Donnerstag, 27 of Juli of 2017

Kunst und Leben. Reisen.



Das Leben hat mein Bild eingeholt. Und überholt.

Vor nicht ganz zehn Jahren entstand in meinem Neuköllner Atelier ein kleines Gemälde, das einen Taucher zeigt, genauer gezeigt, einen Schnorchler. Der “Sternentaucher” ist ein Mann mittleren Alters, der bis zur Brust aus dem türkisblauen Wasser ragt, die Taucherbrille hat er in die Stirn geschoben, der Schnorchel umrahmt sein Gesicht, und in der Hand hält er seinen Fund: Einen roten Seestern. Zugrunde lag dem Bild ein Foto, das ich in einem Reisekatalog, der mich ansonsten nichts anging, gefunden hatte.

Warum ich es ausgewählt habe? Es lag an der Diskrepanz zwischen dem ernsten Gesicht des Mannes und der an sich unersnten Aufmachung eines Schnorchlers, zwischen seinem Alter und der kindlichen Geste, mit der er seine Trophäe und sich selbst präsentierte und ablichten ließ. Es lag natürlich auch an den reizvollen Farben im Bild, dem Kontrast zwischen dem blauen Meer und dem roten Stern und der rosa Haut, den ich im Bild noch überhöht habe. Das Motiv gefiel mir so gut, dass ich es noch einmal variiert, mein eigenes Gesicht eingesetzt habe.

Zwei Bilder also, vor einer Weile gemalt, aus Gründen, die in ihnen selbst zu finden waren. Eniges später, nun auch schon wieder eine Weile her, sitze ich auf einem Felsen. Ein Mann taucht aus dem türkisblauen Wasser, schiebt die Taucherbrille in die Stirn, und hält einen roten Seestern hoch. Read more »


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Weil sie es kann

Es war das Geräusch der Schritte, das mich neugierig machte. Ein kratziges, blechernes Trapsen. Ich guckte nach oben. Die Metallabdeckung des Fassadensimses ging einmal um die ganze Hausecke herum. Nach wenigen Sekunden kam die Krähe schließlich um den Eckerker herumgestakst. Ich konnte jetzt jeden Schritt beobachten.
Sie ging ohne Eile, ein Fuß schräg vor dem anderen, mit etwas weniger Gewackel als andere Krähen. Sie konnte das, sie war eine Geherin.
Nun blieb sie stehen, und guckte auf uns alle herunter. Read more »


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Blicke durch ein drittes Auge

Sie stellte sich als Dev Devindrasha vor. Vom Aussehen her war sie eher eine Birte Müller oder eine Anke Scheuerlein. Oder eine Julia Moser, oder oder …
Dev – das war ihr Yoganame. Neben ihrer Matte stand ein dramatischer Blumenstrauß, ein Teelicht im verspiegelten Untersetzer und ein eingerahmtes Bild ihres langbärtigen Yoga-Gurus.
Sie fummelte bei der Vorstellungsrunde an einem Gerät herum, das wie eine digitale Teeuhr aussah. Eine Yoga-Uhr, wie ich später herausfand, für die Durchhalteübungen (… wie ich viel zu spät herausfand).
Wir saßen auf Matten und trotz stolzen Mutterbäuchen konnten fast alle in einer Art Schneidersitz verharren. Dev hatte als Einzige einen Turban auf. Um sie herum war zusätzlich ein pinkes Tuch drapiert, welches sie während der Stunde auf und absetzen würde. Das heißt: immer wieder um den Kopf wickeln, abwickeln, hinlegen, hochnehmen würde. Dazu gab es keine Erklärungen, wohl aber zu allen anderen Übungen.
Wortreich schmückte sie zunächst die Begrüßungsrunde aus. Als Dev Devindrasha mit sich selbst fertig war, wandte sie sich an eine schon arg beschwerte Schwangere zu Ihrer Rechten. Read more »


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Kennzeichen Twingo

Wir fahren einen kleinen, gemeinen Twingo. Der frische Franzose ist rot und perfekt für die Stadt. Auf Reisen ist er gleichsam ein Raumwunder, dass alle Tüten, Koffer und Säcke problemlos schluckt und dabei sogar noch Platz für Fahrer und Beifahrer lässt.
Bergauf auf der Autobahn verliert er vollgepackt jedoch gern an Geschwindigkeit, daher habe ich hie und da alle Zeit der Welt um die blühenden Wiesen, die Verkehrsschilder und das parkende Polizeiauto an einer Parkbucht-Zufahrt zu beobachten.
Da sitzt er, der Polizist, denke ich mir – und wartet auf den bösen Buben der hier vorbeifährt. Was er wohl sucht? Einen Verbrecher auf der Flucht? Einen entführten LKW mit wertvoller Fracht, einen Container voller Menschen oder einen Drogenkurier im Bus? Als ich in die nächste Talsenke hinabsause, um an deren Ende mit günstigem Schwung wieder hinaufzurasen, gucke ich nicht in den Rückspiegel. Read more »


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Und dann noch …

Und dann noch Aufstehen morgens. Das Schlafen war schon ein hin und her. Es gibt so Tage, so Nächte. Man wälzt sich rum und rechnet im Kopf alles durch. Grübelt sich wach, zum Klo und zurück. Und dann kommt der nächste Tag, nach dem man nicht gefragt hat. Einfach liegen bleiben, als wäre es Sonntag, als wäre es nicht Montag.
Als ich noch in der Schule, war konnte ich alles Weitere träumen. Ich hatte einen Traum, in dem ich aufstand, mich anzog, aß, zum Zug ging, zur ersten Stunde pünktlich erschien. In Wirklichkeit verschlief ich das alles und kam zu spät.
Heute werde ich fürs Aufstehen bezahlt. Es gibt einen Tisch in einem Büro hinter dem man mich erwartet.
Die Prozedur hat sich auf emotionaler Ebene her jedoch nicht geändert: ich stehe auf und schlafe innerlich noch, während ich mich anziehe, die Zähne putze und zur Arbeit radele. Ich träume das alles, und tue es. Read more »


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Das Gute im Schlechten

Wartehallenästhetik kommt nicht allein. Das Ausharren in diesen Hallen des Absitzens kennt auch eine Wartehallenemotion. Am Ende weiß man nicht mehr, was zuerst da war: die Optik, oder das Gefühl.
Der Lift ist die kleinste bekannte Zelle, in der wir kollektives wie einsames Unwohlsein erfahren dürfen. Manche wagen erst gar nicht einen Fuß hinein – und wer es tut denkt im Nachhinein oft: ist auch besser so. Gerade in Mietshäusern bleibt einem zu zweit im Aufzug nicht einmal genug Raum für die Füße. So steht man im Nasensturm des Gegenübers und kann kaum die Augen schließen. Im Gegenteil, die Stille schreit nach einem belanglosen Gespräch. Doch alles was man sagen möchte ist Direktes, meinetwegen Anzügliches, Abwehrendes. Das ist das Fahrstuhl-Tourette. Vergleichbar mit dem Reiz, auf Beerdigungen einfach mal herzhaft zu Lachen. Nicht ratsam, aber ein finsteres Gelüst, ein letztes, ultimatives Tabu, welches wir nicht brechen wollten, wären wir nicht so bedrängt – räumlich oder emotional.
Ich kann mich rückblickend wirklich nur an zwei regelrecht entspannte Fahrstuhlpartien erinnern. Read more »


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Wellness-express

Sie gehen nicht zum Sport, sie rennen. Sie rennen nicht auf dem Laufband sie rasen. Sie stemmen nicht Gewichte, sie reißen sie – und wenn sie Schwimmen, dann um die Wette.
Im Ruhebereich der Wellnessecke geht es hektisch zu, wenn sie entspannen. Selbst wenn sie ruhen, rasten sie nicht. Vom Zeh bis zum Scheitel ist gegen jedes Zipperlein ein Kraut gewachsen, welches gecremt, einmassiert oder gepeelt werden kann. Read more »


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Wenn es 13 schlägt

Ironischerweise war es das „Spiel des Lebens“, welches ich immer wieder verlor. Während in meinem Plastikauto-Spielstein ein Kind nach dem anderen landete und ich bei der Bank immer tiefer in der Kreide stand, zählte meine ältere Schwester ihre Spielgeld-Penuzen und brummte mir saftige Überziehungszinsen auf. Natürlich war sie Mitspieler und Spielbank zugleich. Natürlich erlebte sie das Börsen-Hoch und ich das Tief. Sie wurde Millionärin, ich nur Tellerwäscherin. Das Rad des Schicksals drehte sich und wo ich auch hinfuhr mit meinem Lebenswagen – meine Mitspieler fuhren voran. Schon früh hatte ich mir eine Taktik zurechtgelegt, die meine Schwester als gaunerhaft bezeichnete: Read more »


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Grüezi am Flughafen

Die Schweiz ist eine Wundertüte. Dass zeigt sich nicht nur in den vielen kuschelig versteckten Tälern und Dialekten, Sprachen und Regionen, sondern auch am Temperament der Leute. Schnell verliert der Schweizer seine Geduld, wenn es um Sauberkeit und Ordnung geht, aber auf der Autobahn darf es ruhig gemächlich zugehen. Dort zuckelt er mit narkotisierenden 100 Sachen durch die Berglandschaft, und es stört auch nicht, wenn er mal nur 80 fährt. Wo soll man auch hin, überall woanders ist Europa, überall woanders ist es anders, als in der Schweiz.
Alles Klischees? Vor ein paar Jahren untersuchte Willibald Ruch, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Zürich den Nationalcharakter der Schweizer im Rahmen einer Studie. Wie zu erwarten befand er, der Schweizer entspräche nicht seinem Stereotyp.
Die befragten Schweizerinnen und Schweizer sagten zwar selbst aus, ihre Landsleute seien gewissenhaft, introvertiert und zurückgezogen. 300 ausgewählte Probanden hingegen durften einen Persönlichkeitstest durchlaufen, und es kamen erstaunliche Ergebnisse zustande: die Personen zeichneten sich durch innovatives Verhalten aus und waren sehr offen Neuem gegenüber, während die angenommene Gewissenhaftigkeit nur eine untergeordnete Eigenschaft zu sein schien.
Am Ende, so das Fazit, gäbe es keinen „Nationalcharakter“. Wir hielten nur an den Schablonen fest, um „unsere komplizierte Welt“ zu ordnen.
Bei der Hinfahrt zum Flughafen Zürich war die Welt an sich auch noch ganz geordnet, die Wege waren klar, wir hatten viel Zeit mitgebracht und pflegten die Schweizer noch ganz stereotyp der Kategorie „alles läuft nach Plan“ zuzurechnen. Read more »


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Verkehr

Der Inder guckt,
so ist seine Art,
dem Gegenüber ins Antlitz
bei voller Fahrt.

Durch blasse Besatzer von der Insel
Auf links gedreht,
fährt der in der Mitte
der sich aufs Überleben versteht.

Dort geht auch die Kuh
zum nächsten Tempel
in aller Ruh –
was schert sie das Gerempel. Read more »


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