bei meinem ersten Besuch beim Kinderballett an.
Als junger Mensch ist man idealerweise gesegnet mit allen möglichen Chancen und Potentialen – unendliche Weiten gestaltbarer Zukunft tun sich auf. Insofern war der Optimismus meiner Mutter durchaus verständlich, als sie mich hoffnungsfroh zur dörflichen Mehrzweckhalle fuhr, um mich dem Provinzballetverein vorzustellen. In jener Halle warteten schon zehn andere Eleven zwischen fünf und acht Jahren, in hellblauen und rosa Turnanzügen, Strumpfhosen und dazu passenden Schläppchen. Ein von mir besonders verhasstes Mädchen trug sogar einen Tutu.
Meine Strumpfhose passte natürlich nicht zu meinem Turnanzug, so wie ich auch nicht zur Heizung passte, an der wir uns alle aufstellen mussten. Der Drillinstructor am oberen Ende des kargen Raumes im Neonlicht trug eine lupenartige Brille, war runzelig wie eine Rosine und hieß Frau Fritz. In ihrer Jugend war sie wohl die Ballettschönheit des Landkreises gewesen. Nun, als greise, sehnige Rentnerin, fühlte sie sich bemüßigt, dem blutjungen Nachwuchs Disziplin und Eleganz näher zu bringen.
Die Eltern hatten in dem schmalen Raum nichts mehr zu suchen und überließen uns der gestrengen Oberballerina, die ohne großes Federlesen zur Sache kam.
Um unsere grundsätzliche Eignung als Balletttänzer zu prüfen, stieg sie gleich in die Kunst des kontrollierten Pirouettendrehens ein. Jeder von uns sollte sich im Kreise drehen, wobei zu beachten war, dass man seinen Blick auf einen Punkt fixierte und den Kopf nur im letzten Moment (vor Vollendung der Drehung) herumschnellen ließ, um wieder denselben Punkt zu fixieren. So sollte ein schwindelig werden vermieden werden.
Die Erklärung des Übungsziels habe ich damals zum Großteil überhört, denn ich bohrte meine Füße verärgert zwischen die Lamellen der Heizung und befand, dass man beim Balletttanzen ganz schön viel herumstehen musste. Als ich mich dann endlich drehen durfte, ging ich also freudig in die Vollen.
Das mit dem Fixpunkt klang wunderbar, nur hatte ich leider keine Ahnung, wo meiner war.
Nach der ersten ambitionierten Runde war es die Steckdose hinter mir, schon bei der zweiten Umdrehung sah ich jedoch meiner Nachbarin streng in die Augen, die daraufhin die Kontrolle verlor und umfiel. Bei der dritten Drehung entschloss ich mich schließlich (ganz lebenserfahren), die Veränderlichkeit meiner Fixpunkte zu akzeptieren und gab jedem Objekt in meiner Nähe eine faire Chance, von mir anvisiert zu werden.
Die nächsten Runden wurden daraufhin immer schneller, mein Blick flog von der Heizung, zum Tutu der Verhassten, zum Türknauf und zum Fensterknopf. Alles um mich herum schien zu stehen. Plötzlich raste Frau Fritz an meinem Gesichtsfeld vorüber, sie bewegte ihren Mund als wollte sie mit mir sprechen. Mein Drehmoment hatte sich jedoch völlig verselbstständigt. Wie ein manischer Derwisch war ich in die Mitte des Raumes gekreiselt. Aus meinen diversen Fixpunkten war ein Strom bewegter Bildern geworden, der abrupt abriss mit dem Anblick der Neonröhren über mir. Ich war flach auf den Rücken gefallen und quäkte laut.
Als mich meine Mutter abholte war mir immer noch schwindelig und übel. Irgendwo auf dem Heimweg, zwischen dem einen Dorf und dem anderen, musste sie sich wohl heimlich vom Wunsch verabschiedet haben, aus ihrem Derwisch eine kleine Ballerina zu machen.
Date: 21. April 2010



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